26. April 2019

Zur Einstimmung ein Lied des „Germanen“ von Adolf Fremd (frei nach Franz Schuberts „Winterreise“):

Fremd bin ich eingezogen,/ Fremd zieh‘ ich wieder aus,/ Das Land war mir gewogen,/ Nun droht mir der Garaus./ Das Mädchen sprach von Liebe,/ Der Künstler dacht‘ an Eh‘,/ Doch ist‘s am Weg so trübe,/ Mein Ort ein einzig Weh.

Stuttgart erglänzt im Wandel,/ Fast alles wird digital,/ Auch mich erfreut der „Handel“,/ Uns zu trennen, war fatal./ Einig einst als schönes Paar,/ Möchten wir’s wieder werden,/ Vereint uns drum am Fluss Neckar,/ Schenkt Zweiklang uns auf Erden.

nach Leibbrand 1895, Wiedergabe der rechten Abb. als Kupferstich spiegelverkehrt

Zum Vergleich mit dem Stuttgarter Standbild ein Blick auf eine andere Art von Wehrstand und militärischem Auftreten.

Windhoek 2007

In Kolonialzeiten waren Handel resp. Ausbeutung und Militär besonders eng verbunden. Deutschlands Ehrgeiz im späten 19. Jh., es anderen Kolonialmächten gleichzutun, z. B. in Afrika und speziell in Namibia, hatte z. T. verheerende Folgen. Den Völkermord an den Herero und den Kampf mit den Nama beschönigte für fast 100 Jahre ein heroisches Reiterdenkmal von 1912 in Windhoek zur Erinnerung an die „Schutztruppen“ auf besetztem afrikanischen Boden. Der Text auf der großen Bronzetafel beginnt unter einem preußischen Adler mit den für uns Heutige noch beschämenden Worten: „Zum ehrenden Angedenken an die tapferen deutschen Krieger, welche für Kaiser und Reich zur Errettung und Erhaltung dieses Landes …“ 

Mit Derartigem hat unser Fußsoldat nichts zu tun. 10 Jahre nach Einweihung des Niederwalddenkmals bei Rüdesheim mit der riesigen Germania in Bronze, entschied sich Adolf Fremd als Sinnbild für die „Macht“, wie ihr Auftraggeber Leibbrand die Skulptur kurz nennt, für einen bewaffneten Germanen. Diese Schutzinstanz für unbehelligten „Handel“ bezieht sich genauso auf „Landwirtschaft“ und „Gewerbe“.

Adolf Fremd, Figur der „Macht“, „Wehrkraft“ und des „Wehrstands“, Kelheimer Kalkstein, ca. 2,95 m hoch, auf der Plinthe links signiert mit „FREMD 1901“. 1901 aufgestellt auf dem 2,15 m hohem Sockel vor dem rechten Pylon auf der Stuttgarter Brückenseite; heute am Treppenabgang zum Cannstatter Uferweg. Ursprüngliche Gesamthöhe mit Sockel gut 5 m. 

Dem wackeren Germanen sind in jüngster Zeit viele Vandalen begegnet, bewaffnet mit Spraydosen, die den Herrschaftsanspruch in ihrer „Hall of Fame“ der Brückenunterführung zu Unrecht auch auf dieses Standbild ausdehnten. Teils witzig, teils wüst, haben sie die Figur mit Farben und magischen Zeichen aus ihrer Sicht wohl verlebendigt und dennoch verhunzt. Der bis vor kurzem nur steinfarbene, deshalb aber wie sein weibliches Pendant keineswegs farblose Krieger ist bunter geworden, als es einst selbst die Plastiken der griechischen Antike waren. Die Statue bedarf dringend einer Restaurierung, wenn nicht die Farben sich auf Dauer unauflöslich mit der offenporigen Steinstruktur verbinden sollen.

nach Leibbrand 1895 und tschogibussi 2007 Wikimedia

Die „Macht“, die „Wehrkraft“ oder der „Wehrstand“, wie der Germane im Wechsel genannt wird, ist zwar gut bewaffnet, aber nicht auf dem Sprung. Man könnte an die Nato denken, die auch nie in kämpferische Aktion zu treten wünscht und dennoch dafür gewappnet ist. Wachsam, aufrecht und zugleich entspannt sitzt der Krieger im Gipsmodell da. Mit der Rechten hält er den Rundschild, mit der Linken eine Stangenwaffe, halb Spieß, halb Speer. Überkreuz gespannte Lederbänder steigern die Griffigkeit. Auf dem Kopf trägt der Kämpfer einen Helm mit Flügeln. Dazwischen ist ein Adler oder Greif zu sehen. Der Schnauzbart weist den Germanen auch als einen Zeitgenossen der Gründerjahre aus.

