Eine neue Oper für Stuttgart – Plädoyer für ein Umdenken
So plante Max Littmann (1862-1931) das Theaterensemble für Stuttgart. Unverändert erhalten ist die Oper, das Große Haus. Sie ist ausgerichtet nach der Achse des Ovalsees und der Eugenstraße. Damit steht sie im rechten Winkel zur Parkachse des Schlossgartens von Nikolaus Friedrich Thouret (1767-1845), geplant und ausgeführt ab 1806. Parallel zu dieser Achse wurden später die Neckarstraße und auch die Urbanstraße angelegt. Hier sieht man die Eugenstraße und ihre Verlängerung als Staffel, die hinaufführt zum Galateabrunnen und Eugenplatz. Heute gibt es diese wichtige Blickachse nicht, weil sie zugewachsen ist.
Zustand 1958

EiINE NEUE OPER – warum ? wo ? wann ?
WARUM ? Littmanns Oper stammt von 1912. Seit langer Zeit besteht dringender Sanierungsbedarf. Ihre Technik ist überholt. Zahllose Arbeitsbereiche sind unwürdig, ja unzulässig.
Mit dem äußerst problematischen Zustand wachsen und stauen sich die Probleme. Die Sanierungskosten steigen ins Groteske. Von 1 bis 2 Milliarden Euro ist die Rede. Die Realisierung könnte sich bis Mitte der 2040er Jahre hinziehen. Keiner der heutigen Entscheidungsträger würde das im Dienst erleben. Allenfalls im Ruhestand.
Ein Umdenken erscheint notwendig.
EINE NEUE OPER ist für Stuttgart angemessen. Städte gleicher Größe und Bedeutung verfügen über mehrere Häuser. Der Littmann-Bau könnte weiter für Opern, die sich darin problemlos realisieren lassen, verwendet werden, für das Ballett, Konzerte und manches mehr. Die NEUE OPER dient den großen Projekten, ausgestattet mit allem, was dazu nötig ist.
Es folgt ein Blick auf den Akademiegarten, den es noch nicht lange gibt. Er war ein geschichtsträchtiger Ort. Im 18. Jh. entstand dort außerhalb der eigentlichen Stadt eine Kaserne. Sie wurde in eine Carlsakademie umgewandelt und als Hohe Carlsschule sowie ab 1782 als Universität europaweit als Bildungsstätte berühmt.
Eine neue Oper für Stuttgart

WO sollte sie stehen ? Mitten im einmaligen Kulturquartier der Stadt – gemäß der bewährten Devise „Stärken stärken“. Keinesfalls dürfte diese NEUE OPER im künftigen Rosensteinquartier angesiedelt werden. Das hätte eine Verschiebung auf den Sankt-Nimmerleinstag in einem unfertigen Stadtteil zur Folge. Analog zu dem traurigen Start der Stadtbibliothek im seinerzeit unfertigen Europaviertel. Ganz zu schweigen von der Vollendung erst in den 2040/2050er Jahren.
WO also ? Im Herzen der Stadt, in unmittelbarer Nähe zu den übrigen Häusern der Staatstheater: zwischen Planie und Schillerstraße. Drei Orte kommen dort in Frage: 1. der Akademiegarten, 2. der Eckbereich B14/Schillerstraße, 3. die mittlere Schillerstraße.
WANN ? – Warum nicht sofort. Die Teams des Staatstheaters und die gesamte Öffentlichkeit brennen danach.
BEDENKEN: Deren Träger mögen sich, obgleich hier tief verwurzelt, kurz zurückhalten und die weiteren Bilder und Argumente abwarten.
KLIMA: Natürlich stünden im Stuttgarter Kessel am besten gar keine große Bauten. Aber dann hätten die Kolosse entlang der Hauptstätter Straße/B 14 oder das Dorotheenquartier nicht errichtet werden dürfen. Oder der als HBF inzwischen überflüssige Bonatz-Bau hätte abgerissen werden können. Trotz der dann frei wehenden Luftströme ist das zum Glück nie jemandem eingefallen.
Kurz: eine große, eine bedeutende Stadt braucht große Bauten. Und es läßt sich auch im bisherigen Klima der Kessellage gut leben und arbeiten. Das weiß der Autor aus über 30jähriger Erfahrung.

