8. November 2019

Kurz vor Schillers 260. Geburtstag macht es Freude, sich demjenigen seiner Freunde zuzuwenden, der das Aussehen des Dichters der Nachwelt mehrfach überliefert hat.

Der Stuttgarter Bildhauer Johann Heinrich Dannecker (1758-1841) ist unter Kunst- und Klassizismus-Kennern international eine feste Größe. Und dennoch sind von ihm in seiner Vaterstadt und sonst in Deutschland kaum mehr als einzelne Schillerbüsten, die Ariadne auf dem Panther und vielleicht noch die im 2. Weltkrieg zerstörte Parkskulptur Wasser- und Wiesennymphe allgemein bekannt. 

Das Foto (Achim Zweygarth, Stuttgarter Zeitung) zeigt mich im März 2003 in meinem Arbeitszimmer in der Staatsgalerie Stuttgart. Die Gipsfigur im Hintergrund ist ein von mir geschätztes Frühwerk Danneckers, das zum Depotbestand des Museums gehört.

Mädchen mit dem toten Vogel: links das Gipsmodell von 1790 und rechts die Ausführung in Marmor von 1836, letztere: Foto Sotheby’s

Eine Riesenüberraschung und Sensation: für die seit mehr als 100 Jahren verschollene Marmorfassung wurden in London am 2. Juli 2019 bei einer Auktion 2,55 Mio. Euro bezahlt. Dank dieses Rekordpreises stand Dannecker plötzlich im Rampenlicht. Das ist für mich der Anlass, nach Jahrzehnten wieder einen Blick auf sein Schaffen zu werfen, nicht zuletzt um auch das gipserne Mädchen ein wenig aus seinem Schattendasein zu befreien.

1987 konnte ich Danneckers bildhauerisches Gesamtwerk erstmals in einer Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart zusammenführen. Der Katalog von fast 500 Seiten behandelt auch alle verschollenen und zerstörten Arbeiten. Die Ausstellung war eine längst fällige, vielfach begrüßte Würdigung des Künstlers. Aber auch sie machte Dannecker nicht wirklich populär.

Philipp Friedrich Hetsch, Dannecker, 1783/84, 72 cm hoch, Marbach, Schiller-Nationalmuseum, Foto Museum

Als Sohn eines Stallknechts und Kutschers hatte Dannecker im Kreis der Carlsschüler und Freunde, unter ihnen Schiller, einen guten Start hingelegt. Mit 22 zum bescheiden bezahlten Hofbildhauer ernannt, musste er allerdings als „Dank“ für seine kostenfreie Ausbildung einen „Revers“ unterschreiben. Diese Erklärung verpflichtete ihn zu lebenslangem Hofdienst. Manch anderen veranlasste das zu Protest oder auch Flucht. 

Klug war es von Herzog Carl Eugen von Württemberg, seine jungen Künstler zur Weiterbildung ins Ausland zu schicken. Dannecker war von 1783-85 in Paris und anschließend bis Ende 1789 in Rom. Die Reisewege wurden zu Fuß bewältigt.

In Paris, endlich befreit von der Stuttgarter Enge, auch von der dort vorgeschriebenen Zopffrisur, zeigt sich Dannecker im Porträt seines Freundes und Mitschülers Hetsch (1758-1838) offen und selbstbewusst. In den Händen hält er einen Marmorkopf. Er tritt elegant gekleidet auf. Als handwerklich Arbeitender will er nicht gesehen werden, vielmehr als zukunftsfroher, sich an der Antike orientierender Meister seines Fachs. 

Amor und Psyche, Gebrannter Ton, 21,3 cm hoch, Holztabernakel: 35,7 cm hoch, oben bezeichnet: Dannecker fe: Roma d. 14. October 1787, 1854 der Staatsgalerie geschenkt

Die Jahre in Rom waren im Leben der Künstler jeweils eine einzige Jubelzeit, nach der sie sich immer zurücksehnten. Die Stadt, ihre Kunst und die Kontakte untereinander erweiterten den Horizont enorm. Bei Dannecker u. a. auch der Umgang mit Antonio Canova (1757-1822), der den Schwaben wegen seines Naturells Il Beato, den Glücklichen oder auch Seligen, nannte.

