Der Hauch von Kunst in Gibellina lässt sich südöstlich von Trapani im Westen Siziliens erfahren.

Gibellina Vecchia haben wir im Herbst 2016 besucht. Den kleinen Ort zerstörte am 15. Januar 1968 ein Erdbeben. Zwei Häuser stehen noch. Inzwischen ist Gibellina in ein Kunstwerk verwandelt. Und zwar in das wohl größte Landschaftskunstwerk Europas. Als Gräberfeld lebt Gibellina weiter. Man begegnet hier gleichermaßen der Macht der Natur wie der Macht der Kunst. Aus der Ferne nimmt man zunächst in der Landschaft eine hellere, glatte Fläche wahr. Sie wirkt wie eine Art Pflaster auf einer großen Wunde der Natur.

Gibellina nach dem 15. Januar 1968

Gibellina im Frühjahr 1968, Foto Wikimedia.

Man gab die Ruinenstätte auf. In einer Entfernung von 9 km errichtete man ein neues Gibellina. Für 50.000 Menschen war es geplant. Heute leben in der kleinen Stadt knapp 4.000 Einwohner. Zahlreiche internationale Architekten und Künstler unterstützten die Neugründung und stifteten Kunstwerke. So ist das junge Gibellina der italienische Ort mit der höchsten Dichte an moderner Kunst in seinen Straßen und Plätzen. Die Bevölkerung fühlt sich in dem modernen, weiträumigen Stadtraum jedoch nicht recht wohl. In ihm ging die bis 1968 von altersher vertraute enge Nachbarschaft verloren. Einzelne Bereiche des neuen Gibellina stehen leer und verfallen bereits.

Das alte Gibellina heute

Im ursprünglichen Gibellina waren wir fast allein unterwegs.

Heilende Wirkung von Kunst

Auf einer der beiden Hausruinen von Gibellina ist über drei Stockwerke ein Gesicht gemalt, das etwas an die Züge des greisen Picasso erinnert. Darüber steht ein Satz, der eine Erfahrung aus allen Zeiten formuliert.

COSA SAREBBE L’UOMO SENZA IL SOFFFIO RIGENERATORE DELL‘ A R T E ?“ – „Was wäre der Mensch ohne den wiederbelebenden Hauch der KUNST?“

Man könnte noch genauer vom „regenerierenden“ oder auch vom „heilenden Hauch der Kunst“ sprechen. Die fragende Feststellung trifft die Situation genau. Das empfindet man in Erinnerung an das vergangene Gibellina und angesichts des jetzigen von Alessandro Burri.

Ältere und neue Bereiche des Cretto von Burri

Gibellina Vecchia liegt im Valle von Bellice. Seine Wurzeln reichten bis ins 14. Jh. zurück. Das Erdbeben von 1968 löschte den Ort so gut wie aus. Die Reste Gibellinas hat der Künstler Alessandro Burri (1915-1995) in Beton begraben. Oder mit einem Betontuch die Leiche des Ortes den Blicken von Neugierigen entzogen. Er behielt dabei die Verläufe der alten Gassen und des Geländes bei. Man ist zwischen asymmetrischen, geschwungenen Grabflächen unterwegs. Sie überdecken jeweils die Gruppen einzelner Häuser zwischen den Gassen. Das einstige Ortsgefüge liegt wie in einem Stadtplan vor Augen. Beim Durchwandern der Gassen empfindet man innerlich die Menschen, die hier Generationen lang lebten. Gibellina macht nachdenklich wie der Besuch eines Friedhofs.

Das Werk von Alessandro Burri vermittelt eine fast sakrale Stimmung. 1981 begonnen, ergänzen sich bereits gealterte und neuere Betonflächen zur Gesamtheit des Ortsgrundrisses. Als würdige Erinnerungsstätte hat das verstorbene, nun in der Kunst lebende Gibellina eine aufbauende Atmosphäre. Daran hat auch die eindrucksvolle Landschaft teil. Das Erdbeben war der radikalste denkbare Einschnitt in das Leben und die lange Geschichte Gibellinas. Bei Burri heißt das Werk Il Cretto / Der Riss.

Angleichung durch Witterung und Bewuchs an die Landschaft

Durch Wind und Wetter gleichen sich die schon älteren Betonflächen allmählich der Tönung der umliegenden Landschaft an. Daran hat auch die aus Ritzen hervorwachsende Vegetation ihren Anteil. Mit der Zeit wird Il Cretto ein integraler Bestandteil der Natur werden. Und das von Menschen gemachte Werk wird in der Natur aufgehen, wie es auch Verstorbene tun.

Die absehbare Zukunft

Merkwürdigerweise habe ich angesichts des Kunstwerks von Gibellina ähnliche Empfindungen wie in Ronchamp.