Eine neue Oper für Stuttgart
VORTEILE: die INTERIMSOPER ENTFÄLLT ! Damit ein immenser Kosten- und Zeitfaktor. Die Szene bei den Wagenhallen atmet auf. Eine NEUE OPER wäre für die ganze Stadt eine große Bereicherung.
Stuttgart warb einmal für sich als „Großstadt zwischen Wald und Reben“ – nicht zu Unrecht. Spötter und Neider machten daraus „zwischen Hängen und Würgen“.
Das Sanierungsprojekt des Großen Hauses, das Festhalten am tiefgreifenden, risikoreichen Umbau der in die Jahre gekommenen Littmann-Oper, das ewige Planen und Abwägen haben das Projekt zum Hängen und Würgen gebracht.
Ein Gordischer Knoten ist entstanden. Es braucht einen Befreiungshieb wie den von Alexander dem Großen. Stadt und Land, die Intendanz der Staatstheater und die diversen Arbeitsstäbe sollten sich zu einem Schwerthieb vereinen: statt weiteren mühseligen kleinen Schritten ist der Mut zum BAU EINER NEUEN OPER wünschenswert.
WANN ? – ein Beschränkter internationaler Wettbewerb sollte bereits im Herbst 2026 stattfinden. Baubeginn 2027/28. Fertigstellung nach 5 Jahren. Umzug von der Littmann-Oper in die NEUE OPER. Sanierung von Littmanns Bau ohne äußere Veränderung gleichfalls in ca. 5 Jahren. Vollendung von allem etwa 2037/38.

1977, 15. November: Vorstellung des Entwurfs NEUE STAATSGALERIE im ehem. Landespavillon (heutiges S21-Areal): Günter Behnisch (1922-2010), unterlegener Wettbewerbsteilnehmer, versucht James Stirling (1926-1992) zur Brust zu nehmen. Michael Wilford (1938-2023), dessen Partner, feixt.
Es folgen in kurzen Abständen Blicke auf die stadträumliche Situation, die vom Kessel unbelastete Architekten bereits gestalten wollten. Einem eben, James Stirling, ist mit seinen hier zunächst von vielen Seiten attackierten Plänen ab 1977 nicht nur ein weltweit beachtetes Ensemble direkt an der B14 gelungen. Er hat damit auch ein Beispiel für Stadtreparatur nach den Schäden des Krieges und denen der Nachkriegszeit geschaffen.
Das Große Haus 1912 und heute

Max Littmanns Opernhaus oder Großes Haus im Eröffnungsjahr 1912. Dieses Baudenkmal darf vielleicht mit einem Oldtimer verglichen werden. Ein schöner, eleganter Wagen, der fährt und fährt, auch Preise einfährt und von seinem Publikum sehr geliebt wird. Einen solchen Bau nun hochzurüsten zu einem allen heutigen Erfordernissen genügenden Opernhaus mit Kreuzbühne u. ä. kommt einer nicht nur inneren Umwandlung, sondern wohl auch Überforderung gleich.

Das Stuttgarter Opernhaus heute – noch im Originalzustand. Es hat als einziger Kulturbau der Landeshauptstadt den Zweiten Weltkrieg unversehrt überstanden.
Darf, kann ein solcher Bau rigoros hochgerüstet werden ? Verkraftet er das ? Verändert ihn das nicht ?
Auf der Vergleichsebene „Oldtimer“ hieße das: Einbau eines ungleich stärkeren Motors, der nicht in die vertraute Karosserie passt. Innerer und äußerer Umbau wären nötig. Und eine Veränderung nicht nur der Motorhaube. Die Folgen wären: Verfälschung des ursprünglichen Charakters, Verringerung des Werts, Verlust des Oldtimerstatus.
Und das blüht im Kern unserer Oper, wenn man Teile ihrer Seitenfassade wegen innerer Ausdehnung nach vorne verschieben muß. Die Stimmigkeit des gesamten Baues nähme Schaden. Auch weiß niemand, wie der Baugrund auf schwerwiegende Eingriffe reagiert. Ebenso wenig, was für Folgen das für das alte Baugefüge insgesamt hat. Von den unkalkulierbaren Kosten ganz zu schweigen.

