Rosso Fiorentino, Hauptwerke: Detail der Madonna dello Spedalingo. Das hinreißende Engelspärchen beim Nachhilfeunterricht im Lesen oder Singen entstammt einem Skandalbild des jungen Künstlers.
Ein frühes Skandalbild

Rosso Fiorentino: Madonna mit vier Heiligen, bekannt als Pala dello Spedalingo, 1518, Tempera auf Holz, 172 x 141 cm, Florenz, Uffizien
Rosso Fiorentino (eigentlich: Giovanni Battista di Jacopo, Florenz 1495-1540 Paris) hat seinen Namen von seinen roten Haaren. Vielleicht glichen sie denen von Johannes d. T.
Mit diesem Bild schockiert Rosso den Auftraggeber Leonardo Buonafede (1450-1529), den Spedalingo bzw. Prior des Spitals Santa Maria Nuova. Noch unvollendet, lassen Rossos Gestalten den alten Herrn an Teufel denken. Buonafede zahlt nicht den vereinbarten Preis, die Heiligen im Hintergrund werden ausgetauscht und die Tafel endet in einer Landkirche im Mugello.
In fast beklemmender Enge stehen die Heiligen um die erhöht sitzende Maria mit dem Kind. Es sieht wie dunkel geschminkt aus um die Augen. Das Erschrecken des Priors ist nachvollziehbar. Links der halb wild, halb elegant wirkende Täufer Johannes in ungewohnter Farbigkeit. Gegenüber der total ausgemergelte Greis Hieronymus. Dazwischen eingezwängt Antonius Abbas und der gesteinigte Stephanus. Unberührt von allem das kindliche Engelspaar auf diesem Gründungswerk des florentinischen Manierismus.
Das Meisterwerk in Volterra

Rosso Fiorentino, Kreuzabnahme Christi, 1521, Öl auf Holz, 343 x 201 cm, Volterra, Palazzo dei Priori, Pinacoteca, aufgenommen 2017
Noch unerhörter und farblich überraschender ist das Hauptwerk Rossos in Volterra. Anders als üblich ist hier die Abnahme der bereits verfärbten Leiche eine riskante Angelegenheit: eine harte, gestenreiche und von Geschrei begleitete Arbeit in kreisender Bewegung bei starkem Wind. Unten Trauergestalten: links sackt Maria in Ohnmacht zusammen, gestützt von Begleiterinnen. Kniend umfasst Maria Magdalena ihre Beine, in nie zuvor gesehenem Rot. Rechts großartig gramgebeugt der Lieblingsjünger Johannes in reicher Gewandung. Ansprechend auch ein still beobachtender junger Mann, der eine der drei Leitern hält. Man steht vor einem in Farben und Formen tief beeindruckendes Figurenensemble, das die Ruhe der Hochrenaissance weit hinter sich lässt.

Detail des vorigen
Rosso Fiorentino, Hauptwerke: ein Altarbild aus Santo Spirito – vergrößert im 18. Jahrhundert

Rosso Fiorentino, Maria mit Kind und Heiligen, Florenz, Palazzo Pitti
Das im 17. Jh. aus Santo Spirito in den Palazzo Pitti überführte Gemälde wurde stark vergrößert, um in einen Barockrahmen zu passen. Damit verliert die Komposition ihre bedrängende Enge, um die es Rosso Fiorentino geht.

Rosso Fiorentino, Pala Dei: Madonna mit Kind und Heiligen (Originaldimension), 1522, Öl auf Holz, 299 x 250 cm, Florenz, Palazzo Pitti
Anstelle von Raffaels unvollendeter Madonna del Baldacchino gibt Ranieri Dei den Auftrag an Rosso Fiorentino. Seine Altartafel für die Familienkapelle in Santo Spirito wird Ende 17. Jh. durch eine Kopie ersetzt. Das Original gelangt in den Palazzo Pitti. Die Rundumvergrößerung des 18. Jh. habe ich hier gelöscht.
Pala Dei: ursprüngliches Aussehen
Maria mit Kind in verwandter Auffassung wie die Figuren der Pala dello Spedalingo. Das Ganze ist jedoch auch ein Echo auf Raffaels nur 14 Jahre ältere Komposition. Statt Raffaels vier nun zehn Heilige in großer Dichte. Darunter herausragend vier von ihnen. Links Petrus in ungewöhnlichem Blau-Gelb. Sein Gegenspieler der schön gewachsene Sebastian. Auf der ersten Stufe sitzend Katharina von Alexandria in nuancenreicher Komplementärfarbigkeit. Desgleichen herausgehoben der kniende Abt Bernhard von Clairvaux, zu dem sich Maria hinwendet. Das Ganze: ein zu wenig beachtetes Meisterwerk!
Rosso Fiorentino, weitere Hauptwerke: Moses wütet in Midian

Rosso Fiorentino, Moses verteidigt die Töchter des Jethro, 1523, Öl auf Leinwand, 160 x 117 cm, Florenz, Uffizien
Die 1523 in Rom gemalte dramatische Szene entstammt dem Alten Testament. Hirten verhindern, dass die sieben Töchter des Priesters Jethro am Brunnen Wasser für ihre Tiere holen (2. Mose 1:16-21). Ein herkulischer Moses greift ein und schlägt die Hirten zu Boden. Rosso gestaltet einen unerbittlichen Kampf fast nackter Männer, wobei er viel den Aktdarstellungen Michelangelos verdankt.
Nach dem Sacco di Roma ist Rosso Fiorentino vielerorts in Italien tätig. 1530 aber bricht er nach Frankreich auf, um in den Dienst von König François I. zu treten, vor allem in Fontainebleau.

1523, vor gut 500 Jahren gemalt: erschreckte junge Frauen – gewalttätige Männer, Detail des vorigen. Die hier gezeigte älteste Tochter Zippora gibt Jethro dem heldenhaften Moses zur Frau.
Rosso Fiorentino: Kinderglück in Engelsgewand

Rosso Fiorentino, Madonna dello Spedalingo, Detail, Florenz, Uffizien
Nochmals das einmalige Engelspaar der Pala dello Spedalingo, das in seinem Liebreiz ein friedvolles Gegengewicht zu den Hauptfiguren ist.

Rosso Fiorentino, Musizierender Engel, 1521/24, Öl auf Holz, 39 x 47 cm, Florenz, Uffizien
Von vergleichbarer Anmut wie das Engelmädchen des letzten Details ist ein weltbekanntes malerisches Juwel des Künstlers und der Uffizien. Kind und Instrument sind eins: hellwaches Lauschen, versunken in die von den Händchen hervorgebrachten Töne. Großartig der Farbakkord vom hellem Mohnrot (Coquelicot), den Federn und dem Gold der Laute. Farbtöne, die sich im wuscheligen Haar vermischen.
Rossos Bilder wirken wie Plastiken, dreidimensional, sehr beeindruckend, offenbar zu expressiv für einige seiner Auftraggeber. Großartig fotografiert!
Danke lieber Christian!
Willi