Karl Donndorf, Grabdenkmal und Schicksalsbrunnen – Eine Einstimmung zu einer erweiterten Präsentation mit vielen Neuaufnahmen und einer Reihe bisher unbekannter Skizzen und Modelle
Vor 116 Jahren, am 29. Juni 1910, gibt es in Stuttgart nicht weit vom Neckartor zwei ungewöhnliche Todesfälle. Sie sind der Anlass für die Entstehung bedeutender Werke von Karl Donndorf (1870-1941).
Kaum bekannt, noch gewürdigt ist das Grabdenkmal Anna Sutter auf dem Stuttgarter Pragfriedhof, Gräberfeld 41, IN MEMORIAM ANNA SUTTER.

Der Schicksalsbrunnen befindet sich seit über 60 Jahren vor dem Verwaltungsbau der Stuttgarter Staatstheater. Sein Bestimmungsort ist jedoch ein anderer. Am 11. Juli 1914 wird er an der Neckarstraße vor dem Künstlereingang des Opernhauses enthüllt. Unversehrt im Zweiten Weltkrieg, bleibt er dort jedoch nur bis 1963: die Neckarstraße, die B 14, wird zur einer Verkehrsschneise ausgebaut.
Zunächst denkt man 1963 sogar an eine Versetzung des Brunnens vor die Landeszentralbank jenseits des Eckensees. Der einzig angemessene Platz für dieses schöne Werk des Jugendstils war und bleibt aber vor dem Künstlereingang des Großen Hauses.
II: Die Protagonisten AS + AO + AS

Anna Sutter als rauchende Carmen im 1. Akt der Oper von Georges Bizet, 1909. Foto Stadtarchiv Stuttgart, Nachlass Anna Sutter 2143, FM 91/51
Anna Sutter, geb. 1871 in Wyl im Kanton St. Gallen, ist eine umjubelte Sopranistin. Seit 1893 gehört sie zum Stuttgarter Opernensemble, seit 1906 als Kammersängerin. Leichtsinnig und etwas verrucht, in aller Stille großzügig spendend und kontaktfreudig findet sie auf vielen Ebenen Anklang. Lebenssprühend und liebesdurstig reiht sich eine Affäre an die andere. 1900 und 1902 ist „Frl. Sutter“, wie sie offiziell genannt wird, jeweils längere Zeit „unpässlich“. Sie bekommt zwei Kinder von zwei Vätern und meldet sich danach beim Generalintendanten zurück als wieder „gesund“.
Ihre sängerischen und komödiantischen Qualitäten, vor allem als Soubrette, sowie ihr ausschweifender Lebensstil machen sie zu einem Faszinosum im gutbürgerlichen Stuttgart. Auf der Bühne feiert sie Triumphe und in der Stadt wird sie liebevoll „das Sutterle“ genannt.
Carmen ist eine ihrer Paraderollen. Erstmals tritt sie damit am 29. September 1899 auf. Es dirigiert der etwas ältere Aloys Obrist. Nach dem Brand des alten Opernhauses ist sie die Carmen im damaligen Interimsbau. Ihr Schicksal wird ähnlich verlaufen wie das der leidenschaftlichen Zigeunerin.
Die Liebhaber

Dr. Aloys Obrist (1867-1910), geb. in San Remo, verbringt auch Jugendjahre in der Schweiz. Foto Stadtarchiv Stuttgart 2143, FM 91/98
Seine Mutter, eine vermögende schottische Adlige, verlässt ihren Mann, einen Arzt, und zieht 1886 mit ihren begabten Söhnen nach Weimar. Der ältere Hermann macht als Jugendstilkünstler Furore. Aloys wird Dirigent, darüber hinaus hochgebildeter Musikwissenschaftler und Sammler alter Musikinstrumente. Ab 1895 wirkt er für 5 Jahre als Kgl. Hofkapellmeister in Stuttgart. Verheiratet ist er seit 1893 mit der viel älteren Schauspielerin Hildegard Jenicke (1856-1937). Im Jahr 1900 verlässt Obrist Stuttgart, kehrt aber 1907 ohne feste Anstellung als zeitweiliger Hofkapellmeister aus Weimar zurück. Der sehr korrekte, etwas weltfremde und schwerblütige Mann verliebt sich in Anna Sutter. Eine etwa zweijährige Beziehung beginnt, die sie 1909 beendet. Im gleichen Jahr wird Obrist in Weimar zum Hofrat ernannt.
Bei seiner letzten Rückkehr nach Stuttgart scheint er die Absicht zu haben, sich scheiden zu lassen, um Anna Sutter zu heiraten. Beide Frauen widersetzen sich seinen Plänen.

