15. November 2019

Mädchen mit dem toten Vogel, Gips, 92 x 71,5 x 32 cm, punktiert zur Übertragung in Marmor (wohl um 1835/36), seit 1858 als Vermächtnis der Witwe Danneckers in der Staatsgalerie. – Im 2. Weltkrieg sehr beschädigt und mehrfach zerbrochen. Restauriert für die Dannecker-Ausstellung 1987. Von der ursprünglichen gelblichen Fassung sind nur Reste erhalten. 

Eine junge Schönheit an der Schwelle zum Erwachsenenalter zeigt sich in reizvoller Pose, unbewusst verführerisch und zugleich sittsam, ein schwäbisch-pietistisches Bild elegischer Stimmung. Erkannt von Anbeginn als ein Meisterwerk Danneckers, auch verbreitet in kleinen Fassungen in Biskuitporzellan, führt das in den Kriegsjahren so mitgenommene Modell ein Schattendasein im Depot.

Die etwa halblebensgroße Gestalt entstand wahrscheinlich 1790 als eine der ersten Arbeiten nach Danneckers Rückkehr aus Rom. Der Architekt R. F. H. Fischer, sein älterer Freund und Förderer, bestellte sie für sein Palais am Ende der Planie und zwar „ursprünglich für ein Vogelhaus im Garten“ (wie es 1841 heißt).

Zum Bestimmungsort passt das Thema. Die Figur wird auch bezeichnet als „Trauernde Lesbia“, nach einem Gedicht des Catullus (1. Jh. v. Chr.), der seine Geliebte, die flatterhafte Clodia, als Lesbia besang.

Im Weimarer „Journal des Luxus und der Moden“ wird das Werk bereits 1793 gewürdigt – vermutlich vom Schwager Heinrich Rapp und zwar mit der Absicht, eine Ausführung in besserem Material anzuregen. Der letzte Satz lautet halb resignierend: „Leider ist der carrarische Marmor in Stuttgart so theuer!“ – Fischer hat sich demnach mit einer Gipsfassung nach unserem Modell begnügt. Sie wurde wohl ein Opfer der Zeit. 

Mädchen mit dem toten Vogel (Lesbia und ihr Sperling), Marmor, 91 x 71 x 31,5 cm, bezeichnet auf dem Sockel: DANNECKER / F: 1836, Auktion Sotheby’s: Old Master Sculpture …, London, 2. Juli 2019, Lot 117, S. 108-113, Foto Sotheby‘s (wie auch die weiteren Fotos des Marmors). – 1842, ein Jahr nach Danneckers Tod, vom Amsterdamer Bankier und Kunstsammler Adriaan van der Hoop erworben. Bisher nur bis 1909 nachweisbar; daher 1987 in meinem Katalog, Nr. 171, als verschollen. 

In makellosem Zustand wieder aufgetaucht, von der holländischen Kunsthistorikerin Dr. Caroline Denninger gründlich erforscht und entsprechend im Auktionskatalog präsentiert sowie bei der Auktion eindrucksvoll ins Rampenlicht gestellt, ging Sotheby‘s von einem Ergebnis zwischen 140 bis 209 Tsd. Euro aus. Der Endpreis belief sich jedoch auf mehr als das Zehnfache: auf unglaubliche 2,55 Mio. Euro. Dieser Betrag bedeutet sowohl für Dannecker wie sonstige Skulpturen des Klassizismus eine vollkommen neue Dimension.

Der Schriftsteller Gustav Schwab (1792-1850), verheiratet mit einer Nichte Danneckers, listet 1841 in seinem Nekrolog Lesbia auf: „ein Modell, dessen Ausführung in Marmor er sich in hohem Alter als sein letztes Werk vorsetzte, womit er auch Wort gehalten“. 

Das Nebeneinander der beiden Fassungen bestätigt Schwabs Äußerung. Bei genauer Betrachtung ist bei aller Übereinstimmung im Großen und trotz der Oberflächenschäden des Gipses spürbar, dass die beiden Werke zu sehr verschiedener Zeit entstanden. Die Marmorversion ist ein reines Werk des späteren Klassizismus. Der in der Faltengebung noch etwas feiner gestaltete und auch im Gesichtsausdruck etwas „zartere“ Gips ist insgesamt ein Hauch gefühlsreicher. In ihm lebt noch ein wenig das ausklingende Zeitalter der Empfindsamkeit. Das zeigt sich auch an den Sockelreliefs.  

