Fritz Leonhardt in Florenz – Den weltbekannten Bauingenieur (1909-1999) kannte ich nur flüchtig. Befreundet bin ich aber seit Jahrzehnten mit seiner jüngsten Tochter und ihrem Mann und daher öfters in seinem Haus im Schwarzwald. Dort wird mir der Erbauer des Stuttgarter Fernsehturms vertraut.

Der junge Leonhardt mit durchdringendem Blick, entschlossenem Ausdruck, Nachdenklichkeit, Selbstbewusstsein und kraftvollem Wesen lässt eine vielversprechende Zukunft ahnen. Foto Familienbesitz.

Fritz Leonhardt in Florenz – Ponte Vecchio mit Corridoio Vasariano, Oktober 2024

Weltbekannt ist auch der Ponte Vecchio, die Alte Brücke, in Florenz, aufgenommen im Oktober 2024 vom Galeriegeschoss der Uffizien. Über den kleinen Läden der Silber- und Schmuckhändler zeigt die Fensterreihe den Corridoio Vasariano an. Knapp ein Kilometer lang, hat ihn Giorgio Vasari 1565 im Auftrag von Herzog Cosimo I. de‘ Medici errichtet. Der überdachte Gang stellte eine sichere Verbindung zwischen den Herrschaftssitzen im Palazzo Vecchio und dem Palazzo Pitti her.

Flussabwärts vier weitere Brücken. Als nächste der elegante Ponte della Trinita, eine der schönsten Brücken Europas und die älteste Korbbogenbrücke weltweit, gebaut von Bartolomeo Ammanati 1567-1571. Alle diese Brücken werden 1944 von deutschen Truppen gesprengt. Wiederaufbau in der Nachkriegszeit.

Fritz Leonhardt ist ein sportlicher, unermüdlicher Wanderer und Bergsteiger – hier 1930 bei seiner Alpendurchquerung, Foto Familienbesitz. Im Sommer 1929, nach dem Vordiplom auf dem Weg zum Bauingenieur, wandert er zu Fuß von Stuttgart nach Rom und Neapel. Im Rucksack Malblock und Aquarellkasten. Ein Blatt hat sich erhalten.

Fritz Leonhardt in Florenz 1929

Fritz Leonhardt in Florenz – Ponte Vecchio, 1929, Aquarell  Familienbesitz

In Florenz macht der 20jährige eine Pause und hält mit leichter Hand den Ponte Vecchio fest, eine der ältesten Segmentbogenbrücken: Aquarell auf Bütten, 26,4 x 38,5 cm, l. u. signiert und datiert, Familienbesitz, © Christian von Holst.

Dieses Blatt ist ein frühes Zeugnis der genauen Beobachtung des künftigen Ingenieurs, der einer der bedeutendsten Brückenbauer des 20. Jh. werden sollte. Als Leonhardt am rechten Arnoufer steht und die fast 700 Jahre alte Brücke in ihren Details erfasst, ahnt er da vielleicht seine künftige Laufbahn.

Das Aquarell ist nicht nur als Werk Leonhardts von Interesse, sondern auch als historisches Dokument. Es führt uns vor Augen, dass durch den Wiederaufbau der Brückenumgebung in der Nachkriegszeit Details verändert sind.

Ponte Vecchio 2024

Die Aufnahme vom Oktober 2024 von Leonhardts Standort zeigt in der Brückenmitte große Fenster, die 1929 nicht existierten. Sie haben möglicherweise zu tun mit der Begegnung von Hitler und Mussolini in Florenz am 9. Mai 1938. Hitler besucht die Uffizien und vielleicht auch den Corridoio Vasariano, um einen Blick auf die Arnolandschaft zu werfen.

Fritz Leonhardt in Florenz – Ponte Vecchio mit Corridoio Vasariano, Detail 1929

Die Brücken des Arno nach dem 4. August 1944

Ponte Vecchio 1944 nach Sprengungen deutscher Truppen

Hitlers Deutschland und Mussolinis Italien sind lange Verbündete. Als sich Italien 1943 den Alliierten anschließt, wird es besetztes Feindesland. Schwere menschliche Verbrechen erinnern daran. Aber auch Fotos wie dieses. Sämtliche Arnobrücken werden vor dem Rückzug der Deutschen am 3./4. August 1944 gesprengt – mit Ausnahme des Ponte Vecchio. Um die Benutzung der Alten Brücke zu vereiteln und die Befreiung von Florenz durch die Alliierten zu verzögern, legen deutsche Truppen ihr jahrhundertaltes Umfeld in Schutt und Asche und verminen die Brücke. Im Vordergrund die Trümmer des Ponte della Trinita von Bartolomeo Ammanati. Foto Wikimedia.

Fritz Leonhardt in Florenz – Ponte Vecchio mit Corridoio Vasariano, August 1944

14. August 1944: Ponte Vecchio von Osten, Aufnahme Capt. Tanner, Offizieller Kriegsphotograph, London, Imperial War Museum, Wikimedia.

Corridoio Vasariano 1970

Markus Lüpertz 1970: Villa Romana-Stipendiat und Besucher des Corridoio Vasariano

Der zu den Uffizien gehörende Korridor beherbergt seit Generationen Selbstbildnisse von Künstlern, ist aber nicht zugänglich. Erst Eike Schmidt, der 1. deutsche Direktor des Museums, plant 2016 seine Öffnung. Nach Restaurierung und Sicherung kann er seit 2024 in kleinen Gruppen besichtigt werden.

Nach abgeschlossenem Studium bin ich von 1969-1974 Stipendiat und Assistent am Kunsthistorischen Institut in Florenz. Bald ergeben sich freundschaftliche Kontakte zu den Kollegen der Museen und den Preisträgern des Künstlerhauses „Villa Romana„.

Unerwartet treffe ich 2023 bei der „art karlsruhe“ auf Markus Lüpertz in Begleitung seiner Frau. Begeistert erinnert er sich an einen von mir ermöglichten gemeinsamen Besuch des geschlossenen Corridoio Vasariano im Sommer 1970. Hier zeige ich Lüpertz in der damaligen Jahrespublikation der Villa Romana-Stipendiaten. Den besonderen Auftritt liebt er noch immer.