Die bezaubernde Darstellung eines jugendlichen Liebespaares basiert auf einem Märchen von Apuleius (2. Jh. n. Chr.) und der Auseinandersetzung mit einer späthellenistischen Marmorgruppe in Rom. Die eigene Hochschätzung seiner dezenten Deutung des Themas bezeugt Dannecker durch die ungewöhnliche Signatur. Die Gruppe ist das Glanzstück seiner wenigen aus Rom nach Stuttgart mitgebrachten Tonmodelle. Dannecker schenkte sie später seiner Nichte Mathilde Rapp, deren berühmter Mann Sulpiz Boisserée sie 1854 dem Museum vermachte.

Am 14. November 1790 heiratete Dannecker die 17jährige Heinrike Rapp (1773-1823), Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Sie brachte in die Ehe nur zwei Bücher mit – Bibel und Kochbuch –, dafür aber eine Mitgift, die dem Künstler den Aufstieg in das gehobene Bürgertum und finanzielle Unabhängigkeit bescherte. Überdies gewann er in seinem Schwager Heinrich Rapp (1761-1832) einen Freund, Kaufmann, Kunstkenner und Schriftsteller, der ihn zeitlebens intensiv förderte.

Ein Hochzeitsgedicht dreier Schüler beginnt und endet so (Holst 1987, S. 447): Wer schilderte die edle Triebe / Von Menschen bessrer Art gekannt / Den Reiz der unschuldvollen Liebe / Mit solcher sichern Meisterhand. / Der späte Dichter wird dir Lieder / Der heißesten Bewundrung weihn / Und ewig wird Cupid und Psyche / Ein Denkmal deines Ruhmes seyn …

Drum jauchzet laut der Würtemberger / Nun du so froh und glücklich bist, / Es jauchzet laut der edle Römer / Da Amor seine Psyche küßt.

Herzog Carl Eugen von Württemberg, um 1790, Gips, 75 cm hoch, 1986 von der Staatsgalerie erworben (für weniger als ein Achtzigstel des Mädchens), Foto Museum

Der interessanteste, wenn auch umstrittenste Herrscher des Landes (1728-93) führte ein ausschweifendes Leben in jungen und mittleren Jahren. Auch soll er etwa 220 uneheliche Söhne gezeugt haben, weshalb er wohl prophylaktisch alle Schüler seiner Akademie als „meine Söhne“ ansprach. Der Umgang mit seiner tugendsamen Mätresse Franziska von Leutrum, bald Reichsgräfin von Hohenheim und ab 1785 seine Gemahlin, wandelte jedoch seinen Lebensstil. 1797 konnte Goethe nach seinem Besuch von Stuttgart und auch Danneckers Herzog Carl Eugen seinem Fürsten als gutes Beispiel empfehlen. Selbst Schiller, der sehr unter Carl Eugen gelitten hatte und 1782 aus Stuttgart geflohen war, fand nach seinem Tod würdigende Worte für ihn.

Neupräsentation des Klassizismus in der Staatsgalerie durch Christofer Conrad im März 2010: Zu sehen sind hinter der Büste Frau von Alopäus links Amor und Psyche, darüber Danneckers Selbstbildnis, daneben die berühmten Drei Grazien und Amor, Ariadne auf dem Panther und die Parzengruppe. Genauso wie die Büste von Herzog Carl Eugen hätten alle diese Werke eine Ausführung in Marmor und großer Form verdient, doch die Verhältnisse in Stuttgart waren nicht danach.

Armut und Bescheidenheit in der kleinen Residenzstadt mit ihren rund 20.000 Einwohnern und die Auswirkungen der Französischen Revolution standen einer großen Karriere Danneckers entgegen. Anders als in Rom oder Paris gab es keine internationalen Auftraggeber. Marmor war teuer am Nesenbach, weshalb viele Werke nur in Gips, wenn auch in wunderbarer Ausarbeitung, entstanden. Danneckers Werke verschwanden oft in Privathäusern oder in Schlossräumen. So konnten sie nicht recht zu seinem Ruhm beitragen.

