29. November 2019

Liegende Sappho, Carrarischer Marmor, signiert und 1802 datiert, 68,4 cm breit, 1908 von der Staatsgalerie erworben

Schönheit und Schmerz, Naturbeobachtung und Idealisierung verbinden sich zu einer wundervollen Einheit. 1797 wohl ohne Auftrag begonnen und wegen anderer Aufgaben erst nach Jahren vollendet, konnte Dannecker endlich zeigen, was er neben den Porträts auch sonst auf dem Gebiet der Marmorskulptur zu leisten vermochte.

Dargestellt ist in wehmütiger Verfassung die griechische Dichterin Sappho. Sie erscheint hier nicht wie üblich in der Art einer Muse, sondern als Akt und verletzte Liebende. Der schöne Phaon hat sie verlassen, die Leier entgleitet ihr, das Gesicht ist ins verlorene Profil gekehrt. Sie wird sich von einer Klippe ins Meer stürzen.

Im Hintergrund homerische Themen: Danneckers Tonmodell Achill zuseiten von Gottlieb Schicks Pariser Gemälde Achill empfängt die Abgesandten Agamemnons.

Nicht in dieser bescheidenen Dimension, aber in dieser Art hätte Dannecker in großem Format selbst mit einem Canova wetteifern können. Doch sein gelungenes Werk war den Augen der Öffentlichkeit entzogen. Es verschwand im herzoglichen Schlösschen Monrepos bei Ludwigsburg. Freunde von Danneckers Kunst bekamen es nicht zu sehen. Die Liegende Sappho blieb ein Einzelstück.

Links sind Danneckers Drei Grazien und Amor und rechts seine besprochene ParzenSkizze zu sehen.

Gefallener Krieger, um 1800, Gebrannter Ton, 35,5 cm breit, Dannecker-Nachlass, 1886 von der Staatsgalerie erworben

Schiller hatte seinen schwäbischen Freunden 1793/94 Homer nahegebracht. Fast täglich las er ihnen aus der Ilias bzw. Odyssee vor. Gegen 1800 trug das bei Dannecker reiche Früchte. Als Beispiel eine Detailaufnahme, die vor Augen führt, in welchem Maße Dannecker neben weiblicher auch männliche Schönheit zu gestalten wusste.

Ariadne auf dem Panther, 1803, Gebrannter Ton, 31,7 cm hoch, 1886 der Staatsgalerie vermacht

Krone mehrerer Tonmodelle des Jahres 1803 ist Ariadne. Ausgeführt in Marmor bis 1814, wurde sie Danneckers bekanntestes Werk – ein „moderner Klassiker“ und die vielleicht populärste deutsche Skulptur des 19. Jh. 

Das Ariadne-Thema war beliebt um 1800. Meist ging es aber um die von Theseus auf Naxos verlassene Ariadne, ähnlich schmerzerfüllt wie Sappho. Dannecker zeigt sie dagegen als triumphierende Braut, die ein Panther, Begleittier des Bacchus, dem Weingott entgegenträgt. Diese Idee ist ohne direktes Vorbild. 

Mit fast rokokohafter Anmut und Leichtigkeit strebt Ariadne in einer aufsteigenden Diagonalbewegung, die in ihrem erwartungsfrohen Profil gipfelt, dem Gott entgegen. Der Panther, dem im raubtierarmen Stuttgart eine Kleinbronze einer Löwin als Muster diente, trägt friedlich seine liebliche, halb liegende, halb sitzende Last.

Ariadne auf dem Panther, Carrarischer Marmor, signiert und 1814 datiert, 157 cm breit, Frankfurt am Main, Liebieghaus Skulpturensammlung – im 2. Weltkrieg schwer beschädigt, 1977/78 konserviert und restauriert, Fotos aus der Vorkriegszeit

Bereits 1804 war ein Gipsmodell in Größe des Marmors vollendet (vgl. Duttenhofer im vorigen Beitrag), das Anfang 1805 im „Teutschen Merkur“ ausführlich gewürdigt und als „Bezähmung der Wildheit durch die Schönheit“ gedeutet wird. Im Großformat macht Dannecker die Gestalt stattlicher und dank der veränderten Haltung des rechten Armes als Akt frei sichtbar. Kommentare gibt es und Besuche in Stuttgart von vielen Seiten. Das Thema nackte Frau auf wildem Tier – das fasziniert, irritiert und inspiriert zu mancher Spekulation.