Die Oper 1912 an der Neckarstraße, heute: Konrad-Adenauer-Straße/B14. 1912 liegt sie nicht direkt an der Straße. Der Bühneneingang hat ein Vorfeld: eine halbrunde Vorfahrt von ca. 16 m Tiefe. Das Vorfeld für die Künstler ist inzwischen der B14 zugeschlagen worden.
Auf der halbrunden Rasenfläche fand 1914 der Schicksalsbrunnen von Karl Donndorf (1870-1941) seinen Platz – zur Erinnerung an die 1910 ermordete Sängerin Anna Sutter. Donndorfs Werk ist ein Pendant zum Brunnen der Galatea am Eugenplatz. Es wurde 1963 entfernt, sollte aber an seinen Bestimmungsort zurückkehren.
Stuttgarts Mitte aus der Vogelsicht vor 1944

Um die gesamte stadträumliche Situation zu vergegenwärtigen, präsentiere ich einige ältere Luftaufnahmen. Hier vom 1. Juni 1923, Foto LMZ-BW. Heute noch vorhanden sind das Neue Schloss und das Alte Schloss, links davon hinter den Bäumen der Planie das Waisenhaus und vorne links die Oper. Hinter dem Neuen Schloss gibt es keinen Akademiegarten, sondern die größere Carlsakademie. Von ihr existiert nur noch die Baumgruppe in ihrer Mitte.

Die Aufnahme von ca. 1930, LMZ-BW, zeigt unten die Markthalle, halbrechts das Waisenhaus, darüber den Dreiecksplatz der Planie und die südlichen Seitenflügel der Carlsakademie. Rechts am Rand die noch existierenden Platanen.

Die düstere Aufnahme aus den frühen 1940er Jahren offenbart die Kriegssituation vor der Bombardierung 1944. In der Mitte hell die Oper, zurückgesetzt von der Straße mit Vorfahrt und Schicksalsbrunnen. Unten links Flügel der Carlsakademie, zur Oper hin Giovanni Saluccis vom Krieg verschontes Reithaus. Links von der Oper der ihren Ort bestimmende Ovalsee. Ohne Wasser, dunkel angestrichen oder mit Planen ausgelegt, um nicht feindlichen Luftangriffen durch Spiegeleffekte als Orientierung zu dienen. Oben rechts die Staatsgalerie. Ihr gegenüber die Münze (1967 abgerissen) und links weit dahinter das unversehrt gebliebene Katharinenstift.
Nachkriegszeit

Oper und Schlossgarten 1953, LMZ-BW, Foto Albrecht Brugger. Neben der Oper steht rechts das elegante Reithaus, das letzte Werk des Florentiners Giovanni Salucci (1769-1845) in Stuttgart. Erbaut hat er zunächst als Hofarchitekt das Schlösschen Weil bei Esslingen und weiteres im Kontext der Vollblutaraberzucht von König Wilhelm I. Seine Hauptprojekte sind die Grabkapelle auf dem Württemberg, Schloss Rosenstein und das Wilhelmspalais/Stadtpalais. Das unversehrte Reithaus wird 1959 abgerissen!
Für die Gartenschau von 1961 wird die ursprüngliche, stadtbildprägende Parkanlage von Nikolaus Thouret zerstört: der komplett erhaltene Ovalsee, die Parkachse bis zu den Rossebändigern vor der Platanenallee sowie der Rosengarten der Königin Olga am Gartenflügel des Neuen Schlosses. Seitdem gibt es einen bezugslosen Eckensee.
Auf dem Foto von 1953 sind um den See und im Rosengarten 13 Statuen erkennbar, die alle den Krieg überstanden. Jetzt sind sie aber nur teilweise zu sehen. Wieso und wo sind die übrigen geblieben?

1959, 22. Juli, Foto LMZ-BW: Blick vom Großen Haus auf die ehem. noble, vierspurige Neckarstraße, die bald eine die Stadt teilende Verkehrsschneise werden sollte. Das künftige Gelände für Kulissenbau und Straßenraum wird auf Höhe der Staatsgalerie von den Resten der Münze begrenzt. Für die Verbreiterung der Straße wird sie 1967 abgerissen. Dieses Areal wird auch Baufläche in den kommenden Jahren sein.
Carlsakademie

Die Planie in den 1930er Jahren, Foto LMZ-BW. Sie führte auf das trotz größter Proteste 1963 abgerissene Kronprinzenpalais an der Königstraße zu. Der Bau war besser erhalten als das Neue Schloss, das nur mit einer Stimme Mehrheit wieder aufgebaut wurde. Der Seitenflügel der Carlsakademie schafft ein klare Straßenkante.