Ph. F. Hetsch, Familie Fischer, 1788, Staatsgalerie, ausgeliehen an Schloss Ludwigsburg, Foto Museum

Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer (1746-1813) war herzoglicher Architekt und Professor für Civil-Baukunst sowie einer der Förderer und Auftraggeber Danneckers. Als natürlicher Sohn von Herzog Carl Eugen ist er seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Fischer erscheint in dem fast 3 m breiten Bild im behaglichen Kreis seiner ihm zugewandten Angehörigen. Gerade war er mit der Ausstattung des Neuen Schlosses befasst, hatte die Planie anlegen lassen und sich ein stattliches und vielgerühmtes Haus an deren Ende errichtet. Dafür war Hetschs Gemälde bestimmt und auch das Mädchen mit dem toten Vogel. – In den 1830er Jahren baute Giovanni Salucci (1769-1845) am Ort von Fischers Haus das Prinzessinnenpalais, das uns heute als Wilhelmspalais bzw. StadtPalais vertraut ist.

R. F. H. Fischer, Ovalsaal im Stuttgarter Neuen Schloss, Anfang 1790er Jahre, Stuttgart, Universitätsbibliothek, Foto Uni Stuttgart

Der Entwurf für den Ovalsaal im Winkel zwischen Mittelbau und Parkflügel des Schlosses zeigt Danneckers Amor und Psyche in Überlebensgröße. Gegenüber der Tonskizze sind die Figuren etwas mehr ausgearbeitet, haben auch Flügel, er die des Gottes Amor, sie als Psyche die eines Schmetterlings. Offensichtlich hatte Dannecker in Rom eine größere Gipsfassung zurückgelassen. Von ihr spricht 1793 sein Schüler Friedrich Distelbarth (1768-1836) und noch zehn Jahre später hofft Gottlieb Schick (1776-1812) aus Rom auf die Ausführung in Marmor. Vergeblich – wieder einmal hatte Dannecker nicht die Chance, sich in einem großen Werk zu verewigen.

Parzen-Skizze, 1791, Gebrannter Ton, 42 cm hoch, Dannecker-Nachlass, 1886 von der Staatsgalerie erworben

Die Parzen als Göttinnen des Schicksals werden meist alt und angsterregend dargestellt. Nicht so bei Dannecker. Jugendlich schlanke, liebenswerte Gestalten bilden ein anmutiges Trio voll zarter Empfindung. In der Mitte sitzt Klotho und spinnt den Lebensfaden. In trauter Nähe steht neben ihr Lachesis und spinnt den Faden fort. Beide tragen als Repräsentantinnen des Lebens Blumenkränze im Haar. Sie blicken auf ihre in schöner Pose eingeschlafene Schwester Atropos – ein gänzlich ungewöhnliches Motiv. Denn, solange diese schläft, benutzt sie ihre schreckliche Schere nicht, schneidet sie den Lebensfaden nicht ab.

Die Kompositionsidee wird noch weiter geklärt: Der Stab mit der Schlange, das Zeichen von Hygieia, der Göttin der Gesundheit, weist auf die Zahl einer im Inneren verborgenen Stundenscheibe. Das Ganze ist also eine Tischuhr mit symbolischer Bedeutung. Zu ihr trägt ein lateinischer Satz bei: „Das werde ich wünschen“. – Zu den unten flüchtig skizzierten Lebensaltern vgl. die nächsten Bilder.

In Auftrag gegeben von Herzogin Franziska, könnte die Parzen-Skizze ein Geschenk für Herzog Carl Eugen gewesen sein: ein künstlerisch gestalteter Wunsch für Gesundheit und daher langes Leben, das, so lange Atropos schläft, nicht so schnell enden wird.

