Florenz, Caravaggio: wieder ein Maler von Weltrang, wieder zwei Gemälde, die Betrachter atemlos machen können.

Teil eines jugendlichen Gesichts, in der Wirkung halb männlich, halb weiblich. Die Schulter und der Hals zeugen von männlicher Kraft, das Auge hingegen und die Braue von mädchenhafter Natur, mehr aber noch der süße Mund. Weinlaub hängt herab. Doch vor der Anmut kommt das Grauen!

Another world-class painter, another two paintings that can leave viewers breathless.

Part of a youthful face, half male, half female in effect. The shoulder and the neck testify to masculine strength, while the eye and the brow are girlish in nature, and the sweet mouth even more so. Vine leaves hang down. But before the grace comes the horror!

Faszination des Grauens

Florenz, Uffizien: Caravaggio, Bacchus

Detail des folgenden. Michelangelo Merisi, genannt nach dem elterlichen Herkunftsort Caravaggio (1571-1610), malt einen vom Körper abgetrennten Kopf des Horrors. Etwas mehr weiblich als männlich, zeigt er entsetzt aufgerissene Augen, den sterbenden Blick nach unten gerichtet, den Mund schreiend aufgerissen. Statt Haaren umschließt ihn ein ekeliges Gewimmel von Schlangen. Blut fließt in Strömen. Der Kundige weiß, das kann nur Medusa, eine der drei Gorgonen, sein, deren Anblick jegliches Leben erstarren lässt.

Detail of the following. Michelangelo Merisi, named after his parents‘ place of origin Caravaggio (1571-1610), paints a head of horror severed from the body. Slightly more feminine than masculine, it shows eyes torn open in horror, the dying gaze turned downwards, the mouth torn open in a scream. Instead of hair, it is surrounded by a disgusting mass of snakes. Blood flows in torrents. This can only be Medusa, one of the three Gorgons, whose sight freezes all life.

Florenz, Caravaggio, Schild mit Medusa

Florenz, Uffizien: Caravaggio, Medusa

Caravaggio, Medusa, um 1598, Öl auf Leinwand, 60 x 55 cm, aufgezogen auf einen konvexen Holzschild, Uffizien

Caravaggio ist ein aufbrausender Charakter, neigt zu Gewalttätigkeit, verschuldet einen Totschlag und ist mehrfach mit der Justiz im Hader. Als Freund und Darsteller großer Realitätsnähe malt er dieses Bild auf einen runden Schild. Medusas Blick verwandelt alles in Stein. Erst dem Halbgott Perseus gelingt es, sie zu bezwingen. Unterstützt von Athena, ausgestattet mit Tarnkappe und Spiegel, enthauptet er das Schreckenswesen. Caravaggio lässt uns ungeschützt den leidenden Monsterkopf als ein Meisterwerk seiner Hand bewundern.

Caravaggio is a quick-tempered character, prone to violence, guilty of manslaughter and repeatedly at odds with the law. As a friend and actor of great realism, he paints this picture on a round shield. Medusa’s gaze turns everything to stone. Only the demigod Perseus succeeds in conquering her. Supported by Athena, equipped with a cloak of invisibility and a mirror, he decapitates the terrifying creature. Caravaggio leaves us unprotected to admire the suffering monster’s head as a masterpiece of his hand.

Florenz, Caravaggio, Bacchus

Florenz, Uffizien: Caravaggio, Bacchus

Florenz, Caravaggio: Detail des folgenden. Nun das ganze Gesicht in jugendlicher Frische mit weichem Augenausdruck. Noch unausgeprägt in den Zügen, zeigt es einen Gott: den des Weines und süßer Trunkenheit. Vgl. Michelangelo im Bargello. Die schwarzen Haare sind geschmückt mit Trauben und Weinlaub. Ein Freund ausschweifenden Lebens wie der Künstler und sein Modell.

Detail of the following. Now the whole face in youthful freshness with a soft expression in the eyes. Still undefined in the features, it shows a god: that of wine and sweet drunkenness. The black hair is adorned with grapes and vine leaves. A friend of dissipated life like the artist and his model.

Florenz, Uffizien: Caravaggio, Bacchus

Caravaggio, Bacchus, um 1598, Öl auf Leinwand, 95 x 85 cm, Florenz, Uffizien

Nach dem Bild des Grauens eine Darstellung männlicher Süße. In Auftrag gegeben von Kardinal Francesco Maria Bourbon del Monte (1549-1627) in Rom. Im Palazzo Madama, dem Sitz dieses homoerotischen Kunstfreundes, lebt Caravaggio ab 1596 für 5 Jahre.

Ein junger Bursche mit kräftigem Arm und Körperbau sowie weichen Gesichtszügen posiert als Bacchus. Er ist Mittelpunkt eines Arrangements von Stillleben. Bereits sein Kopfschmuck ist eines, aber unübertroffen ist erst jenes vor ihm. Mit der Karaffe und der Weinschale in der zarten Linken des Jünglings ergibt es ein Gesamtbild sinnlicher Freuden. Dazu passt, dass dieser halb verhüllte junge Mann den Betrachter etwas anzüglich anblickt und vielleicht gerade im Begriff ist, sein schwarzes Gürtelband zu lösen.

Caravaggio ist in seiner homoerotischen Prägung diesem androgynen Typus so zugetan, dass er das Modell in verschiedenen Bildern und Rollen auftreten lässt. Es könnte sein junger Gehilfe Mario Minniti (1577-1640) gewesen sein.

Modell Mario Minniti

After the image of horror, a depiction of male sweetness. Commissioned by Cardinal Francesco Maria del Monte in Rome. Caravaggio lived in the Pazzo Madama, the residence of this homoerotic art lover, for 5 years from 1596.

A young boy with a strong arm and physique and soft facial features poses as Bacchus. He is the center of an arrangement of still lifes. His headdress is already one of a kind, but the one in front of him is unsurpassed. With the carafe and the bowl of wine in the young man’s delicate left hand, it creates an overall picture of sensual delights. It is fitting that this half-veiled young man looks at the viewer somewhat insinuatingly and is perhaps about to undo his black belt.

Caravaggio is so fond of this androgynous type in his homoerotic imprint that he has the model appear in various pictures and roles. It could have been his young assistant Mario Minniti (1577-1640).

Der Bildausschnitt zeigt unter der mädchenhaften Hand eine Schale mit Früchten von Sommer und Herbst. Die Reife führt partienweise schon zum Verderb. Braune Stellen und Blätter deuten hin auf Verfall und damit – wie oft bei Stillleben – auf das Vergehen aller irdischen Freuden.

The detail shows a bowl of summer and fall fruit under the girlish hand. Ripeness is already leading to spoilage in parts. Brown spots and leaves indicate decay and thus – as is often the case with still lifes – the passing of all earthly pleasures.