12. April 2019

Die Schönheit und Lebendigkeit von Städten beruht oftmals auch auf ihren Flüssen. Wenn Stuttgart mehr als bisher als Stadt am Fluss wahrgenommen werden möchte, so ist die Renaissance des Neckars gewiss ein richtiger Weg. Mit den Mineralbädern, dem Schloss Rosenstein, dem Rosensteinpark, dem einzigartigen Zoologisch-Botanischen Garten „Wilhelma“ und dem kleinen Theater bietet das Neckarknie eine Fülle von Attraktionen. Nun müssen noch der Flussverlauf und seine Ufer erneut an Reiz und Leben gewinnen. Daran haben auch seine Brücken Anteil. In Vorfreude auf die gerade entstehende Eisenbahnbrücke, einem neuerlichen Meisterstück von Schlaich Bergermann Partner, blicke ich zurück auf die imposante und berühmte König-Karls-Brücke der frühen 1890er Jahre.

Als Einstimmung dient mir ein Foto von einer der beiden erhaltenen Skulpturen, die einst die Brücke schmückten. Die Straßenschilder darauf zeigen, dass sie heute in einer Art Niemandsland zwischen Cannstatt und Stuttgart steht.

Die Postkarte bietet eine Vogelschau auf das Neckarknie um 1915: vorne die König-Karls-Brücke, dahinter die damals ganz neue und jetzt bald überflüssige Eisenbahnbrücke sowie jenseits davon die erste Eisenbahnbrücke der 1840er Jahre, die 1915 kurz vor ihrem Abbruch stand. 

nach Karl von Leibbrand, Die König Karls-Brücke über den Neckar zwischen Stuttgart und Cannstatt, Berlin 1895 (im Folgenden: Leibbrand 1895)

Zu den Attraktionen der Neckarregion Stuttgarts gehörte für gut ein halbes Jahrhundert die erste König-Karls-Brücke, die die Residenzstadt mit ihrer Schwesterstadt Cannstatt verband. Am 27. September 1893 nach zwei Jahren Bauzeit von König Wilhelm II. feierlich eröffnet und nach seinem Onkel und Vorgänger König Karl benannt, galt sie als ein gestalterisches und ingenieurtechnisches Meisterwerk sowie als größte und schönste Brücke Württembergs. 

nach Leibbrand 1895

Errichtet hat die Brücke Karl von Leibbrand (1839-1898), der mehrfach ausgezeichnete Präsident der Ministerialabteilung für Straßen- und Wasserbau des Königreichs Württemberg. Sein Werk veröffentlichte er in technisch umfassender Weise 1895 in einem etwa DIN A 3-großen Band (und fast gleichlautend in: Zeitschrift für Bauwesen, Bd. 45, 1895, Sp. 88 ff.). Die Fotos zeigen Situationen im Winter 1893/94, denn das Manuskript wurde im Herbst 1894 abgeschlossen. Hier sieht man den mittleren Bogen über den Neckar und flussabwärts die erste Eisenbrücke, die noch gut 20 Jahre benutzt werden sollte. 

Die Publikation bietet einen Bildteil mit zahlreichen Wiedergaben technischer Art in Kupferstichen, davon hier unten auf Blatt 2 die Gesamtansicht der Brücke.

nach Leibbrand 1895, Bl. 5

Blatt 5 zeigt links – gesehen von Stuttgart – den rechten Pylon mit dem Modell der „Landwirtschaft“. Wegen des Kupferstichs ist die Wiedergabe spiegelverkehrt.

Unten in der Mitte und rechts die aufwendige Treppenanlage, um auf die Uferebene zu gelangen – vgl. nächstes Bild.

nach Leibbrand 1895

Die Treppenanlage auf der Cannstatter Seite, 1893/94. Stolz präsentiert sich die Halbfigur eines Wilden Mannes in Imponierpose. Er gehört zu den Misch- und Wasserwesen, die mit den Tritonen der antiken Mythologie verwandt sind. Die urige Gewalt symbolisiert vermutlich die Abwehr von Überschwemmungen und Schäden an der Brücke.

nach Leibbrand 1895

Das Foto von 1893/94 und eine der zahlreichen Postkarten der Gründerzeit zeigen die idyllischen Verhältnisse am Neckar vom Stuttgarter Ufer aus. Oben sind die mächtigen Pylonen am Brückenkopf mit zwei Standbildern zu sehen.

Postkarte um 1893/95 und Fotos von 1893/94 nach Leibbrand 1895

Die Pylonen mit den Skulpturen auf der Cannstatter Neckarseite. Leibbrand 1895, S. 22 schreibt dazu: „Die 2 m langen, 1,30 m breiten, 2,15 hohen Postamente für die Figuren vor den Pylonen sind auf granitenen Sockeln mit Betonhinterfüllung aus je 3 stattlichen, einfach gehaltenen Quaderstücken von Mainsandstein hergestellt worden. Auf ihnen sitzen vier Figuren in dreifacher Lebensgröße, Landwirthschaft, Gewerbe, Handel und Macht darstellend. Zur Zeit sind es nicht Figuren in Stein oder Erz, die der Besucher vor sich sieht, es sind nur flotte Modelle aus Gyps, die von der geschickten Hand des Bildhauers Fremd in Stuttgart in kurzer Zeit aufgebaut wurden. Die spätere Ausführung der Figuren in Stein ist in Aussicht genommen.“

nach Leibbrand 1895, Wiedergabe links als Kupferstich spiegelverkehrt

Die 17,6 m hohen Pylonen und ihre 2,15 hohen Postamente mit Skulpturen markierten paarweise die Zugänge zur Brücke. Dazu heißt es im Bericht über die Eröffnung (Schwäbische Kronik, Nr. 226, 27. September 1893): „Vor den Türmen waren die Modelle zu 4 Figuren: Landwirtschaft, Industrie, Handel und Wehrkraft darstellend, aufgestellt. … Obgleich dem Künstler [Adolf Fremd] für jede der 4 Statuen nicht mehr als je eine Woche zur Verfügung stand, so darf man seine Arbeiten doch als vollständig reife Entwürfe bezeichnen.“

