Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen: das weit bekannte Werk vor dem Verwaltungsbau der Stuttgarter Staatstheater hat eine Vorstufe. Es geht gleichfalls um eine Dreierkonstellation und wohl auch um das Thema der Vergänglichkeit.
Karl Donndorf, Entwurf eines Denkmals, um 1911/13

Gipsmodell, 40 x 48 x 39 cm, Stadtpalais – Museum für Stuttgart, Depot, Inv.Nr. S 3037
Das bisher unbekannte Werk im Nachlass des Bildhauers dürfte eine frühe Idee für ein Denkmal in memoriam Anna Sutter sein. Die drei Figuren sind vermutlich Schicksalsgöttinnen, auch wenn sich ihr Tun nicht um den Lebensfaden dreht. Die stehende Gestalt ähnelt in ihrer Platzierung und dem verhüllten Kopf der zentralen Parze des Schicksalsbrunnens. Die sitzenden Figuren lassen sich nicht genau bestimmen, beziehen sich aber auf die stehende Gestalt. Schreibt die linke Frau einen Namen in ein Buch des Lebens?
Donndorf hat hier nicht an einen Brunnen gedacht, sondern an einen abgeschirmten, betretbaren Ort, in dem man sitzend nachdenken kann – im Sinne des Wortes Denkmal. Ein Werk ohne sterbliche Menschen und keines, das sich für den Eingangsbereich eines Opernhauses eignet. Dennoch aber hochinteressant und eine Bereicherung unserer Kenntnis des Künstlers.

Gipsfigur einer machtvoll wirkenden Frauengestalt, deren Tun von der stehenden Figur abhängt.
Entwurf einer Schicksalsgöttin

Sie schneidet jedoch keinen Lebensfaden ab, scheint aber mit der Sanduhr ein Symbol der Vergänglichkeit zu enthüllen. Vielleicht ein Zeichen für das Ende von Anna Sutter. Zugleich ein Wink, das allem Leben ein Ende bevorsteht.
Die Einfassung der Mauer ist höher geplant als beim Schicksalsbrunnen. Die Wirkung dieses Denkmals wäre hermetischer gewesen. Die Buchstaben, die keinen Sinn ergeben, stehen für eine geplante Textzeile.

Aus jedem Blickwinkel zeigt sich die eindrucksvolle Komposition dieser Denkmalsidee.

Die rechte Gestalt mit überkreuzten Armen und Beinen in Erwartung einer Weisung der Schicksalsgöttin in der Mitte.
Anlässlich einer Vorbesichtigung der Gipsmodelle des Schicksalsbrunnens ist 1914 von „langen Erwägungen und Versuchen“ die Rede. Das könnte dieses Modell einschließen.
Der Beobachter, Ein Volksblatt aus Schwaben, 10. Juni 1914: „Karl Donndorf, unser Stuttgarter ‚Brunnenbauer‘, hat nach langen Erwägungen und Versuchen einem Entwurf den Vorzug gegeben, der als überaus glücklich bezeichnet werden kann. Die Grundform des Brunnens …
Ein zweifellos künstlerisch wertvoll gedachter runder Brunnen mit den aufgesetzten Figuren von vier Musen konnte nicht zur Ausführung gelangen, da die Schwierigkeiten des Platzes nicht zu überwinden waren.“
Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen vor dem Künstlereingang der Oper

Juli 1914, Foto Haus der Geschichte
Zur Zeit der Eifersuchtstragödie Sutter-Obris ist das neue Opernhaus von Max Littmann noch im Bau. 1912 eröffnet, liegt sein Künstlereingang zurückgesetzt an der Neckarstraße, sodass Raum für eine Vorfahrt bleibt. Laut Schwäbischer Merkur, 5. Juni 1914, S. 6, wird ein dortiges Blumenrondell ausgegraben, um einer Brunnenanlage Platz zu machen. Hier sieht man den weiß leuchtenden Brunnen kurz nach seiner Enthüllung am 11. Juli 1914. Er ist ein Hauptwerk von Karl Donndorf und der Kunst im öffentlichen Raum Stuttgarts, platziert an der nach der Königstraße wichtigsten Magistrale der Stadt.
Seit 1914 – aber nur bis 1963 – bildet der Schicksalsbrunnen auch ein stadträumliches Pendant zum Galateabrunnen am Eugensplatz. Heute ist das kaum mehr vorstellbar, weil die ehrwürdige Eugenstaffel zugewachsen ist. Nach dieser nicht mehr sichtbaren Achse und dem gut erhaltenen, aber 1959 zerstörten Ovalsee hat Max Littmann seinen Opernbau ausgerichtet.
Schicksalsbrunnen, Juli 1914

Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen, 1913/14, Eltviller Kalkstein, Höhe der Paare mit Sockel ca. 250 cm, Breite des Brunnens 675 cm, Erstaufnahme Juli 1914, Foto Stadtarchiv Stuttgart 2143, FM 28/34. Der Türbereich hinter der Parze ist im Foto abgedunkelt, um ihre Wirkung zu steigern.
Nach der Vorbesichtigung beim Künstler schreibt die Schwäbische Tageszeitung, 10. Juni 1914: „Der Gedanke der dreiteiligen Darstellung, die Schicksalsnorne mit der Gruppe der Freude und des Leides ist prächtig und eindruckstief gelöst und der fertiggestellte Brunnen in der feingeformten halbrunden Anlage dürfte wohl eines der schönsten öffentlichen Kunstwerke Stuttgarts werden.“
Der Staatsanzeiger für Württemberg, 13. Juli 1914, S. 1276 berichtet, dass Donndorf bei der Übergabe auf die Idee hinwies, „die er für das Kunstwerk gewählt habe. Mit Rücksicht auf das Haus, vor dem der Brunnen steht, und in dem des Lebens Lust und Ernst im Spiel am Geiste vorüberziehe, solle dieser Brunnen das Menschenschicksal veranschaulichen, wie es die Extreme menschlichen Erlebens Freud und Leid aus seinen Urnen spende.“
Stuttgarter Neues Tagblatt, 12. Juli 1914: „Seit gestern hat Stuttgart ein neues Kunstwerk in seinen Straßen. Es ist der Schicksals-Brunnen am Hoftheater. Er erhebt sich auf dem kleinen Rasenplatz in der Neckarstraße, dort, wo die Eugenstraße einmündet, ein Schmuck des Straßenbilds wie der hier etwas monotonen Fassade des Theatergebäudes.“ [Fortsetzung nächstes Bild]

„Stuttgart darf sich dieses herrlichen Kunstwerks freuen, das ihm edler Mäzenatensinn geschenkt hat, und der Name Donndorf ist aufs neue mit unserem Hoftheater verbunden: Durch die Schiller-Statue Donndorf-Vater, durch den Schicksalsbrunnen Donndorf-Sohn.“
Der Bericht von 1914 (über die damalige B 14) endet so: „Weitere Worte verschlang der Lärm der Straße, dessen Verkehr unbekümmert um die Feier der Kunst weiterbrauste, selbst ein Teil des Schicksals, das uns unerbittlich an der Kette führt.“
Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen, Schrägsichten, hier im Morgenlicht

Foto Stadtarchiv Stuttgart, 2143. Aufgenommen zu Hitlers Zeiten, als Stuttgart sich als „Stadt der Auslandsdeutschen“ definiert. Im Hintergrund eines der frühen Bürgerhäuser der Neckarstraße, an deren Stelle inzwischen die B14 verläuft bzw. das Kulissengebäude steht.
Im Halbrund des Brunnens ist eine der sechs nach unten gerichteten Fackeln als Sinnbild des Todes gut zu erkennen. Sie wechseln mit sechs nach oben gerichteten als Zeichen des Lebens ab.
Württemberger Zeitung, 13. Juli 1914, S. 5: „…wie das fertige Werk an dieser Stelle wirkt. Man darf sagen: Ganz ausgezeichnet. Im Kontrast zum dunklen Grün des Lorbeers wirkt das fein getönte Grau des Eltviller Kalksteins kräftig und lebhaft und mit dem Sandstein der Hoftheaterfront sehr gut zusammen. Die Maße erwiesen sich als durchaus richtig: Der Eindruck ist monumental, ohne das dahinterliegende Portal zu verdecken oder in unschöner Weise zu überschneiden; die Selbständigkeit beider Teile ist gewahrt.“