Der Innenhof der Carlsakademie um 1900, Foto Stadtmessungsamt Stuttgart. Die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Anlage wird nicht wieder aufgebaut. Sie hätte eine Schiller-Universität werden können, benannt nach ihrem bedeutendsten Schüler. Zumindest für die geisteswissenschaftlichen Fächer.
Erhalten geblieben sind von allem nur Thourets Löwenbrunnen von 1811 und die damals gepflanzten Platanen.

Der Platanenkreis mit Löwenbrunnen heute – einziges Überbleibsel der einstigen Hohen Carlsschule. Der jetzige Akademiegarten wird durch den enormen Verkehrslärm fast nur als Durchgangszone genutzt. Dieses Kerngebiet des Kulturquartiers fordert eine architektonische Einfassung und Aufwertung.
Akademiegarten und Charlottenkreuzung

Der Akademiegarten auf dem Gelände der ehem. Carlsakademie wird von der StZ um 1960/61 gefeiert. Grasflächen gab es dort zuvor nicht. Die Erweiterung der Schlossgartenanlagen findet wegen des Verkehrslärms nur begrenzten Zuspruch.

Die B14 auf dem Weg ihrer Vollendung, 1972, Foto LMZ-BW
Der Akademiegarten hat bereits seine heutige Form. Arbeiten an der Hauptstätter Straße/B14. Die Leonhardskirche, jahrhundertelang Zentrum eines wichtigen Stadtteils, ist weitgehend um ihr Umfeld gebracht. Klotzige Parkhäuser von Breuninger und Züblin als Hauptelemente der autogerechten Stadt zwängen sie ein. Noch gibt es kleinteilige Lebendigkeit ihr gegenüber in den etwas verruchten Vereinigten Hüttenwerken. Bald werden sie durch klobige Verwaltungsbauten des Schwabenzentrums ersetzt.

Die Charlottenkreuzung, fälschlich Platz genannt. Er ist aber keiner, denn ein Betreten für Fußgänger ist nicht möglich. Die „Platz“-Bezeichnung kann nur an einem Lichtmast angebracht werden. Ein Entlanggehen am Akademiegarten gibt es nicht. Die Fußgängersituation ist an den drei weiteren untertunnelten „Plätzen“ der B14 genauso miserabel. Auch sie sind lediglich Straßenkreuzungen einer autogerechten Stadt.

Viel Grün beschönigt eine Straßenecke, die keine mehr ist.

2018, 7. März: Ist das ein Platz ?
Arbeitsgruppe Stadt/Land 1985/87 – Ungenügen an der bestehenden Situation vor 40 Jahren

Beflügelt vom Welterfolg der 1984 eröffneten Neuen Staatsgalerie, bildet sich eine Arbeitsgruppe Stadt/Land, die auf Empfehlungen von Gutachtern und Vorschläge berühmter Architekten setzt. Ein Internationales Symposion findet am 17. und 18. November 1986 statt und eine Präsentation am 10. April 1987 – festgehalten in einer DIN A 3-Dokumentation der Staatlichen Bauverwaltung.

Zustand 1986 – das Kulturquartier ist fast identisch mit dem heutigen Zustand. In der Dokumentation heißt es:
„Den erarbeiteten Lösungsvorschlägen liegen insbesondere folgende Zielvorstellungen zugrunde:
– Verbesserung dieses zentralen Kulturbereiches in städtebaulicher, funktioneller und optischer Hinsicht,
– Beschränkung der Verkehrsflächen auf das absolut notwendige Maß,
– Verbesserung der Verhältnisse für Fußgänger, überquerende Fußwege, insbesondere für die
– Neuordnung, Gliederung und Gestaltung der durch Rückbau gewonnenen Freiflächen.“
Stirling, Rowe, Barth: Umgestaltungsvorschläge 1987 – denkbare Orte für eine NEUE OPER

James Stirling schlägt für den Bereich Planie-Schillerstraße auf dem Gelände der ehem. Carlsakademie einen großen Bau vor, dessen Halbrund die alte Baumgruppe mit dem Löwenbrunnen umschließt. Als Nutzung ist angegeben IFA, Landesmuseum, Haus der Geschichte.
Gegenüber von der Alten Staatsgalerie platziert er am Ort der abgesenkten Turnhalle einen Turm, um die Kulturmeile mit einem Eingangsakzent zu markieren.
Der Ovalsee und die Parkachse sind wieder hergestellt.