Im September 1909 deputiert der Bassbariton Albin Swoboda d. J. (1883-1970) an der Interimsoper in Stuttgart. Anna Sutter macht ihn zu ihrem neuen Liebhaber. Er ist ebenso viele Jahre jünger als sie, wie es Obrist gegenüber seiner Frau ist. Foto Stadtarchiv Stuttgart 2143, FM 281/14
Karl Donndorf, Grabdenkmal und Schicksalsbrunnen: der Tod auf der Bühne

Textbuch Carmen, Nachlass Anna Sutter, 3. Akt, 2. Szene, Stadtarchiv Stuttgart 2143,19
Carmen zieht beim Kartenspiel Tarreau/Tarock das Pik-Ass, die Todeskarte. Unterstreichungen und Kommentare der Sängerin in ihrem kleinen Textbuch. Die letzte Zeile der Szene „Mir droht – der Tod!“ ergänzt sie durch doppelten Unterstrich von „düster“ und fügt handschriftlich groß hinzu „Schrei“.
Anna Sutter als bewunderte Carmen
Mit Carmen erringt Anna Sutter Beifallsstürme, nicht nur in Stuttgart, sondern im ganzen deutschsprachigen Raum. Das belegen Zeitungsberichte 1904-1910 im Stadtarchiv, 2143, Nr. 3. Daraus als Kostprobe ein Text aus Berlin in der Deutsch-Österreichischen Theater-Zeitung vom 29. Juli 1906:
„Es ist allgemein bekannt, daß Anna Sutter eine der allerbesten, wenn nicht überhaupt die allerbeste Carmen der deutschen Bühne sei. Denn nicht nur in Stuttgart, sondern überall, wo sie die Partie gab, hat sie geradezu sensationelle Triumphe durch ihre musikalisch korrekte, wie schauspielerisch eigenartige Darbietung derselben gefeiert. Um so mehr gereicht es uns zur Freude, ihr Gastspiel am hiesigen Neuen Kgl. Operntheater … zu haben, damit sie auch vor dem Publikum Berlins sich gerade als ‚Carmen‘ vorzustellen Gelegenheit fände.“ [Fortsetzung nächstes Bild]

Anna Sutter als Carmen mit der Todeskarte, um 1906. Foto Stadtarchiv Stuttgart 2143, FM 91/58
Sie stirbt als Carmen auf der Bühne und wie Carmen im Leben.
[Fortsetzung der Berliner Würdigung:] „Anna Sutter hat den erworbenen und ihr vorausgegangenen Ruhm durch ihre eigenartige, allem Schablonenhaften und Aufdringlichen abgewandte, aus eigener Intelligenz geschaffene und daher hinreißende und das ausverkaufte Haus elektrisierende Darbietung in jeder Hinsicht bestätigt. An Einzelheiten und vortrefflich beobachteten Nuancen brachte sie viele Überraschungen und überzeugende Einblicke in das innerste Wesen dieser Natur, vereinigte diese Züge mit zielsicherer Gestaltungskraft aber auch zu einer Einheit, welche folgerichtigerweise zum tragischen Abschluß drängte und jede Spannung in Erschütterung auflöste. Es ist an ihrer Leistung alles aus einem Guß, so daß man allen Carmendarstellerinnen nur den Rat geben kann, sich Anna Sutter zum Vorbild zu nehmen.“
Anna Sutter als Salome

Die ersten Worte der Oper lauten: „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!“ Die Weltpremiere von Richard Strauss‘ aufwühlender Oper, die mancherorts Skandale auslöst oder verboten wird, findet im Dezember 1905 in Dresden statt. Ein Jahr später und dann wiederholt tritt Anna Sutter als Salome auf und begeistert ihr Publikum ähnlich wie mit Carmen. Foto Stadtarchiv Stuttgart 2143, FM 91/68
Hier spielt sie Salome düster empört, nachdem Jochanaan/Johannes der Täufer sich nicht von ihr küssen lässt, sie vielmehr verflucht und in sein Verlies zurückkehrt.