Zum Glück nicht nur männliche Betrachter. Deshalb hier nur der Kommentar der angesehenen dänischen Schriftstellerin Friederike Brun (1765-1835) von 1806: … ein Götterkind voll Leben, Kraft, Freude und Fülle! Willig zu geben und zu empfangen, was Götter und Menschen entzückt! … Alles an ihr athmet leichten Sinn, Lust zu leben, entblühte Schönheit, und gutmüthige offene Freudseligkeit, welche auch den falschwilden Leoparden gezähmt hat. Der ganze Körper ist rein, frisch, schön, edel und schwellend von Leben …

Im Frühjahr 1805 hatte Kurfürst Friedrich seinem Hofkünstler, wenn auch etwas pikiert, die Ausführung und freie Verwendung des Werkes gestattet. Der Schwager Heinrich Rapp tritt erneut in Aktion und gewinnt schließlich den Frankfurter Bankier Simon Moritz von Bethmann (1768-1826) als Käufer. 1814 vollendet, führt Ariadne zu einem enormen Zustrom in der „Danneckerei“, dem Wohn- und Atelierhaus am Stuttgarter Schlossplatz. 1816 wird sie mit Trauergedichten verabschiedet und findet in Frankfurt noch größeren Anklang. 1856 erhält sie dort sogar einen eigenen Bau, das Ariadneum.

Heute ist dieser Überschwang nicht ganz leicht zu verstehen. Einzelne taten sich auch zur Entstehungszeit schwer mit der Skulptur. Wilhelm von Humboldt fand 1816 keinen rechten Zugang zu ihr und schreibt seiner Frau: Gott weiß, daß ich die Magerkeit nicht liebe und die Nacktheit nicht hasse, aber die Ariadne ist zu dick und zu nackt.

Ganz anders 1810 Scharffenstein (1760-1817), Schillers und Danneckers Freund seit Carlsschultagen: Adieu ich küsse Dich und den schönen Hintern Deiner göttlichen Ariadne. Der Panther zerreiße den kalten Pedanten, der nicht von ihrem liebreizenden, zauberischen Nimbus ergriffen und gefesselt wird.

Wasser- und Wiesennymphe, Gebrannter Ton, signiert und 1808 datiert, ehem. Stuttgarter Privatbesitz, Kriegsverlust

Zu den wenigen großen Aufträgen König Friedrichs an Dannecker gehörte das monumentale Nymphenpaar im Oberen Schlossgarten. Es ist eine schöne Idee, dass die Wiesennymphe die hoheitsvoll lagernde Wassernymphe mit einem Blumenkranz schmückt. Damit wird das segensreiche Wirken des Wassers in den Wiesen und allgemein in der Natur veranschaulicht und gleichsam der Spenderin in einem symbolischen Zeichen zurückgereicht.

Wasser- und Wiesennymphe, Keupersandstein, weiß gestrichen, ca. 5 m breit, Stuttgart, Oberer Schlossgarten, Foto 1905 Haus der Geschichte

Den Grundgedanken des kleinen Modells mit der doppelseitigen Attraktivität der geschwisterlich vereinten Figuren brauchte Dannecker für die Ausführung kaum modifizieren. Die Gruppe stand zunächst am kanalartigen Arm des sog. Epaulettsees nah beim Gartenflügel des Neuen Schlosses. Nach dessen Beseitigung 1839 wurde sie an der Innenseite des Ovalsees aufgestellt. Sie blieb damit weiterhin Blickfang der langen kerzengeraden Parkachse des Schlossgartens, mit der der Hofarchitekt Nikolaus Friedrich Thouret (1767-1845) 1806/7 die Stadtentwicklung in Richtung Neckar großartig initiiert hatte.

Wie oben, Foto 1901. Zu den gleichfalls zerstörten seitlichen Statuen vgl. hier Beitrag Nr. 28: Schönheiten im Schlossgarten

Wie oben, Foto 1905.

Wie oben, Foto um 1940, wohl eine der letzten Aufnahmen vor der Zerstörung. Der Diskophorus, der Diskusträger in der Ferne (vgl. Beitrag Nr. 31: Schönheiten im Schlossgarten), steht heute beim Kunstgebäude am Eckensee.

Wiesennymphe, ehem. Ovalsee, Stuttgart, Städtisches Lapidarium

Wenn auch die Nymphengruppe bis auf den obigen Torso Opfer des 2. Weltkriegs wurde, blieben doch der Ovalsee, eine größere Zahl an Statuen und die Parkanlage im wesentlichen erhalten.

Es erscheint heute vollkommen unverständlich, dass wegen der Bundesgartenschau 1961 dieser für die Stadtentwicklung so zentrale Parkbereich willentlich zerstört wurde, um einem vergleichsweise kläglichen Eckensee Platz zu machen. So als hätten die Kriegsschäden in Stuttgart nicht schon genug angerichtet.

Weiter geht’s am 13. Dezember 2019 mit Danneckers Nachleben und der Suche nach Repliken.