Colin Rowe (1920-1999), der aus England stammende, in den USA tätige Architekt, Architekturhistoriker und -theoretiker, schlägt für den Akademiegarten eine schlanke L-förmige Einfassung vor. Anstelle des 1959 abgebrochenen Reithauses setzt er zwischen Landtag und Oper einen ähnlichen Akzent (wie 2018 auch Mäckler Architekten, s. unten). Gegenüber von der Alten Staatsgalerie plant Rowe einen gestreckten U-förmigen Bau, der zusammen mit dem Ehrenhof des Museums eine Art Tor zur Kulturmeile ergibt.
Auch Rowe stellt Thourets Ovalsee samt Parkachse wieder her.

Der Südtiroler Othmar Barth (1927-2010) sieht ähnlich wie Rowe für die Ecke Planie/Konrad-Adenauer-Straße einen winkelförmigen Bau vor, der über eine Brücke mit der Landesbibliothek verbunden ist. Als Pendant zur Alten Staatsgalerie stellt er sich anstelle des Katharinenstifts einen stattlichen Bau mit Turm vor als markanten Hauptakzent des Kulturbereichs der Stadt.

Wie zuvor: Vogelperspektive von Süden.
Intermezzo: Menschen statt Autos auf der B14

2017, 17. September: zum ersten Mal ein Menschengedränge statt Autos auf der B14.

Unter manchen bekannten Gesichtern 4 Stuttgarter Museumsdirektorinnen: Christiane Lange, Inés de Castro, Ulrike Groos, Cornelia Ewigleben.

Opernintendant Jossi Wieler gibt für die B14 die Devise aus: „Rasen statt rasen“ – Architekturprofessor Arno Lederer (1947-2023) kurz vor dem Ausrollen.

Auf der Straßenseite des Großen Hauses ein ungewohntes lebendiges Treiben – auch oben auf der Terrasse vor dem Ballettsaal.

Erhoffte Rückkehr des Schicksalsbrunnens an seinen Bestimmungsort – dazu frei nach Goethe:
Ihr naht euch wieder, steinerne Gestalten,
Die früher sich hier unsrem Blick gezeigt.
Versuchen wir, euch diesmal festzuhalten ?
Ist unser Wille diesem Ort geneigt ?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr so schön aus Dunst und Nebel steigt,
Der Busen Stuttgarts fühlt sich froh erschüttert
Von Eurem Umzug, seid ihr auch leicht verwittert.
Ihr bringt mit euch die Bilder einstger Tage
Und manche lieben Straßen steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt ein geliebtes Stadtbild mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Der Nachkriegstaten Stuttgarts irren Lauf,
Und nennt die Bauten, die um schöne Jahre
Vom Glück getäuscht, geendet auf der Bahre.
Ein Jahr später

2018, 18. Juli: eine weitere friedliche Veranstaltung auf der autofreien Verkehrsschneise B14.

Der Autor nicht auf hohem Ross, nur auf großem Stuhl inmitten der B14 zwischen Großem Haus und Neuer Staatsgalerie.

Gleicher Tag und Ort: erstmals spielende Kinder auf der B14, einst eine Magistrale der Stadt und vornehme Bürgerstraße.
Hier auf einer im Tunnel unbenutzten Fahrspur, die laut Auslobungstext für die Neue Staatsgalerie 1974 und 1977 als Raum vor der Alten Staatsgalerie zurückgewonnen werden sollte …

Ganz so breit wie die Trottoirs der Avenue des Champs Élysées in Paris – 20 m – müssten die künftigen Bürgersteige der B14 ja nicht werden. Aber mehrere Baumreihen könnte es schon geben. Dann ließe sich auch ein architektonischer Frevel des Jahres 1972 beheben: die Durchbohrung der Seitenflügel der Alten Staatsgalerie.
Der Durchgangsverkehr wird auf einer der berühmtesten Straßen der Welt ganz einfach dadurch ausgeschlossen, da es auf 1,9 km insgesamt 11 Ampelanlagen und keine Untertunnelungen gibt.
INTERMEZZO-ENDE
Workshop Ideenfindung Kulturquartier 2018