Salome präsentiert sich am Hof ihres Stiefvaters Herodes so verführerisch, dass er sie zum Tanzen auffordert. Er leistet einen Eid, ihr jeden Wunsch zu erfüllen.
Bei dem gut 9-minütigen, lasziven „Tanz der sieben Schleier“ lässt Anna Sutter sich nicht wie üblich von einer Tänzerin doubeln. Das Sutterle singt nicht nur, sondern tanzt auch als eine der ersten die Salome selbst. Foto Stadtarchiv Stuttgart 2141, FM 91/71
Herodes verliert halb den Verstand, weil Salome keinerlei Geschenke, ja nicht einmal sein halbes Reich als Dank und Lohn akzeptiert. Unterstützt von ihrer Mutter Herodias, besteht sie unerbittlich auf der Enthauptung des Täufers.
Anna Sutters Darstellungsstil erscheint uns heute harmlos rührend, ist aber vor 120 Jahren mutig und aufreizend.
Karl Donndorf, Grabdenkmal und Schicksalsbrunnen: zwei Tote nach dem Tanz

Salome, gepackt von nekrophiler Besessenheit, mit den Kopf des enthaupteten Jochanaan auf einer Silberschale. Mit Befriedigung und Grausen blickt sie auf ihren Lohn. Foto Stadtarchiv Stuttgart 2141, FM 91/80

Salome, kurz bevor sie den Mund des Enthaupteten küsst. Foto Stadtarchiv Stuttgart 2143, FM 91/82
Letzte Worte der Oper:
SALOME zu dem Kopf: „Ich weiss es wohl, du hättest mich geliebt. Und das Geheimnis der Liebe ist grösser als das Geheimnis des Todes. … Sie sagen, dass die Liebe bitter schmecke. Allein was tut‘s? Was tut‘s?
Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan. Ich habe ihn geküsst, deinen Mund.“
HERODES zu den Soldaten: „Man töte dieses Weib!“
IV: Karl Donndorf, Grabdenkmal und Schicksalsbrunnen: 29. Juni 1910

Im Interimstheater (im Bereich des heutigen Landtags), benutzt von 1902-1912, Foto Wikimedia, erlebt Anna Sutter Triumphe. Am 28. Juni 1910 tritt sie in einem heiteren Opernabend als Mam‘zelle Nitouche auf. Anschließend gibt es ein entspanntes Zusammensein im Kreis ihrer Bewunderer. Dr. Obrist präsentiert nachmittags seine Sammlung alter Instrumente einem Freundeskreis in seiner Wohnung Eugenstraße 7. Die enervierte Sängerin schreibt ihm, dass sie beide keine gemeinsame Zukunft haben.
Am 29. Juni morgens folgt das schreckliche Ende. Obrist verschafft sich Zugang zur Wohnung von Anna Sutter in der Schubartstraße 8. Er drängt das Dienstmädchen zur Seite und stürmt mit Blumen in das Schlafzimmer seiner ehemaligen Geliebten. Wie Don José wird er die verflossene Liebe beschworen haben. Aber Anna Sutter weist ihn wie Carmen zurück. Gegen 11 Uhr erschießt Obrist sie und sich. Polizeiliche Fotos und ein Bericht (Schwäbischer Merkur, 30. Juni 1910, S. 4) halten fest: “Wie in Carmen, ihrer Hauptrolle, lag sie da.“ – Ganz Stuttgart ist geschockt.
Von 10.000 Stuttgartern betrauert und begleitet, wird „das Sutterle“ am 2. Juli 1910 auf dem Pragfriedhof bestattet. Dort legt bis in die 1960er Jahre ein Sänger Blumen ab. Es ist wohl Albin Swoboda, der sich am Todestag der beliebten Femme fatale in einem Schrank verbergen und so sein Leben retten konnte.
Berichte zur „Katastrophe Sutter-Obrist“: Schwäbischer Merkur, 29. Juni 1910, Abendblatt. – 30. Juni, S. 4 und Mittagsblatt, S. 7. – 1. Juli, Schwäb. Kronik, S. 7, Schwäb. Kronik, S. 8. – 2. Juli, S. 5. – 4. Juli, Schwäb. Kronik, S. 6. – Neues Tagblatt, 30. Juni 1910, S. 1 und 3. – Cannstatter Zeitung, 30. Juni 1910, S. 5. – Neues Tagblatt, 1. Juli, S. 3. – Neues Tagblatt, 4. Juli, S. 3.
Anna Sutter als Werbemittel und ein anderer Eifersuchtsfall

