Wieder Tage der offenen Baustelle zu Jahresbeginn: es geht voran mit Stuttgart21. Ein Blick auf die künftige Bahnsteighalle zu Füßen des 100 Jahre alten Bahnhofs von Paul Bonatz, gesehen beim Hinabsteigen zur Baugrube. Gelb abgedeckte Kelchfüße stehen noch zeitweilig unter einem Steg zu den Gleisen.

Detail einer Kelchstütze: Eleganz der Linien und räumlichen Gestaltung sowie Meisterschaft in der Ausführung. In einem Bogenschwung wird die Seitenwand der Gleishalle erreicht. 

Der seitliche Bogenschwung wird nach unten und innen noch fortgeführt werden und einen dynamischen Raumeindruck vermitteln.

Eine fertige Kelchstütze: der Fuß ist 7,2 m hoch, die Blume darüber, der eigentliche Kelch 6 bis 6,5 m. Das noch abgedeckte, geneigte Glasdach, das „Lichtauge“, misst 16 m im Durchmesser. 

Hier ist der Stützenwald bereits zu ahnen. Nach Schließung des Dachbereichs entfallen die weißen Bausteifen. Auch die munteren Wilhelm-Busch-Buben werden nicht mehr da sein.

Blick über die Bewehrung eines künftigen Bahnsteigs. Rechts die Betonfläche ist eine zeitweilige Abdeckung eines Gleispaares.

Die noch abgedeckten Dachkelche mit der abgeschrägten Hutze, dem nach innen geneigten Betonring der Lichtaugen, sind allesamt in der Ausführung Unikate wegen des ansteigenden Geländes.

Dieser Blick vermittelt bereits eine gewisse Vorstellung von der gewaltigen Wirkung der künftigen Bahnsteighalle. Das einzigartige Konzept von Christoph Ingenhoven, realisierbar dank der nicht weniger hochrangigen bautechnischen Leistung von Werner Sobek, ausgeführt von meisterhaften Handwerkern – das alles lässt einen Bau entstehen, der weltweit einmalig ist.

Für den mit Spannung erwarteten neuen Stuttgarter Bahnhofsbau, der gewiss das Ansehen der „Elbphilharmonie“ unter den Verkehrsbauten  erreichen wird, fehlt nur noch ein dem Kürzel „Elphi“ entsprechender Kosenamen. Die nach Stuttgart von überall her strömenden Bewunderer des Baues werden ihn spätestens Mitte des neuen Jahrzehnts finden. 

Viele Infotafeln und gut unterrichtete Mitwirkende des Bauprojekts beantworten an den Tagen der offenen Baustelle die Fragen der zahlreich strömenden Besucher. Noch mehr wird man ab Ende März in dem weinroten Infoturm erfahren.

Nur noch ein paar Jahre Geduld braucht es, bis wir eine Riesenattraktion in Stuttgart haben werden und uns ihrer rühmen dürfen. Ein solches Plus im klassischen Wettstreit der Städte wird dann die schweren Geburtswehen des Projekts vergessen lassen. Der Wald von 28 Kelchstützen wird Stuttgart ein weiteres zukunftsweisendes Highlight der Architektur bieten – in Fortführung von Weißenhofsiedlung, Fernsehturm oder Neuer Staatsgalerie, allesamt auch zunächst wenig geschätzt bis bekämpft.

Dank des neuen Bahnkonzepts gewinnt Stuttgart sein 100 Jahre als Gleisfeld benutztes Rosensteinquartier zurück. Es ist zu hoffen, dass es sich ähnlich glanzvoll entwickeln wird wie Ingenhovens Bau. 

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Einen Tag später:

INFOBOX – INFOTURM zu Stuttgart21

Rückblick und Ergänzung des Beitrags vom 4. Januar: angeregt durch den aufmerksamen Architekten Jochen Hammer, präsentiere ich hier nach knapp 10 Jahren auch meinen damaligen Vorschlag.

Das Bild mit meiner dilettantisch angedeuteten Infobox entstammt dem großen Vortrag „Bahnhöfe – Gleise – Parkanlagen / Stuttgarts Stadtentwicklung und Stuttgart21“, den ich am 24. November 2010 vor mehr als 500 Personen im Rathaus hielt. Und später noch mehrfach, u. a. vor der Handwerkskammer Region Stuttgart, Forum Region Stuttgart und Pro Stuttgart am 11. Februar 2011.

Die letzte, hier gezeigte Folie meiner PowerPoint-Präsentation wies auf die Notwendigkeit einer Infobox hin – darin Beispielen in Berlin und Hamburg folgend – und gibt auch stichwortartig ihre Aufgaben an.

Mein Vorschlag ohne Kenntnis konkreter Bauplanungen sah die Infobox als Blickpunkt der Königstraße direkt neben dem Bahnhofsturm vor, zugänglich vom Straßenniveau wie vom Balkon der oberen Bahnhofshalle.

An eine Realisierung dachte damals außer mir wohl niemand. Aber gut Ding will Weile haben, speziell in Stuttgart. Nun wird die Box als ansprechender Turm nicht vor, sondern jenseits der Baugrube errichtet. Auch gut. Ich freue mich auf seine Eröffnung in wenigen Wochen.

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Noch ein Tag später, am 6. Januar 2020:

Die Menge der Interessierten am Werdegang des Stuttgarter Architekturereignisses während der Tage der offenen Baustelle veranlasst mich,  hier einige weitere Schnappschüsse zu präsentieren. Dass der Baufortschritt die Wissbegier steigert, war vorhersehbar. Nicht aber, dass die Zahl der Neugierigen sich gegenüber Anfang 2019 mit 64 Tausend annähernd verdoppeln würde. Ein gutes Omen für die endgültige Akzeptanz von Stuttgart21.