Der von Leibbrand ausgewählte Stuttgarter Bildhauer Adolf Fremd (1853-1924), der sich selbst als letzten Schüler von Johann Heinrich Dannecker bezeichnete, hat seine Modelle kurzfristig aus Holz, Leinwand und Gips geschaffen. Die Ausführung war keineswegs sicher, denn die dafür nötigen 30 Tsd. Mark, die über die Brückenkosten von 1,6 Mio. Mark hinausgingen, wurden nicht bereitgestellt. Hier sieht man das Gipsmodell der „Landwirtschaft“ in perfektem Zustand. Doch schon bald litt es wie die übrigen drei unter Wind und Wetter und musste beseitigt werden.

Dazu die Schwäbische Kronik, Nr. 40, 18. Februar 1896: „Wenn nun alle die Besucher … die leeren Postamente … sehen, da wird doch alle das Gefühl beschleichen, ob wohl unser Land nicht mehr so viele Mittel habe, um der allseitig anerkannt schönen Brücke den nötigen, im Plane vorgesehen gewesenen Schmuck zu geben. … Schon hat sich der Spott dieser Angelegenheit bemächtigt in folgender Bitte an hochherzige Geber: ‚Für die 4 in abgerissenem Gewande … an der neuen Brücke sitzenden Gestalten wird um abgetragene Kleider und Schuhwerk gebeten.‘“ – Vgl. einen ähnlichen Kommentar in: Stuttgarter Neues Tagblatt, 21. Februar 1896.

nach Leibbrand 1895

Adolf Fremd, „Landwirtschaft“, Gipsmodell, ca. 3 m hoch, 1893, nach Witterungsschäden bald entfernt. Ersetzt im März 1900 durch eine leicht veränderte Skulptur in Kelheimer Kalkstein. Wohl 1945 zerstört. Gesamthöhe mit Sockel gut 5 m. 

Die Öffentlichen Hände stellten trotz aller Appelle keine Mittel für dauerhafte Standbilder bereit. Mühsam wurden 1897 und 1898 Spender gefunden, zunächst für die beiden weiblichen Allegorien. Hinter ihnen war auf den Postamenten der Pylonen jeweils ein Fries mit gemalten Wappen der württembergischen Oberamtsstädte zu sehen.

Schwäbische Kronik, Nr. 127, 17. März 1900: „Wenn man von der Cannstatter Seite die Brücke betritt, begrüßt uns linkerhand von dem rotbraunen, sich an den Pylonen anlehnenden Unterbau eine weibliche Figur in schlichtem bäuerlichen Gewande. Auf einem Pflug sitzend, in der einen Hand die Sichel, in der andern einen Apfelzweig haltend, hat sie rastend von der ländlichen Tagesarbeit den sinnenden Blick auf die gesegneten Fluren des Neckarthales gerichtet, und ihr Gesicht durchschimmert jenes glückliche Bewußtsein, welches aus dem Segen der Arbeit kommt. Namentlich im Lichte der Morgensonne gewinnt die Silhouette dieser Frauengestalt in der natürlichen Anspruchslosigkeit ihrer Linien einen ganz außerordentlichen Reiz.“

Eine Beschreibung in ähnlichem Tenor auch in: Stuttgarter Neues Tagblatt, Nr. 63, 16. März 1900; jeweils gefolgt von der Forderung nach baldiger Ausführung der männlichen Figuren.

Weiß jemand Weiteres von der Steinfassung von 1900? Kennt jemand Fotos von ihr?

Dieses Foto ist nach dem Frühjahr 1901 entstanden, denn man sieht auf der Cannstatter Brückenseite die beiden allegorischen Figuren in den leicht veränderten Steinfassungen. Ihre Sockel haben inzwischen eine Umgrenzung mit Bepflanzung. Deutlich erkennt man, dass Adolf Fremd rechts der Verkörperung des „Gewerbes“ insgesamt eine andere, leicht gekrümmte Haltung gegenüber dem Gipsmodell gegeben hat – vgl. nächstes Bild.

nach Leibbrand 1895

Adolf Fremd, „Gewerbe“, Gipsmodell, ca. 3 m hoch, 1893, nach Witterungsschäden bald entfernt. Gestiftet von den Töchtern von Karl von Leibbrand, wurde dieses Provisorium 1901 ersetzt durch eine leicht veränderte Skulptur in Kelheimer Kalkstein. Wohl 1945 zerstört. Gesamthöhe mit Sockel gut 5 m. 

Das „Gewerbe“ wurde als letztes Standbild ausgeführt. Adolf Fremd vergegenwärtigt den Begriff durch einen Handwerker in etwas antikisch wirkender Haltung und Kleidung. Das Gründerzeitgesicht mit Hütchen vermittelt einen biederen Ausdruck. Worauf der Mann sitzt, ist nicht auszumachen, ebenso wenig weiß ich, was er in seiner Rechten hält. Mit der Linken stützt er sich auf einen Hammer, darunter wohl ein Ambos. Das große Zahnrad führte dazu, dass diese Allegorie auch als „Industrie und Gewerbe“ galt.

Weiß jemand Weiteres von der Steinfassung von 1901? Kennt jemand Fotos von ihr?

Fortsetzung am 19. April 2019.