26. August 1910: zwei merkwürdige Dinge, die nichts miteinander zu tun haben.
Die Württembergische Zeitung nutzt die Verstorbene zu Werbezwecken.
Ein großer Musiker befindet sich in ähnlicher Lage wie Aloys Obrist. Gustav Mahler greift aber, nachdem er von der Affäre seiner Frau Alma mit dem jüngeren Architekten Walter Gropius erfährt, nicht zu einem Revolver. Er sucht an diesem Tag in den Niederlanden Sigmund Freud auf. In Leiden machen beide einen berühmt gewordenen Strandspaziergang. Es folgt eine 4stündige Sitzung. Überlebt haben es alle Beteiligten.
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Biographische Notizen des Autors

Student der Theaterwissenschaft in München 1960/61
Mit Anfang und Mitte 20 erlebe ich in München und im Royal Opera House im Londoner Stadtteil Covent Garden hervorragende Salome-Aufführungen. Die Sängerinnen begeistern mich so sehr, dass ich sie am Künstlerausgang erwarte. Nicht aber, um ein Autogramm zu erbitten. Aus Enthusiasmus und Selbstüberschätzung biete ich Ihnen jeweils nicht Champagner, sondern meine Gesellschaft bei einem Glas Bier an. Wie eigentlich voraussehbar, reagieren sie sehr freundlich, aber lehnen beide mal charmant ab.
Diese Opernbegeisterung ist genetisch bedingt. Mein Vater Niels v. H. (1907-1993) hatte meine Mutter mit einer „Carmen“ in Wien zu einer Opernfreundin bekehrt. Zeitlebens fesselt ihn Richard Strauss. Den 3. Akt des Rosenkavaliers legt er dauernd auf bis in seine letzten Tage. Mit 16 nehmen mich die Eltern zu den Salzburger Festspielen mit, wo ich ab 22 Uhr eine Generalprobe von Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“ mit Lisa della Casa und Rudolf Schock erlebe. Bald kommt „Arabella“ mit Lisa della Casa und Dietrich Fischer-Dieskau hinzu und in München der „Rosenkavalier“. Fritz Wunderlich singt in unvergleichlicher Weise den Kurzauftritt des italienischen Tenors.
Zeitgenossen von Richard Strauss, Karl Donndorf und Anna Sutter
Mein baltischer Großvater Walter v. H. (1872-1952), ein Psychiater, fährt mit seiner Frau 1911 mit dem Zug knapp 1.300 km von Riga nach Dresden, um die Weltpremiere des „Rosenkavalier“ und noch gleich Folgeaufführungen mitzufeiern. Er hat einen guten Bariton, denkt an eine Sängerlaufbahn. Er ruiniert aber in Dorpat/Tartu seine Stimme bei studentischem Gegröle in eisigen Winternächten. Für Hausmusik genügt aber die Stimme ein Leben lang. Bald organisiert er nebenbei Sommerkonzerte in Riga und wird nach seiner Flucht vor den Sowjets Vorsitzender der Opernfreunde in Danzig.
Das alles hat seine Wurzeln in dem baltischen Verwandten Raimund von Zur Mühlen (1854-1931), dem ersten Liedsänger und idealen Interpreten von und für Johannes Brahms. In den 1870/80er Jahren ist er oft zu Gast im urgroßväterlichen Haus in Riga und führt in der Stadt Liederabende auf, bevor er damit in Deutschland und England auf Tournee geht.
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Karl Donndorf, Grabdenkmal und Schicksalsbrunnen: Neues in den beiden folgenden Beiträgen IN MEMORIAM ANNA SUTTER.