In der Ausführung in Kalkstein wirkt die Haltung des Helden noch souveräner. Leicht zurückgelehnt mit seiner Schlagwaffe, das Schwert rechts in der Scheide, blickt er weit in die Ferne. Die Rechte ruht locker auf dem Oberschenkel. Sein im Gipsmodell viel dünneres Gewand, das eindrucksvoll im Wind flatterte, hat sich in ein schweres Fell verwandelt. Der Schild aus Weidengeflecht ist viel größer geworden und wird in der Ruhepose auf dem Rücken getragen. 

Besser als beim „Handel“ ist hier eine teilweise Untersicht der Skulptur möglich, bei der die Intention des Künstlers deutlicher als bei der derzeitig ebenerdigen Aufstellung wird.

Nach Absicht von Karl von Leibbrand, dem Erbauer der Brücke und Auftraggeber des Künstlers, hatten die überlebensgroßen, hoch aufgestellten Standbilder eine repräsentative Funktion. Von weither sichtbar, blickten sie allesamt in die Ferne und waren an der Gesamtwirkung der Brücke entscheidend beteiligt. An ihrem derzeitigen Ort aber ist die „Macht“ entmachtet, steht auf einem Abstellplatz. Das sollte geändert werden. Die beiden allegorischen Figuren verdienen einen besseren und auch erhöhten Aufstellungsort.

Sprayerlust und Germanenleid am Neckar. Im Grunde keine schlechten Kostproben des Könnens der Sprayer und dennoch am falschen Gegenstand. 

Der große Schild aus Weidengeflecht ist innen durch vertikale Stangen und außen mit einer stabilisierenden Kreuzbandornamentik gefestigt, die mit Lederbändern über den Schildrand gespannt ist. Die Detailgenauigkeit von Adolf Fremd ist erstaunlich. 

Adolf Fremd, der sich selbst als Schüler Danneckers bezeichnete, obgleich er erst nach dessen Tod zur Welt kam, darf man nicht mit einem Zeitgenossen wie Rodin vergleichen. Aber als regionale Größe trug er zum bildnerischen Schmuck seiner Vaterstadt mehrfach bei. Mit seinen allegorischen Figuren der König-Karls-Brücke schuf er ein Ensemble, dass den Straßen- und Stadtraum wirkungsvoll belebte. 

Wie lange wird dieser potentielle Held noch an diesem ungastlichen Ort sitzen?! Zwar wehrhaft, doch dank seiner steinernen Natur zugleich kampfunfähig, ist er weiterem farblichen und sonstigem Vandalismus wehrlos ausgesetzt. Er hofft daher auf Vertreibung aus diesem Paradies der Sprayer.

Ist es nicht an der Zeit, diesen lieb- und sockellos abgestellten Skulpturen wieder einen ihnen gemäßen, gemeinsamen Ort zu gönnen?!  Nicht Seite an Seite, sondern in einer gewissen Entfernung voneinander, in etwa so wie einstmals vor den Pylonen der König-Karls-Brücke? Auf gut 2 m hohen Postamenten, damit sie wieder in Untersicht wahrgenommen werden könnten und der Sprayerlust entzogen wären?! Die Aufstellung sollte wegen der Ankersymbolik des „Handels“ möglichst in Neckarnähe erfolgen. 

Ist ein solcher Ort nicht im Zuge der Neugestaltung der Uferzone zu finden? Vielleicht sogar im Zugangsbereich des Fußgänger- und Fahrradwegs der Eisenbahnbrücke, die gerade von Schlaich Bergermann Partner so meisterhaft errichtet wird?!