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Symposion von Stadt/Land mit Beiträgen der Generation Stirling lädt die Bürgerinitiative „Aufbruch Stuttgart e. V.“ Architektur- und Stadtplanungsbüros vom 2. bis 4. November 2018 zu einem „Workshop Ideenfindung Kulturquartier“ nach Stuttgart ein. Im „Haus der Architekten“ unterbreiten die fünf renommierten Teams erstaunliche Lösungsvorschläge.
Vorneweg: alle fordern einen radikalen Rückbau der B14, die äußere Unversehrtheit der denkmalgeschützten Littmann-Oper und mehrere eine NEUE OPER. Ich wähle hier Projekte aus, die für das Gelände der Carlsakademie und den Bereich der Schillerstraße von besonderer Bedeutung sind.
An den Anfang stelle ich ein grundlegendes Statement von Herzog & de Meuron. Die weltbekannten Basler Architekten spiegeln entlang der Parkachse von Thouret die Hauptelemente des Areals und platzieren dementsprechend einen Opernneubau an der Königstraße. Wie alles Folgende anzusehen in einer 42seitigen Broschüre vom Aufbruch Stuttgart, Dezember 2018.

Allman Sattler Wappner. Architekten, München, denken im Akademiegarten in Anlehnung an die Carlsakademie an eine verwandte Grundform, der sie den Arbeitstitel „Neue Akademie“ geben. Die Konrad-Adenauer-Straße ist stark verschmälert. Das Katharinenstift, in Zukunft von den Theatern benutzt, „verschieben sie nach Schweizer Vorbild“ hydraulisch um 25 bis 30 m nach Westen (teuer, aber billiger als Abbruch und Neubau). Dadurch gewinnen sie Raum für eine NEUE OPER gegenüber der Staatsgalerie.
Im Bereich der früheren Neckarrealschule soll eine terrassierte, zeitgemäße Schule für das Katharinenstift entstehen – analog zum gestaffelten Charakter der John Cranko Schule.

Lange Baukanten im Bereich des Akademiegartens und damit Rückgewinnung von städtischem Straßenraum anstelle der hier seit einem halben Jahrhundert unklar definierten, ausufernden B14.

Von Osten sieht man unten den terrassierten Schulbau (vorgesehen: mit begrünten und begehbaren Dächern). Der markante Turm für kulturelle Nutzungen wäre wohl wegen Stuttgart 21 nicht realisierbar.
2. Ort für eine neue Oper: Eckbereich Konrad-Adenauer-Straße/Schillerstraße

1905: Katharinenstift im Schlossgarten, Foto Haus der Geschichte. Der kleine Vorgarten gehört zum Bau der Münze an der Neckarstraße. Von dort führt eine Sackgasse zur Schule. Die den Schlosspark querende Schillerstraße gibt es noch nicht.
BEDENKEN gegen diesen Ort: Der Bereich ist heikel. Dort steht der Schulbau des traditionsreichen Königin-Katharina-Stift-Gymnasiums. Errichtet erst Anfang 20. Jh., ist er architektonisch nicht von besonderem Rang. Auch ist er nicht der historische Bau, noch der ursprüngliche Ort der Schule. Sein Verschwinden wäre dennoch eine Art Schock für die Stadt. Quasi traumatische Erinnerungen an die skrupellosen Abbrüche der Nachkriegszeit stehen einem solchen Beschluss entgegen.

2013, am verkehrsberuhigten 31. Dezember: Kulissengebäude und Katharinenstift bei der Gebhard-Müller-Kreuzung – „Platz“ genannt ?!
Unbefangene Architekten von außerhalb kennen aus stadträumlichen Erwägungen kein Hemmnis hier zu planen. Und auch nicht Arno Lederer. Er dachte an eine Verlegung der Schule in die erhöhte Position der Neckarrealschule. Grundlegend saniert und erweitert um Bauten an der Urbanstraße, könnte das ein idealer, ebenso zentral gelegener Schulbau sein wie der am Verkehrsstrom der Schillerstraße.