Staats-Anzeiger für Württemberg, 13. Juli 1914, S. 1276 f.: „Rechts und links an der Endpunkten des Halbkreises sind zwei Gruppen aufgestellt, die Freude und Leid versinnbildlichen. Links das Leid, eine auf der Brüstung sitzende Jungfrau, mit gramgebeugtem Scheitel, in deren Schoß ein Jüngling schmerzvoll das Angesicht verbirgt.“ [Fortsetzung nächstes Bild]

„Rechts die Freude, eine schlanke Jungfrau, die sich emporreckt zu einem sitzenden efeubekränzten Jüngling. Schön und edel ist in dem Linienfluß der beiden Gruppen ihr Empfindungsgehalt vergegenwärtigt und die ganze Anlage mit dem von zwei Sprudeln bewegten Wasserspiegel der Brunnenschale, mit den durch Fackeln und Fruchtgehänge geschmückten Rückwand stellt ein sinnvoll beziehungsreiches, vornehm gestaltetes Kunstwerk dar, dessen Deutung durch die Inschrift nahegelegt wird.“
Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen: das Schicksal

Gipsmodell, 1913/14, 99 x 88 x 45 cm, Stadtpalais – Museum für Stuttgart, Depot, Inv.Nr. S 3043
Der Nachlass von Karl Donndorf, der inzwischen vom Stadtpalais – Museum für Stuttgart betreut wird, enthält einen ungehobenen Schatz. Es sind die Originalmodelle zu den Figuren des Schicksalsbrunnens. Zeigen die Werke auch deutliche Spuren ihres Alters, so können sie doch mit einer Restaurierung durch Spezialistenhand wieder ihr ursprüngliches Aussehen zurückgewinnen. Die gleichen Erfahrungen machte ich 1987 bei meiner Dannecker-Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart.
Die auf Paletten liegenden Gipsmodelle werden hier erstmals bekannt gemacht, so weit dies die Depotbedingungen ermöglichen. Schützendes Japanpapier im Hintergrund erinnert vereinzelt an dramatische Windbewegungen.
Mein Dank gilt Harriet Müller und Alexandra Schorpp vom Stadtpalais für freundliche Unterstützung und besonders auch Michael Donndorf, dem Enkel des Künstlers.

Foto 1914, Stadtarchiv Stuttgart 2143, A 475
Ich verzichte hier weitgehend auf eigene Kommentare und überlasse lieber Zeitgenossen des Künstlers das Wort. Ihr unmittelbares Reagieren auf ein neues, das Stadtbild bereicherndes Werk ist von besonderem Reiz.
Der Beobachter, 10. Juni 1914, schreibt nach der Vorbesichtigung der Gipsmodelle im Haus des Künstlers: „Die einzelnen Gruppen sind Kunstwerke für sich. Die Gestalt des Schicksals ist als Norne gedacht und zeigt ein fein modelliertes ausdrucksvolles Gesicht mit tiefem Blick.“
Die Unerbittliche „mit tiefem Blick“

Stuttgarter Neues Tagblatt nach der Enthüllung des Brunnens, 12. Juli 1914: „Darüber sitzt die Gestalt des Schicksals, die hageren Arme auf der Brüstung des Mauerhalbrunds in beängstigender Ruhe ausgebreitet, die leidenschaftslosen kahlen Augen starr in unbegrenzte Fernen gerichtet. Was kümmerts die Parze, ob ihr Spruch Freude austeilt … oder lähmenden Schmerz …“ – Foto Juni 2026, nachmittags
Das Echo insgesamt in den Medien von 1914:
Vorbesichtigung der Modelle bei Donndorf und der fertigen Figuren bei Richard Schönfeld am 9. Juni 1914: Schwäbische Kronik des Schwäbischen Merkur, 10. Juni 1914, S. 5. – Schwäbische Zeitung, 10. Juni 1914, Nr. 132. – Der Beobachter, Ein Volksblatt aus Schwaben, 10. Juni 1914.
Übergabe des Brunnens am 11. Juli 1914: Schwäbische Zeitung, Schwäbischer Merkur, 12. Juli 1914, Vorabendblatt, S. 4. – Süddeutsche Zeitung, 12. Juli 1914, Zweites Blatt. – Der Beobachter, 13. Juli 1914. – Staatsanzeiger für Württemberg, 13. Juli 1914, S. 1276 f. – Württemberger Zeitung, 13. Juli 1914, S. 5.
Das Schicksal: Gipsmodell 1913/14 und heute

