Napoleon, Alexander der Große, Marc Aurel – Heerführer und Herrscher zu Pferd: Jacques-Louis David (1748-1825), Napoleon auf dem Großen St. Bernhard am 20. Mai 1800, gemalt 1800/01, Öl auf Leinwand, 260 x 221 cm, Schloss Malmaison, Foto Wikimedia

Hiermit nehme ich meine Beschäftigung mit Pferdethemen wieder auf. Zunächst widme ich mich Davids berühmtem Gemälde und seinen Voraussetzungen. Es folgen Beiträge zu dem Pferdemaler Albrecht Adam, beginnend mit seiner Beteiligung am Russlandfeldzug 1812.

Napoleon um 1800 und Alexander der Große

Napoleon erhebt sich 1804 selbst zum Kaiser. Auf Davids Gemälde ist er Erster Konsul. Die Wahl seiner Vorbilder ist historisch wie künstlerisch aufschlussreich. Es geht um Darstellungstraditionen und die jeweilige Verquickung von Heerführer und Herrscher. 

Napoleons Familienname ist frisch in einen Felsstein geritzt. Als große Vorgänger findet man daneben bereits Hannibal (um 247-183 v. Chr.) und Kaiser Karl den Großen (747/48-814). In Wirklichkeit überquerte Bonaparte den Pass auf dem Rücken eines Maultiers. Diese bescheidene Realität verwandelt David in eine Verherrlichung des Heerführers auf einem temperamentvollen Schimmel. Ein gefährliches Gebirge wird wie im Sprung genommen. Blick und Geste weisen Napoleon als resolute Führungsgestalt aus. Seinen Elan unterstützt sogar der Sturm.

Napoleon, Alexander der Grosse, Marc Aurel – Schlacht von Issos, 333 v. Chr.

Alexanderschlacht, Bodenmosaik aus Pompeji, Detail, ca. 150 bis 100 v. Chr., Neapel, Archäologisches Nationalmuseum, Foto Berthold Werner, Wikimedia

Leider war Alexander der Große (356-323 v. Chr.) nie in den Alpen. Sonst wäre sein Name gewiss als erster auf Davids Gemälde erschienen. Der sagenumwobene Feldherr und Herrscher ist auf seinem feurigen Pferd Bukephalos (ca. 356- 326 v. Chr.) zu sehen. Vermutlich in der Schlacht bei Issos. Voller Entschlossenheit reitet er auf den Perserkönig Dareios III. zu, der bereits halb auf der Flucht ist. 

Es fehlt hier Hannibals Überquerung der Alpen mit Kriegselefanten im Jahr 218 v. Chr., weil es keine frühe Darstellungen davon gibt. Das gleiche gilt für Kaiser Karl den Großen, der im Jahr 773 gegen die Langobarden zu Felde zog.

Marc Aurel auf dem Kapitol

Napoleon, Alexander der Grosse, Marc Aurel – auf dem Kapitol

Reiterstandbild Marc Aurel, 424 cm hoch, 2. Hälfte 2. Jh. n. Chr., Rom, Kapitol vor dem Konservatorenpalast. Die Bronzekopie wurde 1997 zur Erinnerung an die Gründung Roms vor 2.750 Jahren aufgestellt, um weitere Umweltschäden am Original zu vermeiden.

Die überlebensgroße Reiterstatue ist fast so bekannt wie Michelangelos David oder Leonardos Mona Lisa (vgl. auch deren Echo in Blois). Das Reiterstandbild ist als einziges der Antike komplett erhalten. Das machte sie zum Vorbild für zahllose Reiterdarstellungen, die einen Herrscher und Heerführer in souveräner Pose zeigen. Die Gesamthaltung und eine Handbewegung scheinen zu genügen, um eine staatliche Ordnung herzustellen und zu garantieren. Als Kunstwerk der Antike wurde sie 1538 zusätzlich nobilitiert durch die Aufstellung auf dem von Michelangelo entworfenen Platz des Kapitols.

Napoleon, Alexander der Grosse, Marc Aurel – das Original

Reiterstatue Marc Aurel, Bronze vergoldet, Original unter einem Schutzdach im Hof des Konservatorenpalastes der Kapitolinischen Museen, Foto Frühjahr 2011

Trotz aller Energie in der Bewegung des Pferdes und der herrscherlichen Haltung im Auftritt Marc Aurels (121-181 n. Chr., seit 161 Kaiser) kam er als Vorbild für Napoleon nicht infrage. Dieser Kaiser war zu philosophisch und nicht dynamisch genug.

Söldnerführer – Condottieri

Donatello, Gattamelata, Padua

Donatello, Reiterstandbild Gattamelata, Bronze, 340 cm hoch auf einem Sockel von fast 8 m Höhe, 1453, Padua, Piazza del Santo, Foto Chris Light, Wikimedia

Gattamelata (gefleckte Katze) ist der Name von Erasmo da Narni (1370-1443). Er stieg aus kleinen Verhältnissen zu einem angesehenen Söldnerführer auf. Sein Denkmal von Donatello (1386-1466) ist das erste monumentale Reiterstandbild seit der Antike. Und zugleich ein künstlerischer Nachfahre des Marc Aurel.

Napoleon dürfte auch diese energiegeladene Darstellung eines kampfbereiten Reiters auf einem kräftig gebauten Pferd nicht zugesagt haben. Das Meisterwerk der Frührenaissance war für die Zeit um 1800 schon zu fern gerückt.

Relativ klein, mit lockerem Zügel und ohne Kopfbedeckung, in der Rechten den Kommandostab, ist Gattamelata ein Inbegriff eines kampfentschlossenen, mutigen Feldherrn. Zeitgenossen mochten zunächst meinen, das sei kaum zu übertreffen. 

Verrocchio, Colleoni, Venedig

Andrea del Verrocchio, Reiterstandbild Bartolomeo Colleoni, Bronze, 1480-88, Venedig, Campo Santi Giovanni e Paolo, Foto Wikimedia

Verrocchio (um 1435-1488), ein Florentiner wie Donatello, trat mit diesem gewissermaßen in Wettstreit, als ihm Venedig den Auftrag für das Denkmal dieses Condottiere (1400-1475) erteilte. Reiter und Pferd sind in noch stärkerer Anspannung und Bewegung. Beide sind erfüllt von entschlossenem Vorwärtsdrang. Adern und Muskulatur des Pferdes treten stärker in Erscheinung. Das finstere Gesicht Colleonis wirkt angsterregend. Mit noch mehr Dynamik als bei Donatello wird dem Feind entgegengeritten. Die Bewegung des Pferdes geht weit über den Sockel hinaus.

Leonardo da Vinci

Napoleon, Alexander der Grosse, Marc Aurel – Leonardo, Condottiere, London

Leonardo da Vinci, Der Condottiere, um 1475, Silberstift, 28,5 x 20,7 cm, London, British Museum, Foto Wikimedia

Fast könnte man meinen, der junge Leonardo (1452-1519) habe seinen Lehrer Verrocchio mit dieser Darstellung eines finster entschlossenen Kämpfers inspirieren oder übertreffen wollen.

– – – – – – – –

NACHTRAG 19. JUNI 2022

Beim zufälligen Blättern in meinem ersten Fotoalbum finde ich vergessene, von mir beschriftete Fotos von meiner 1. Italienreise. Oben links im Alter von 12 Jahren mit meiner Mutter am Canal Grande. Die Aufnahmen sind meist von mir gesammelte Postkarten.