Nach gängiger Werkstattpraxis wurde der Gips an seinen äußersten Stellen punktiert, d. h. mit eingelassenen Fixpunkthülsen versehen. Daran orientierten sich Gehilfen beim Herausarbeiten der Rohform aus dem Marmorblock. Diese Arbeit überwachte in Danneckers späteren Jahren sein Mitarbeiter und Schwager Theodor Wagner (1800-1880). 

Es ist gut, dass der Auktionskatalog die Möglichkeit einer Mitwirkung von Wagner einräumt. Denn Dannecker war im Alter physisch und geistig ziemlich geschwächt. Hauptwerke gelangen ihm nicht mehr. Obgleich Jugendfreund Schillers, dessen Kolossalbüste in Marmor stets zu den Schillerfesten ausgeliehen wurde, war er nicht mehr in der Lage, in seiner Vaterstadt das große Schillerdenkmal zu gestalten. Der Auftrag ging an Thorvaldsen, für den man 1835 als Orientierung Danneckers Schillerbüsten in Abgüssen erbat (Holst 1987, S. 480). Nach 1833 war es mit Dannecker so weit gekommen, dass er seine eigene kolossale Schillerbüste verstümmelte, sodass sie ihm weggenommen werden musste (vgl. nächsten Beitrag).

Wagners Mitwirkung liegt auch deshalb auf der Hand, weil er eine weitere, verschollene Marmorfassung für den Londoner Bankier John Baring schuf.

Diese Mitwirkung bedeutet keinen Makel. Werke der Bildhauerkunst sind fast immer Gemeinschaftsleistungen. Die abschließende Überarbeitung macht den Unterschied. So schreibt Dannecker 1823 an Wagner (Holst 1987, S. 100): Für das Jagd Geschäft [Hetzerei bei der Ausführung] danke ich aber in Zukunft. Fleiß und Vollendung aber, ist die Hauptsache; denn wenn der Bildhauer glaubt, daß wenn er über die Arbeit mit der flachen Hand herab fährt und die Sache rund findet bin ich noch nicht zufrieden.

Inwieweit die Vollendung dieser Skulptur nun eigenhändige Sache Danneckers mit mehr als Mitte 70 war, lässt sich nicht feststellen. Man müsste Wagners Fassung daneben stellen können. Gleichwohl war und ist das Mädchen nach Erscheinung und Signatur nicht nur für van der Hoop als Werk Danneckers anzusprechen. Nur wirken der Charme und Zauber seiner frühen Arbeit dank der Jahrzehnte späteren Ausführung wie ein wenig eingefroren und  aus der Zeit gefallen.

Zur elegischen Gestimmtheit der Gipsfassung von 1790 tragen auch die Sockelreliefs bei, die 1836 wohl als zu altertümlich nicht mehr gewünscht waren. Sie illustrieren das Thema der Keuschheit und ihre Gefährdung. Ein seitliches Relief zeigt den kindlichen Seelenfrieden in der Kussszene mit einer Vase, deren Öffnung ein Tuch verdeckt. Im Relief auf der anderen Seite geht es bei den Kindern, nun als Amor und Psyche an ihren Flügeln zu erkennen, um den Seelenschmetterling. Die klagende Psyche hält das Symbol ihrer selbst, während der mutwillige Amor den Schmetterling zu attackieren scheint und mit der anderen Hand einen Altar entflammt, mit dem vermutlich der des Hochzeitsgottes Hymen gemeint ist.

Die Rückseite bietet den Schlüssel für die Seitenszenen. Die melancholische Frauengestalt verkörpert Pudizia, die Keuschheit bzw. deren Verlust. Ein schöner, jugendlicher Mann – in Gestalt eines Hirten (vgl. die Parzengruppen) und damit dem Verführer Paris ähnlich – steht für das männliche Begehren. 

Mit heute altmodisch und doch nicht falsch klingenden Begriffen wie Anmut, Grazie, Liebreiz, zarter Trauer, mädchenhafte Schönheit, reinste Empfindung … wurde dieses frühe Hauptwerk Danneckers beschrieben. Als Adriaan van der Hoop Stuttgart 1838 besuchte, war er wohl tief beeindruckt von dieser Lesbia. Der greise Dannecker mochte sich aber nicht von der späten Marmorfassung trennen. Es kann gut sein, dass den fast 80jährigen Künstler mit dieser Arbeit Erinnerungen an den Beginn der glücklichen Ehe mit seiner ersten Frau verbanden. So erwarb van der Hoop zunächst nur die heute verschollene Marmorausführung des frühen Reliefs Clio und Melpomene (Holst 1987, Nr. 166). Erst mit Danneckers Witwe kam 1842 der Kauf der Marmorfassung zustande.

Weiter geht’s am 29. November mit Danneckers Porträtbüsten.