9. Juni 1914: An diesem Tag präsentiert Donndorf die hier gezeigten Modelle bei sich zuhause und die ausgeführten Skulpturen bei seinem Steinmetz.
Schwäb. Kronik des Schwäb. Merkur, 10. Juni 1914, S. 5: „Einem kleinen Kreis war gestern nachm. Gelegenheit geboten, erst im Atelier des Meisters am Ameisenberg die verkleinerten Gipsmodelle, sodann in der Bildhauerwerkstätte von Richard Schönfeld den ausgeführten figürlichen Schmuck in voller Größe zu besichtigen. …
Der höchst eindrucksvolle figürliche Schmuck versinnbildlicht, aus dem Inhalt der Bühnenkunst sich die Anregung nehmend, das Schicksal, die Freude und das Leid. In strenger Stilisierung des Ausdrucks und der Gewandung thront im Scheitelpunkt des Halbrunds, die beiden Arme in fatalistischer Starrheit seitwärts gereckt, den unergründlichen Ewigkeitsblick in die Ferne gerichtet, eine ernste Frauengestalt: das Schicksal. …“
Süddeutsche Zeitung, 12. Juli 1914, Zweites Blatt: „In einer Nische der Brunnenhinterwand sitzt das Schicksal selbst, eine Alte mit starren Zügen und hartgefältetem Gewande. Sie hat ihre Arme weit ausgebreitet auf die Brüstung gelegt und starrt geradeaus ins Leere. Durch den absichtlichen Aufbau dieser Figur auf horizontalen und vertikalen Flächen gewinnt der Künstler ja einen starken Gegensatz zu den schwingenden Linien der Eckgruppen. …“
„wie bei ägyptischen Pharaonenbildnissen“

Foto Mai 2026. – Nach der Vorbesichtigung in: Stuttgarter Neues Tagblatt, 10. Juni 1914, S. 2:„Prof. Karl Donndorf wird den freien Platz mit einem Monumentalbrunnen füllen. Das mit grünlichblauen Mosaik ausgelegte Bassin, aus dem zwei Sprudel aufquellen, umsäumt ein gegen die Straße offene nischenartiges Ellipsensegment, in der Art, wie wir sie von den Grabdenkmälern der antiken Gräberstraßen her kennen. Eine sitzende, in ein faltenreiches Gewand gehüllte, etwas überlebensgroße Gestalt, die das Schicksal verkörpern soll, blickt mit ernstem, starrem Gesichtsausdruck erhobenen Hauptes den Beschauer an. Über den Kopf ist ein Teil des Gewandes gezogen; die Falten fallen wie bei ägyptischen Pharaonenbildnissen an den Seiten des Gesichts in strenger Stilisierung herab. Die gestrafften Arme liegen auf der rückwärtigen Brüstung.“
Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen: das Leid

Nach der Vorbesichtigung der Gipsmodelle berichtet die Schwäbische Kronik des Schwäbischen Merkur, 10. Juni 1914, S. 5: „Links und rechts an den Bogenenden veranschaulichen jugendliche Menschenpaare in nackter Schönheit die Freude und das Leid. In tiefem Schmerz, der in der ganzen gebeugten Gestalt zum Ausdruck kommt, vergräbt der prächtig durchmodellierte Held sein Haupt im Schoß des auf hohem Sockel sitzenden Mädchens, das sich in sanfter Tröstung über ihn beugt“.

Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen: das Leid, 1911
„Skizzenbuch 1911“, Bleistift, 16,5 x 10 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, C 2015/5634,10
Auf einer Doppelseite dieses Skizzenbuchs hat Donndorf zwei bisher unbekannte Studien für das Grabdenkmal Anna Sutter festgehalten. Dieses hier erstmals veröffentlichte Blatt offenbart, dass er sich schon früh mit dem Thema des Schicksalsbrunnens befasst hat.

Foto Stadtarchiv Stuttgart, 2143 aus den 1930/40er Jahren, als Stuttgart sich als „Stadt der Auslandsdeutschen“ rühmt.
Stuttgarter Neues Tagblatt, 10. Juni 1914, S. 2: „Auf der anderen Seite vergräbt ein Jüngling sein Antlitz in dem Schoß einer weiblichen Gestalt, die in stummem Schmerz über ihm das Haupt senkt und über seinem Rücken die Hände übereinanderschlägt.“

Die Rückenansicht wird farblich etwas belebt durch die Baustellenwände in Richtung Hotel am Schlossgarten.
Seitenansichten: Gipsmodell 1913/14 und 2026

Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen: das Leid, Seitenansicht, Gipsmodell, 1913/14, 134 x 40 x 64 cm, Stadtpalais – Museum für Stuttgart, Depot, Inv. Nr. S 3041
Süddeutsche Zeitung, 12. Juli 1914, Zweites Blatt: „Auf dem anderen Pfeiler preßt der Jüngling den schmerzvollen Kopf in den Schoß der weiblichen Figur, die ihre Arme ergebungsvoll auf seinem Rücken zusammenfaltet. Wie bei der Lust das jubelnde Auffliegen der Linien, so hier das langsam und qualvolle Hinabsinken vom Scheitel der Trauernden.“

Juni 2026

Die mitfühlend und wortlos Tröstende, Detail des Gipsmodells von 1913/14

Die Brunnenfigur im Juni 2026
Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen: die Freude – im Wechsel von Tages- und Jahreszeiten

Blütenträume, März 2020

Die Freude, Gipsmodell, 1913/14, 130 x 43 x 57 cm, Stadtpalais – Museum für Stuttgart, Depot, Inv.Nr. S 3042
Nach der Vorbesichtigung der Gipsmodelle schreibt die Schwäbische Kronik des Schwäbischen Merkur, 10. Juni 1914, S. 5: „In hübschem Wechsel des Motivs ist bei der Veranschaulichung der Freude der beglückt kosende Jüngling auf dem Sockel sitzend dargestellt. Zu ihm rankt sich gleichsam das junge Weib in anmutiger Schlankheit kußverlangend empor. Beide Gruppen, in etwa anderthalbfacher Lebensgröße ausgeführt, zeigen bei überaus edler Linienführung und meisterlicher Harmonien der Formen eine intensive Verinnerlichung.“

Juni 2026

Ein Blick von oben, wie ihn der Künstler bei der Entstehung des Werkes hat, und die interessierte Runde im Juni 1914 – und danach niemand mehr, bedingt durch die Höhe der Skulptur in Stein.

Juni 2026
Karl Donndorf, Schicksalsbrunnen: weitere Facetten der Freude

März 2020
Der Beobachter, Ein Volksblatt aus Schwaben, 10. Juni 1914 nach der Vorbesichtigung: „Von den beiden Seitengruppen scheint uns die Gruppe der Freude besonders gelungen. Die Gestalt eines zum Manne aufschauenden Weibes ist gut herausgekommen. Die Linie des weiblichen Körpers reckt sich, man möchte sagen, in beweglicher Ruhe empor.“

Stuttgarter Neues Tagblatt, 10. Juni 1914, S. 2, nach der Vorbesichtigung: „Die Brüstung selbst schließt mit Pilaster ab. Auf dem einen Pfeilerabschluß sitzt die kräftige Gestalt eines weinlaubbekränzten jungen Mannes, der in der gesenkten Rechten eine Schale hält und zu einer Frauengestalt niederschaut, die auf seine Knie gelehnt in freudigem Entzücken zu ihm aufblickt.“

Juni 2026

Juni 2026
Freude trotz zeitweilig fehlendem Fuß

April 2017

Karl Donndorfs Freude, dahinter die Schiller-Statue seines Vaters

Beim herkulischen Rücken des jungen Mannes könnte Donndorf den berühmten Torso di Belvedere im Blick gehabt haben.
In den Wochen zwischen der Vorbesichtigung der Gipsmodelle in Donndorfs Atelier am 10. Juni und der Enthüllung des Brunnens am 11. Juli 1914 nehmen die Spannungen nach dem Attentat von Sarajewo in Europa derart zu, dass sie kurz danach zum Ersten Weltkrieg führen. Das unerbittliche Schicksal nimmt seinen weltweiten Lauf.