Die Parzen als Uhrgehäuse, 1793, Gebrannter Ton, 54,8 cm hoch, 1987 von der Staatsgalerie erworben

Die kühne Idee der Parzen-Skizze ließ Dannecker hoffen, dass eine Ausführung in dauerhaftem Material wie Marmor, vielleicht auch in größerem Maßstab, beauftragt würde. Solche Zimmermonumente entsprachen dem Geschmack der Zeit. Doch nichts geschah. Dannecker sah sich gezwungen, eine Umwandlung in ein Uhrgehäuse in gebranntem Ton anzugehen. Bereits 1792 gab es einen längeren Bericht über das Werk – vermutlich von seinem belesenen Schwager Heinrich Rapp. Dort heißt es, das Werk verdiene „ins Große ausgeführt zu werden“. Auch ist von einem “ins Reine“ gebrachten, d. h. ausgearbeiteten Modell einer Uhr die Rede, auch vom Interesse von Freunden und Subskribenten.

In der Dannecker-Ausstellung 1987 konnte ich zwei Beispiele dieses Uhrgehäuses zeigen. Dieses hier wiedergegebene, besonders fein ausgeformte Exemplar stammt von einem aus Waldshut-Tiengen angereisten Teilnehmer einer Ausstellungsführung. Ihm wurde dabei erst bewusst, was in seinem Haus vernachlässigt auf dem Dachboden herumstand. 

Die Gestalten sind etwas weniger mädchenhaft als in der Skizze. Lachesis legte, wie an anderen Fassungen zu sehen, den linken Zeigefinger an den Mund, um Atropos‘ Schlaf nicht zu stören. Die runde, ausgefütterte Öffnung war für eine Taschenuhr oder ein Miniaturporträt vorgesehen. Umgeben wird sie vom Ewigkeitszeichen der Schlange, die sich in den Schwanz beißt.

Qualitätsvolle Sockelreliefs mit Szenen der griechischen Mythologie spinnen den Gedanken eines gesunden und langen Lebens aus. Links Thetis, die den kleinen Achill in einen Krater taucht, um ihn unverletzbar zu machen (Ausnahme: die Achillesferse). Daneben das jugendliche, liebesbereite Mannesalter, verkörpert von dem schönen Hirten Paris mit phrygischer Mütze und seinem Apfel. Herkules als Tugendheld mit Keule, Löwenfell und Höllenhund Cerberus steht für den souveränen Mann in besten Jahren. Rechts trägt Aeneas seinen greisen Vater aus dem brennenden Troja. – Ist uns diese Welt auch fern und fremd, so können die Reliefs doch nach wie vor anregende Gedanken über Liebe und Sorge im Umgang miteinander auslösen.

Ph. F. Hetsch, Allegorie auf Washington, 1793, Ausschnitt, Schweinfurt, Museum Georg Schäfer 

Hetsch, inzwischen Professorenkollege Danneckers an der Carlsschule, hält die endgültige Parzengruppe in einem merkwürdigen Bild fest. Leider wissen wir nicht, wie es zu diesem Auftrag kam. An die Stelle einer Uhr tritt das Bildnis George Washingtons. Zwei junge Frauen verkörpern die Musik und Malerei. Sie sind vermutlich „verkleidete Porträts“ von amerikanischen Reisenden, die Hetsch den Bildauftrag erteilt haben könnten. Die Aufschrift Trenton 21. Ap. 1789 ruft den triumphalen Durchzug Washingtons durch New Jersey auf dem Weg nach New York in Erinnerung. Damals war Washington 57 Jahre alt. Deshalb konnte Hetsch wohl leicht auf die Altersdarstellung unter der Parzengruppe verzichten und die Reihe mit Herkules als Mann in den besten Jahren beschließen.

Das Gemälde könnte auch ein Beispiel dafür sein, dass die deutsche Begeisterung für die Französische Revolution angesichts des Schreckensjahres 1793 nachließ und sich mehr auf die friedliche Revolution in Amerika verlagerte.

Weiter geht’s am 15. November 2019 mit dem Vergleich der beiden Fassungen des Mädchens mit dem toten Vogel.