Karl Donndorf, Thanatos – ein kaum bekanntes Werk auf dem Stuttgarter Pragfriedhof und überraschende Vorstufen seiner Entstehung
Karl Donndorf (1870-1941), Sohn des erfolgreichen und angesehenen Bildhauers Adolf Donndorf (1835-1916), ist in Dresden geboren, aber in Stuttgart zuhause. Der Architekt Albert Eitel (1866-1934) errichtet ihm 1905 ein prachtvolles Haus in der Ameisenbergstraße. Früh wird man in Stuttgart an ihn als Bildhauer für die beiden Werke in memoriam Anna Sutter gedacht haben.
In seinem „Skizzenbuch 1911“ findet sich eine Doppelseite mit bisher unbekannten Studien für ihr Grabdenkmal, Bleistift, 16,5 x 10 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, C 2015/5634,10.
Donndorf skizziert einen jungen Mann in nachdenklicher Haltung, der einen Lorbeerkranz und eine Maske hält. Es handelt sich um den Todesgenius Thanatos, oft dargestellt als Jugendlicher mit seinem Zwillingsbruder Hypnos, dem Gott des Schlafs. Spontan denkt man: die Maske stünde in Verbindung mit dem Lorbeerkranz für den schauspielerischen Ruhm von Anna Sutter. In einem Text zur Enthüllung des Grabdenkmals (der auf Äußerungen Donndorfs zurückgehen dürfte, vgl. unten), heißt es jedoch, der Tod habe ihr „die Maske des lachenden Lebens … abgenommen“. Diese Maske hält Thanatos als Zeichen der Trauer demonstrativ an seine Brust.

Karl Donndorf, Grabdenkmal Anna Sutter, Gipsmodell, 53,5 cm, Stadtpalais – Museum für Stuttgart
So unbekannt wie die beiden Bleistiftstudien ist auch dieses Gipsmodell im Museumsdepot. Es zeigt, dass der Künstler an seiner ersten Idee mit der Betonung der Maske zunächst festhalten will. – Ich danke Harriet Müller M.A. und der Restauratorin Alexandra Schorpp für ihre freundliche Unterstützung bei der Sichtung des Donndorf-Nachlasses im Depot des Museums.

1911/12 ändert Donndorf sein Denkmalkonzept. Er verzichtet auf die zentrale Rolle der Maske und zeigt sie stattdessen in der herabhängenden Linken. Der Genius erscheint damit als allgemein gültiger Repräsentant des Todes und der Trauer. Ruhm und Rolle der Verstorbenen verlieren an Bedeutung.
Thanatos 1912 in der Zeitung

Karl Donndorf, Thanatos, 1912, nach: Neues Tagblatt, 7. Dezember 1912, S. 3 und am 5. Juni 2026
Das halb verborgene Grabdenkmal Anna Sutter ist ein Schlüsselwerk von Karl Donndorf, genauso wie sein Schicksalsbrunnen. Heute in einem ziemlich mitgenommenen Zustand, wird es am 7. Dezember 1912 feierlich auf dem Pragfriedhof enthüllt. Dazu ein bisher unbeachteter Text eines H. T. im Neuen Tagblatt mit der ca. 17 x 7 cm großen Wiedergabe einer Ausführungszeichnung (samt Einkerbung des Sockels):
„Thanatos, der Genius des Todes, hat die Maske des lachenden Lebens, hinter der so oft Schrecken und Tod lauern, abgenommen und in der linken Hand niedersinken lassen. In Nachdenken und Trauer versunken, das edle Haupt leicht gesenkt, steht er auf dem Grab, das rechte Bein aufgestützt auf dem Felsblock, auf dem wir die einfachen Worte lesen ‚In memoriam Anna Sutter‘.
Auf dem rechten Knie liegt ein kleiner Kranz auf, umfaßt und gehalten von der rechten Hand, während von der Hüfte herab eine Draperie zum Boden fällt. Überaus sympathisch ist der Kopf dieses Jünglings mit den edelgeformten, fein individualisierten Zügen und vornehm in ihrer statuarischen Ruhe die schöne Jünglingsgestalt. Die Modellierung der 2,10 Meter hohen, in Muschelkalkstein ausgeführten Gestalt zeigt in der Durchbildung die bekannte, solide und tüchtige Art Karl Donndorfs. Von schöner Wirkung ist auch die Tonstimmung des graugelben Muschelkalks gegen die grüne Rückwand der Cypressenbäume.“
Anna Sutters Ruhestätte auf dem Pragfriedhof 1912

Karl Donndorf, Grabdenkmal Anna Sutter, französischer Muschelkalk, 210 cm, 1912. Foto Stadtarchiv Stuttgart 2143, FM 91/103
Das Grabdenkmal mit Thanatos wird am 7. Dezember 1912 mit Reden und Chorgesang in Gegenwart des Generalintendanten Joachim Gans zu Putlitz (1860-1922) enthüllt. Ausführlicher Bericht: Schwäbische Kronik des Schwäbischen Merkur, Abendblatt, 7. Dezember 1912; kurze Erwähnung: Schwäbische Tagwacht am gleichen Tag. Ausführungszeichnung dazu mit einem vielleicht auf den Künstler zurückgehendem Text: vorherige Abbildung.

Karl Donndorf, Thanatos, Gipsmodell, 1911/12, 53,5 cm, Stadtpalais – Museum für Stuttgart, Depot

Karl Donndorf, Grabdenkmal Anna Sutter, vgl. oben – eine Schönheit im Schatten
Heute ist die Skulptur von der Witterung und der sie umwuchernden Vegetation stark angegriffen. Der Lorbeerkranz ist kaum mehr zu erkennen. Die Maske in der Linken verbirgt dichter Nadelwuchs. Zustand Juni 2026
Karl Donndorf, Thanatos – Seiten- und Rückenansichten

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Auch die Rückseite der Figur zeigt restauratorischen Handlungsbedarf. Foto Mai 2026

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Halb verdeckt ist die Linke mit der Maske. Der Daumen und die übrigen Fingerkuppen sind abgebrochen. Foto Juni 2026
Karl Donndorf, Thanatos, Details

Vor nicht allzu langer Zeit hat jemand das Gesicht aufgehellt, wodurch es maskenhaft wirkt. Denkmalpflegerisch ist das mehr als problematisch. Foto Mai 2026

Fotos Juni 2026

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Die Maske hinter dem linken Bein von Thanatos. Am 7. Dezember 1912 heißt es im Kommentar zur Einweihung (vgl. oben): Thanatos hat „die Maske des lachenden Lebens, hinter der so oft Schrecken und Tod lauern, abgenommen und in der linken Hand niedersinken lassen.“ Halb verrottet und entstellt im Nadelgewächs. Foto Juni 2026