Michelangelo, Pietà Bandini: die Gruppe gipfelt im Haupt des Nikodemus, dessen Züge als Selbstbildnis des alten Künstlers gelten. Von ihm in seinen 70ern für sein Grabmal vorgesehen, misslingt Michelangelo einiges und er zerstört Teile davon. Seinem entsetzten Diener und Gehilfen Antonio da Casteldurante schenkt er die beschädigte Skulptur. Später erwirbt sie der Bankier Francesco Bandini, weshalb sie auch unter dessen Namen bekannt ist. Michelangelos junger Assistent Tiberio Calcagni (1532-1565) setzt das Werk wieder instand.
120 Jahre bleibt die Pietà in Rom, meist halbüberdacht in Bandinis Garten. 1674 kauft sie Großherzog Cosimo III. und lässt sie nach Florenz überführen. Spuren der Witterung, Reste von Gipsabgüssen und Wachsanstriche machen sie schließlich unansehnlich. 2019/21 wird die Gruppe nach 470 Jahren erstmals einer grundlegenden Reinigung und Restaurierung unterzogen. Seitdem fasziniert sie auch durch eine neue Frische ihrer Oberflächen. Sie ist unvollendet und dennoch vollendet
Eine Vierergruppe aus einem Marmorblock

Michelangelo, Pietà Bandini, 1547/49-1555, Marmor, 226 cm, Florenz,Museo dell‘Opera del Duomo
Die monumentale Vierergruppe – in großer Virtuosität aus einem einzigen Marmorblock herausgeschlagen – ist im Grunde keine klassische Pietà. Das wäre eine Maria, die ihren Sohn vor der Grablegung betrauert. Hier könnte die Szene fast mit mehr Recht als ein Moment der Grabtragung gedeutet werden. Mit einem Trageband um die Brust ist Christus gerade vom Kreuz herabgelassen worden. Seine Mutter stützt ihn mit ihrer Linken in der Achsel, Kopf und Arme hängen herab, das rechte Bein ist abgeknickt. Das linke fehlt. Christi Körper würde zusammensacken, hielten ihn nicht seitlich die beiden Marien und vor allem der hoch aufragende Nikodemus mit festem Griff an seinem rechten Arm.
Anregung durch Donatello ?
Das physische Ende Christi offenbart besonders seine verdrehte Linke. Zu diesem Detail könnte Michelangelo von Donatellos Judith mit Holofernes inspiriert worden sein. Sie steht seit 1504 in Florenz neben seinem David vor dem Palazzo della Signoria.
Michelangelo, Pietà Bandini: ein ergreifendes Alterswerk

Von unerhörter Intensität sind die innere und äußere Nähe der vier Figuren und deren unterschiedlicher Charakter. Der Kopf Christi ist zurückgesackt und wird vom Kopf der Mutter gehalten – höchste Innigkeit in noch roher Form. Christi Körper ist dagegen weitgehend geglättet, vielleicht von Tiberio Calcagni. Fast ebenso Maria Magdalena, die den Leichnam anders als Maria in gebotener größerer Distanz stützt.

Nikodemus – alias Michelangelo als Schöpfer des Werks – überragt Mutter und Sohn und hält mit tiefem Ernst die Gruppe aufrecht und zusammen. Zum Teil nicht einmal halb fertig, teilen sich Tod, mütterliche Liebe, Mitgefühl und väterliche Fürsorge eindringlich mit. Es zeigt sich die Meisterschaft eines annähernd 80jährigen.
Großartig im Nonfinito

Man kann sich vorstellen, dass Michelangelo während der Arbeit, mit den Werkzeugen in der Hand, sein ins Stocken geratenes Spätwerk in ähnlicher Weise betrachtet hat. Warum hat er nicht weiter gemacht?

Ein Blick weiter nach unten offenbart fast einen Verhau: von links der stützende Arm Magdalenas, der rechte Oberschenkel Christi, sein linker Unterarm und der unfertige Beinbereich der sitzenden Maria. Im Halbschatten eine gerade Schnittfläche und ein Dübelloch. Hier sollte das linke Bein Christi sein. Es müsste auf dem Oberschenkel Marias aufliegen und der Fuß mehr oder weniger frei in den Raum hineinragen.
Michelangelo, Pietà Bandini: ein künstlerisches Dilemma ?
Diese so ausdrucksstarke Arbeitszone zeigt ein Dilemma des Künstlers. Die skulpturale Situation ließ eine homogene Gesamtform nicht recht gelingen. Ist das vielleicht der Anlass für einen Zornesausbruch des alten, mit sich selbst unzufriedenen Meisters? Führte das zu der partiellen Zerstörungswut Michelangelos, zum Verschwinden des linken Beines, zu den Schlägen auf die Arme Christi und Magdalenas?
Der Marmor stammt nicht aus Carrara wie üblich, sondern aus den benachbarten Medici-Steinbrüchen von Seravezza. Seine besondere Härte und Mikrorisse mögen Michelangelo verärgert haben. Die konzeptionellen Probleme der Gruppe aber erklären sich daraus nicht. Wie bei der nachfolgenden Pietà Rondanini, Michelangelos letzter Arbeit, erlebt das greise Genie erstmals gestalterische Grenzen.
Danke lieber Christian, das Werk ist wirklich ergreifend!