19. April 2019

Die allseits gerühmte König-Karls-Brücke wurde nur gut 50 Jahre alt. Im Zweiten Weltkrieg fiel sie keinen Bomben zum Opfer. Sie wurde am 22. April 1945, kurz vor der Kapitulation, von deutschen Truppen gesprengt. Damit sollte der Vormarsch der Alliierten verzögert werden. Eine ebenso sinn- wie heillose Tat begingen die Deutschen zuvor auch in Florenz, als sie alle Arno-Brücken zerstörten und um den Ponte Vecchio Bauten des 14. bis 16. Jh. in Schutt und Asche legten, um die Amerikaner aufzuhalten. Natürlich mit gleich geringem Erfolg wie in Stuttgart.

nach Leibbrand 1895

Für den Stuttgarter Brückenkopf schuf Adolf Fremd 1893 im Auftrag von Karl von Leibbrand die allegorischen Figuren des „Handels“ und der „Macht“ (auch „Wehrkraft“ und „Wehrstand“ genannt). Ausgeführt zunächst, wie hier zu sehen, als Gipsmodelle, traten an deren Stelle 1900 und 1901 die etwas veränderten Fassungen in Kelheimer Kalkstein, der auch als „Bayerischer Marmor“ bekannt ist. 

Da die Sprengung der Brücke am 22. April 1945 wohl auf ihrer Cannstatter Hälfte erfolgte, sind auf dem Foto des gleichen Jahres noch die intakten Pylonen am Stuttgarter Ufer zu sehen (Robert Poebel 1945, BAW Medienarchiv – Bundesanstalt für Wasserbau). Mit ihnen überlebten auch die dortigen Standbilder. Im Zuge der Trümmerbeseitigung und des Abbruchs der Brücke wurden die beiden Skulpturen im Cannstatter Steinbruch der Firma Lauster deponiert. Ihre Rückkehr in die Öffentlichkeit in den 1970er Jahren führte zu ihrer Trennung. Obgleich für Sockel und Untersicht konzipiert, fanden sie eine ebenerdige Aufstellung bei den Mineralbädern bzw. bei der Unterführung der Brücke auf der Cannstatter Neckarseite.

Gemäß „Ladies first“ widme ich mich zunächst dem „Handel“ und im nächsten Beitrag der „Macht“.

Bei seiner ersten Konzeption des „Handels“ sah Adolf Fremd in der allegorischen Figur eine Art schwäbische Schwester von Hermes bzw. Merkur (merces = lateinisch: Waren). Dieser Gott der Reisenden, der Kaufleute und Diebe (schon in der Antike manchmal einander nah verwandt) hat im Jahr 1580 in Florenz seine unüberbietbare Form gefunden: in der Bronzestatue des Giambologna (1529-1608), hier das Exemplar des Louvre in Paris. 1862 wurde die Statue von Ludwig Hofer (1801-1887) für die wirtschaftlich aufblühende Stadt Stuttgart kopiert und hoch oben auf der ehem. Wassersäule neben der Alten Kanzlei platziert.

Giambolognas Götterbote und Gott des Handels wird vom Windgott Zephir emporgeblasen. Seine Flügel am Hut und an den Fersen schenken ihm einen leichten, schwerelosen Flug. In der Linken hält er als Symbol für den Handel den Caduceus, den Merkurstab, an dem sich überkreuz zwei Schlangen winden; darüber zwei Flügel.

nach Leibbrand 1895 und tschogibussi 2007 Wikimedia

Erstmals gibt es hier die zwei Fassungen Adolf Fremds im direkten Vergleich zu sehen. Sein „Handel“ ist weiblich, als Gipsmodell weitgehend entblößt und trägt einen Flügelhut wie Merkur. Dieses Sinnbild der Bewegung, unterstützt auch durch den windgeblähten Umhang, ist eine Anspielung auf die Weite des Handels. Dessen Art wird durch den Anker verdeutlicht, auf dem die Linke ruht. Das bezieht in erster Linie auf Schiffstransporte auf dem Neckar. Was die Gipsfigur in ihrer Rechten hielt, ist nicht genau zu auszumachen. 

Adolf Fremd, Figur des „Handels“, Kelheimer Kalkstein, ca. 2,95 m hoch, auf der Plinthe rechts mit „FREMD“ signiert. Aufgestellt im März 1900 auf einem 2,15 m hohen Postament vor dem linken Pylon auf der Stuttgarter Brückenseite; heute bei der U-Bahn-Haltestelle Mineralbäder. Ursprüngliche Gesamthöhe mit Sockel gut 5 m. 

Die Gestalt sitzt raumgreifend und groß auf einem festgeschnürten Ballen. Die Verwitterungsspuren verleihen ihr ein besonderes Flair. Bei der Ausführung seines Werks in Stein hatte Fremd wohl die Stuttgarter Sittenstrenge zu berücksichtigen. Nacktheit ist kein Thema mehr, auch fehlt der Merkurhut, der durch einen Blätterkranz ersetzt ist. Die leere Rechte hielt ursprünglich einen Merkurstab, der die Verweise auf den Gott der Antike beim Gipsmodell ersetzte. 

Dazu die Schwäbische Kronik, Nr. 127, 17. März 1900: „Dem gegenüber [= „Landwirtschaft“] bringt die links auf der Stuttgarter Seite aufgestellte weibliche Figur, welche die linke Hand kräftig auf den Anker stützt, während die Rechte den Merkuriusstab umschließt, durch die energischere Bewegung des Körpers und die fliegende Gewandung das Entschlossene und Zielbewußte des Handels und Verkehrs, dessen Personifikation sie ist, zum vollendeten Ausdruck. Erweckt so die Betrachtung dieser beiden, vom Bildhauer Fremd hier ausgeführten Meisterwerke ungeteilte Bewunderung und die Empfindung, daß sie in glücklichster Weise ihren Zweck erfüllen, … “ Vgl. auch Stuttgarter Neues Tagblatt, Nr. 63, 16. März 1900. Jeweils wird das Fehlen der Mannsbilder beanstandet.

Skulpturen solcher Dimension sollte man nicht auf Augenhöhe begegnen. Sie benötigen einen deutlich erhöhten Standort. Auch ist die Ausführung nicht auf Nahsicht berechnet. Deshalb hier und im Folgenden soweit möglich der Versuch, Fotos „aus der Froschperspektive“ zu machen. So kommt man der Schönheit der Gestalt näher.

Das etwas elegische Gesicht des „Handels“ entspricht ganz dem Schönheitsideal um 1900 mit den feinen Zügen und dem leicht verhangenen Augenausdruck.

Hier wird besonders deutlich, dass die Skulptur auf einem hohen Sockel eine gänzlich andere Wirkung erzielen würde.

Aus diesem Blickwinkel ist der „Handel“ kaum mehr eine Allegorie, sondern eine schöne junge Frau um 1900, die sich bei widrigem Wetter den Mantelkragen hochschlägt. 

Hat sie als Sehens-Würdigkeit nicht eine andere Würdigung verdient als während der letzten Jahrzehnte?! 

Dazu mehr im nächsten Beitrag am 26. April 2019.