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König Wilhelm vor dem fernen Rotenberg mit der Grabkapelle Königin Katharinas, B. Levi nach Hermann Fleischhauer, um 1845, Staatsgalerie Stuttgart.

Nach seinem Besuch Stuttgarts schreibt Theodor Heinze, Kgl. Sächsischer Bereiter, 1846 (Waiditschka 2017, 129): „Der königl. Stall besitzt im Ganzen hundert und siebzig Pferde, die in achtzig Reit- und neunzig Wagenpferden bestehen … Der König selbst reitet zehn der schönsten Araber, am liebsten die Abkömmlinge des AMURATH und des BAIRACTAR, die sich nächst allen anderen vortrefflichen Eigenschaften durch ein herrliches Temperament und einen liebenswürdigen Charakter auszeichnen. Auch fährt Se. Majestät sehr oft selbst mit Arabern auf der Droschke …“

Die berühmte Wilhelma entsteht nach dem Reithaus als Kgl. Lustgarten. So klar tritt Wilhelms Orientbegeisterung sonst nirgends zutage. 30 Jahre nach seiner Heirat mit Katharina wird das Maurische Landhaus am 30. September 1846 aus Anlass der erneuten Vermählung eines Kronprinzen mit einer Zarentochter eröffnet: der Ehe seines Sohnes Karl mit Olga Nikolajewna. Wenige Tage später folgt ein glanzvolles „Caroussel“ im Reithaus als hippologisches Fest für die künftige Königin; davon später mehr.

Wilhelm I. beim Ausritt, L. Braun, 1856, Foto AHW, Altshausen.

Mit 75 Jahren ist der König noch als begeisterter Reiter zu sehen, vermutlich im Stuttgarter Schlossgarten – fast bürgerlich, ohne irgendwelche Insignien.

In seinem Denkmal, entworfen im gleichen Jahr 1856, lässt Ludwig Hofer seinen großen Gönner entschlusskräftig und prächtig auftreten. Wilhelm erscheint in Generalsuniform mit Orden und Säbel. Sein Hermelinüberwurf weist ihn als Herrscher aus. Das reiche orientalische Zaumzeug passt zur noblen Erscheinung des Pferdes. Ursprünglich ganz vergoldet, ist die Bronze heute mit allen Spuren der Zeit genauso ansprechend.

Das Reiterdenkmal ist Hofers letztes und wichtigstes Werk. Dem nüchtern-bescheidenen König behagt ein solch anspruchsvolles Auftreten jedoch zu Lebzeiten nicht. Er sieht sich nicht in der Reihe von Marc Aurel und großen Herrschergestalten von Renaissance und Barock. 20 Jahre nach seinem Tod finanziert der alte Künstler die Realisierung schließlich selbst, verdankt er doch dem König zahlreiche Aufträge, Wohlstand, Ehren und Adel.

Zwei-Kaiser-Treffen 1857, Foto AHW, Altshausen.

Ein großes Ereignis in Stuttgart und Württemberg ist das Zwei-Kaiser-Treffen nach dem Ende des Krimkriegs. Der 76jährige König Wilhelm hat zu Gast Kaiser Napoleon III. (1808-1873) und Zar Alexander II. (1818-1881), Bruder seiner Schwiegertochter Olga. Am 28. September erscheint das Herrscherterzett auf edlen Arabern aus dem Kgl. Leibstall mit großem Gefolge auf dem Cannstatter Volksfest – der Höhepunkt in der 200jährigen Geschichte der beliebten Herbstveranstaltung.

König Wilhelm I., um 1856, Foto AHW, Altshausen.

Der etwa 75jährige ist wohl auch hier im Schlossgarten unterwegs. 

Wilhelms „Muse“ gehört nicht zum Kreis um Apoll. Ihn beflügelt mehr Ceres, die Göttin der Landwirtschaft und Fruchtbarkeit. Deshalb ist der ihm 1842 zugesprochene Beiname „Rex agricolarum“ (König der Bauern) nicht unangemessen. Dazu gehört für ihn auch das Faszinosum edler Pferde.

Diese Begeisterung hat aber eine Kehrseite für Kunst und Kultur. Gegenüber vom Marstall ist an der Neckarstraße 1819-27 im Offizierspavillon die berühmte Boisserée-Sammlung ausgestellt: das umfangreiche, absolut einmalige Ensemble deutscher und niederländischer Gemälde der Gotik und Renaissance. Wilhelm greift nicht zu. Das tut der ausgesprochene Kunst- und Künstlerfreund König Ludwig I. von Bayern.

Noch immer bewundern daher Württemberger nur mit Wehmut die Bestände der Münchner Pinakothek – in dem Bewusstsein, dass diese Schätze eigentlich in ihre Staatsgalerie gehören, vor der ihr Gründer so ruhig reitet.