Diese Aufnahme und die folgenden wurden im März 2026 gemacht.

Links der für Fußgänger durchbohrte Flügel der Alten Staatsgalerie. Im Raum darüber startete 1975 die Museumslaufbahn des Autors – ohne die Möglichkeit, bei geöffneten Fenster zu telefonieren !!!

Der sog. Gebhard-Müller-Platz: rechts der einzige von zwei erhaltenen Wohnbauten des 19. Jh. zwischen Wilhelmspalais und Neckartor.
Mit diesem ansprechenden Umfeld der Alten Staatsgalerie beginnt das Kulturquartier der Stadt.

Das Foto zeigt, dass die „autogerechte“ Stadt an ihr Ende gekommen ist. Vgl. dazu den noch folgenden Text von Frank Werner aus dem Jahr 1979 .
3. Ort für eine neue Oper: Bereich Schillerstraße zwischen Katharinenstift und Hotel am Schlossgarten

Theodor Fischer (1862-1938), Max Littmanns hochrangiger Konkurrent, sah mit seinen Entwürfen für die Hoftheater von 1903-1907 dieses Parkareal als ideal an. Projekt II von 1907: hinter einem durchlaufenden Arkadengang in der Mitte das Opernhaus, flankiert links vom Schauspielhaus und rechts vom Bau für Magazin und Verwaltung. – Hauptargument gegen die Ideen des berühmten Architekten war die Zerstörung von Thourets Parkachse.
Vgl. Dorothea Weiß-Vossenkuhl, Das Opernhaus in Stuttgart von Max Littmann (1910-1912), Magisterarbeit LMU München 1980/81, Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 34, 1983, S. 27 ff., Abb. 15.

Die Parkachse existiert seit 1961 nicht mehr und könnte auch nicht über das gewölbte Dach des neuen Bahnhofs geführt werden. Also darf auch über diesen Bereich der Schillerstraße als Ort für eine NEUE OPER nachgedacht werden.
Mäckler Architekten stellen 2018 bei ihren Vorschlägen Thourets Ovalsee wieder her und führen die Parkachse wie Theodor Fischer bis zur Schillerstraße. Dort platzieren sie eine Konzerthalle, s. unten.

Theodor Fischer, Hoftheater im Stuttgarter Schlosspark, Projekt II, 1907, nach Weiß-Vossenkuhl, 1983, Abb. 14. Vor den zurückgesetzten Seitenbauten befinden sich querrechteckige Höfe, an deren Vorderseiten Läden sind.

Architekt Prof. Dr. Theodor Fischer, um 1910, als er in Stuttgart wenigstens den Auftrag für das Kunstgebäude am Schlossplatz erhielt. Lithographie von Karl Bauer (1868-1942), 44,9 x 38,9 cm. Foto Wikimedia
Mäckler Architekten: Eine neue Oper gegenüber der Alten Staatsgalerie

Christoph Mäckler, Gründer des Instituts für Stadtbaukunst, und sein Team Mäckler Architekten, Frankfurt, bieten 2018 die umfangreichsten Gestaltungsvorschläge. Rückgrat für die Maßnahmen ist die Wiederherstellung der Parkanlagen mit dem Ovalsee samt Rosengarten und Parkachse.

Mäckler Architekten präsentieren auch eine komplette To-do-Liste für Stadt und Land. Die Konrad-Adenauer-Straße wird ein Boulevard mit 4 Fahrspuren samt Tor- und Turmakzent am Anfang und Ende. Den Akademiegarten umschließt ein Verwaltungsbau, der klare Straßenkanten schafft. Mit dem Ovalsee von Thouret gewinnt die Littmann-Oper wieder einen Achsenbezug. Im Bereich der mittleren Schiller-Straße ist eine Konzerthalle vorgesehen. Über dem Zugang zu den Wagenburgtunneln entsteht ein Neubau für das Katharinenstift.

Mäcklers Hauptgedanke aber ist die Errichtung einer NEUEN OPER an der Konrad-Adenauerstraße/Schillerstraße: als Pendant zu Littmanns Großem Haus und zur Alten Staatsgalerie. Ein gemeinsames Foyer verbindet drei Theatergebäude. Das Ganze wäre ein großartiger Einstieg und Höhepunkt des Kulturquartiers.