Eine neue Oper für Stuttgart – Plädoyer für ein Umdenken
So plante Max Littmann (1862-1931) das Theaterensemble für Stuttgart. Unverändert erhalten ist die Oper, das Große Haus. Sie ist ausgerichtet nach der Achse des Ovalsees und der Eugenstraße. Damit steht sie im rechten Winkel zur Parkachse des Schlossgartens von Nikolaus Friedrich Thouret (1767-1845), geplant und ausgeführt ab 1806. Parallel zu dieser Achse wurden später die Neckarstraße und auch die Urbanstraße angelegt. Hier sieht man die Eugenstraße und ihre Verlängerung als Staffel, die hinaufführt zum Galateabrunnen und Eugenplatz. Heute gibt es diese wichtige Blickachse nicht, weil sie zugewachsen ist.
Zustand 1958

EiINE NEUE OPER – warum ? wo ? wann ?
WARUM ? Littmanns Oper stammt von 1912. Seit langer Zeit besteht dringender Sanierungsbedarf. Ihre Technik ist überholt. Zahllose Arbeitsbereiche sind unwürdig, ja unzulässig.
Mit dem äußerst problematischen Zustand wachsen und stauen sich die Probleme. Die Sanierungskosten steigen ins Groteske. Von 1 bis 2 Milliarden Euro ist die Rede. Die Realisierung könnte sich bis Mitte der 2040er Jahre hinziehen. Keiner der heutigen Entscheidungsträger würde das im Dienst erleben. Allenfalls im Ruhestand.
Ein Umdenken erscheint notwendig.
EINE NEUE OPER ist für Stuttgart angemessen. Städte gleicher Größe und Bedeutung verfügen über mehrere Häuser. Der Littmann-Bau könnte weiter für Opern, die sich darin problemlos realisieren lassen, verwendet werden, für das Ballett, Konzerte und manches mehr. Die NEUE OPER dient den großen Projekten, ausgestattet mit allem, was dazu nötig ist.
Es folgt ein Blick auf den Akademiegarten, den es noch nicht lange gibt. Er war ein geschichtsträchtiger Ort. Im 18. Jh. entstand dort außerhalb der eigentlichen Stadt eine Kaserne. Sie wurde in eine Carlsakademie umgewandelt und als Hohe Carlsschule sowie ab 1782 als Universität europaweit als Bildungsstätte berühmt.
Eine neue Oper für Stuttgart

WO sollte sie stehen? Mitten im einmaligen Kulturquartier der Stadt – gemäß der bewährten Devise „Stärken stärken“. Keinesfalls dürfte diese NEUE OPER im neuen Rosensteinquartier angesiedelt werden. Das hätte eine Verschiebung auf den Sankt-Nimmerleinstag in einem unfertigen Stadtteil zur Folge. Analog zu dem traurigen Start der Stadtbibliothek im seinerzeit unfertigen Europaviertel. Ganz zu schweigen von der Vollendung mutmaßlich erst in den 2040/2050er Jahren.
WO also? Im Herzen der Stadt, in unmittelbarer Nähe zu den übrigen Häusern der Staatstheater: zwischen Planie und Schillerstraße. Drei Orte kommen dort in Frage: 1. der Akademiegarten, 2. der Eckbereich B14/Schillerstraße, 3. die Südseite der Schillerstraße.
WANN ? – Warum nicht sofort. Die Teams des Staatstheaters und die gesamte Öffentlichkeit brennen danach.
BEDENKEN: Deren Träger mögen sich, obgleich hier tief verwurzelt, kurz zurückhalten und die Bilder und Argumente der nächsten Tage abwarten.
KLIMA: Natürlich stünden im Stuttgarter Kessel am besten gar keine große Bauten. Aber dann hätten die Kolosse entlang der Hauptstätter Straße/B 14 oder das Dorotheenquartier nicht errichtet werden dürfen. Oder der als HBF inzwischen überflüssige Bonatz-Bau hätte abgerissen werden können. Trotz der dann frei wehenden Luftströme ist das zum Glück nie jemandem eingefallen.
Kurz: eine große, eine bedeutende Stadt braucht große Bauten. Und es läßt sich auch im bisherigen Klima der Kessellage gut leben und arbeiten. Das weiß der Autor aus über 30jähriger Erfahrung.

Eine neue Oper in Stuttgart
VORTEILE: die INTERIMSOPER ENTFÄLLT ! Damit ein immenser Kosten- und Zeitfaktor. Die Szene bei den Wagenhallen atmet auf. EINE NEUE OPER wäre für die ganze Stadt eine große Bereicherung.
Stuttgart warb einmal für sich als „Großstadt zwischen Wald und Reben“ – nicht zu Unrecht. Spötter und Neider machten daraus „zwischen Hängen und Würgen“.
Das Sanierungsprojekt des Großen Hauses, das Festhalten am tiefgreifenden, risikoreichen Umbau der in die Jahre gekommenen Littmann-Oper, das ewige Planen und Abwägen haben das Projekt zum Hängen und Würgen gebracht.
Ein Gordischer Knoten ist entstanden. Es braucht einen Befreiungshieb wie den von Alexander dem Großen. Stadt und Land, die Intendanz der Staatstheater und die diversen Arbeitsstäbe sollten sich zu einem Schwerthieb vereinen: statt weiteren mühseligen kleinen Schritten ist der Mut zum BAU EINER NEUEN OPER wünschenswert.
WANN ? – ein Beschränkter internationaler Wettbewerb sollte bereits im Herbst 2026 stattfinden. Baubeginn 2027/28. Fertigstellung nach 5 Jahren. Umzug von der Littmann-Oper in die NEUE OPER. Sanierung von Littmanns Bau ohne äußere Veränderung gleichfalls in ca. 5 Jahren. Vollendung von allem etwa 2037/38.

15. November 1977: Vorstellung des Entwurfs NEUE STAATSGALERIE im ehem. Landespavillon (heutiges S21-Areal): Günter Behnisch (1922-2010), unterlegener Wettbewerbsteilnehmer, versucht James Stirling (1926-1992) zur Brust zu nehmen. Michael Wilford (1938-2023), dessen Partner, feixt.
Es folgen in kurzen Abständen Blicke auf die stadträumliche Situation, die vom Kessel unbelastete Architekten bereits gestalten wollten. Einem eben, James Stirling, ist mit seinen hier zunächst von vielen Seiten attackierten Plänen ab 1977 nicht nur ein weltweit beachtetes Ensemble direkt an der B14 gelungen. Er hat damit auch ein Beispiel für Stadtreparatur nach den Schäden des Krieges und denen der Nachkriegszeit geschaffen.