In die Wochen zwischen der Vorbesichtigung der Gipsmodelle in Donndorfs Atelier am 10. Juni und der Enthüllung des Brunnens am 11. Juli 1914 fällt das Attentat von Sarajewo. Die Spannungen in Europa nehmen derart zu, dass am 28. Juli der Erste Weltkrieg beginnt. Das unerbittliche Schicksal nimmt seinen weltweiten Lauf
Schicksalsbrunnen mit Kindergeburtstag

Juni 2026 nachmittags: zurückgekehrt zum Brunnen bei tiefem Sonnenstand, finde ich diese schönen Szenen vor – festgehalten und hier publiziert mit Erlaubnis von Vater und Großeltern.

Wie von selbst gruppiert sich die hinreißende Mädchenschar auf der Seite der Freude.

Lebhaftes Miteinander

Abschiedsbild vom Schicksalsbrunnen
Versetzung des Brunnens 1963

Foto Archiv Schönfeld, wohl Stuttgarter Zeitung, untertitelt: „Schicksalsschlag für Schicksalsbrunnen“
Bis 1963 steht der Brunnen an der Neckarstraße. Was für ein künstlerischer Akzent an dieser Hauptachse Stuttgarts! Aber der autogerechten Stadt wird der Brunnen an seinem Bestimmungsort geopfert und die Künstlervorfahrt beseitigt.

Der aufgelöste Schicksalsbrunnen, „ein Opfer des Verkehrs“, mit dem Kulissengebäude im Hintergrund. Foto Stuttgarter Nachrichten
Dank an Christian Schulz, den heutigen Eigentümer des alteingesessenen Steinmetzbetriebs Schönfeld, für Einsicht in das Bildarchiv des Unternehmens.
Noch härter geht man 1959 in unmittelbarer Nachbarschaft des Brunnens mit dem perfekt erhaltenen Reithaus um. Das letzte Werk des Hofarchitekten Giovanni Salucci, Schöpfer der Grabkapelle auf dem Rotenberg, Schloss Rosenstein und Prinzessinnenpalais (= Wilhelmspalais = Stadtpalais) wird abgerissen.
Vision der Rückkehr des Brunnens an seinen Bestimmungsort

Der Brunnen am Spätnachmittag im Juni 2026

Wie kahl und verwaist sieht die Straßenfront des Großen Hauses seit über 60 Jahren aus. Der ehemals würdige Künstlereingang wirkt wie eine Lieferantentür.

Mit Blick auf die Zukunft sind in Anlehnung an Goethes „Zueignung“ zu Faust folgende Zeilen für eine neuerliche Vorfahrt mit Brunnen entstanden:
Ihr naht euch wieder, steinerne Gestalten,
Die früher sich hier unsrem Blick gezeigt.
Versuchen wir, euch diesmal festzuhalten ?
Ist unser Wille diesem Ort geneigt ?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr so schön aus Dunst und Nebel steigt,
Der Busen Stuttgarts fühlt sich froh erschüttert
Von Eurem Umzug, seid ihr auch leicht verwittert.
Ihr bringt mit euch die Bilder einstger Tage
Und manche lieben Straßen steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt ein geliebtes Stadtbild mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Der Nachkriegstaten Stuttgarts irren Lauf,
Und nennt die Bauten, die um schöne Jahre
Vom Glück getäuscht, geendet auf der Bahre.
Vgl. Website christianvonholst.de: Schicksalsbrunnen – Galateabrunnen – Reithaus – Neue Oper – Ovalsee u. a. m.