Ghirlandaio, Cappella Tornabuoni in Florenz. Einen noch größeren Auftrag als in Santa Trinita führt Domenico Ghirlandaio (1449-1494) mit seinen Brüdern sowie Gehilfen in der Dominikanerkirche Santa Maria Novella aus. Giovanni Tornabuoni (1428-1497) lässt in dem 100 m langen Kirchenbau 1486-1490 die riesige Hauptchorkapelle ausmalen. Der steinreiche Auftraggeber ist als Bankier der Medici auch eine politische Schlüsselfigur in der Stadt. Sonstige wichtige Bürger der Zeit sind auch hier bei den biblischen Geschehen anwesend.
Santa Maria Novella, Fassade von Leon Battista Alberti

Die berühmte, von Leon Battista Alberti (1404-1472) stammende Fassade der Kirche setzt Maßstäbe für die Architektur der Renaissance. Die toskanisch weiträumige gotische Architektur des Inneren ist nicht mehr zu ahnen.
Ghirlandaio, Cappella Tornabuoni in Florenz: heute und früher

Die Wandmalereien der Hauptchorkapelle der Tornabuoni belaufen sich auf rund 400 qm. Ihre Wirkung ist aus der Ferne etwas eingeschränkt durch den neugotischen Altar des 19. Jh.
In der Kapelle links ist das Kruzifix von Brunelleschi zu erkennen. Rechts befindet sich die Cappella Strozzi mit Fresken von Filippino Lippi.

Rekonstruktionsversuch des ursprünglichen Aussehens der Cappella Tornabuoni mit dem gleichfalls von Ghirlandaio und seinen Mitarbeitern ausgeführten Hochaltar, Fotomontage von mir 2018. Die Proportionen des Altars nahmen natürlich Rücksicht auf die Fresken der Stirnwand der Kapelle. So sieht man analog zur Cappella Sassetti im untersten Register (= Bilderreihe) bereits von weitem das Stifterpaar – gewiss ein zentrales Anliegen von Giovanni Tornabuoni.
Szenen aus dem Leben Marias und Johannes des Täufers

Domenico Ghirlandaio und Werkstatt, 7 Szenen aus dem Leben Marias, von der Vertreibung Joachims aus dem Tempel bis zu ihrer Himmelfahrt. Vertraglich war Ghirlandaio verpflichtet, die unteren Register selbst zu malen. Bei den oberen Bereichen durfte und musste die Werkstatt nach seinem Entwurf entscheidend mitwirken. Ohne Ferngläser war das bei den Lichtverhältnissen der Entstehungszeit kein Problem. Alles trug die Handschrift Domenicos.

Rechte Seitenwand: Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers. Die Stirnwand links lässt als oberen Abschluss die Krönung Marias erkennen.

Stirnwand: Glasfenster nach Entwurf von Domenico Ghirlandaio. In der Mitte unten das Schneewunder bei der Gründung von Santa Maria Maggiore in Rom. In der Mitte die Darbringung im Tempel. Oben Marias Gürtelspende an den ungläubigen Thomas. Linkes Fenster: Dominikus, darüber Johannes d. T. und Petrus. Rechtes Fenster: Thomas von Aquin, Stephanus und Paulus.
Front wall: stained glass window designed by Domenico Ghirlandaio. At the bottom center, the snow miracle at the foundation of San Giovanni in Laterano. In the center, the offering in the temple. Above, Mary’s gift of the girdle to the unbelieving Thomas. Left window: Dominic, above him John the Baptist and Peter. Right window: Thomas Aquinas, Stephen and Paul.
Einzelne Bildfelder

Domenico Ghirlandaio, Erscheinung des Erzengels Gabriel vor Zacharias. Im Tempel mit antikisierenden Reliefs erfährt der Greis von der Geburt eines Sohnes. Gruppen wichtiger Mitbürger Tornabuonis und Ghirlandaios machen die Szene zu einem zeitgenössischen Ereignis.

Detail des vorigen. Unten links stehen Humanisten, darunter als 2. von links Cristoforo Landino (1425-1498) und als 3. Angelo Poliziano (1454-1494), der auch in der Cappella Sassetti auftaucht.
Girlandaio, Cappella Tornabuoni in Florenz: unten malt Domenico, oben die Werkstatt nach seinem Entwurf

Gesamtansicht der rechten Seitenwand: unten rechts, weitgehend verdeckt, die gerade gezeigte Szene mit Zacharias. Links davon die Begegnung von Maria und Elisabeth. Darüber rechts die Geburt Johannes des Täufers und links die Namensgebung durch den Vater. Darüber die Predigt des Johannes und die Taufe Christi. Im Bogenfeld das Gastmahl des Herodes mit der tanzenden Salome. Im Hintergrund jugendliche Werkstattmitarbeiter Ghirlandaios als Zuschauer.

Domenico Ghirlandaio, Begegnung der schwangeren Maria mit Elisabeth in Gegenwart florentinischer Frauen. Rechts im Profil die schöne Giovanna degli Albizzi (1468-1488), Ehefrau von Tornabuonis Sohn Lorenzo.
Ein florentinischer Palast als Geburtsort

Domenico Ghirlandaio, Geburt Johannes des Täufers in einem eleganten Florentiner Palastraum. Elisabeth lagert hoheitsvoll, eine Magd bringt Wasser und Wein. Davor zwei Ammen mit dem Neugeborenen. Von rechts kommen drei Besucherinnen, wohl Verwandte von Giovanni Tornabuoni. Gefolgt von einer schwungvollen jungen Frau, die an Botticelli erinnert, mit einem Desco da parto auf dem Kopf.

Domenico Ghirlandaio, Namensgebung Johannes des Täufers durch den verstummten Vater Zacharias. Die Szene spielt in einer offenen Renaissancehalle, die sich zu einer fernen Landschaft öffnet.

Domenico Ghirlandaio und Werkstatt, die oberen Register der Wand mit Johannes-Szenen: die Predigt des Johannes, Taufe Christi und darüber der Tanz der Salome, der die Enthauptung des Johannes zur Folge hat.
Girlandaio, Cappella Tornabuoni in Florenz: Vertreibung Joachims aus dem Tempel

Linke Seitenwand: Domenico Ghirlandaio, Vertreibung Joachims aus dem Tempel wegen seiner vermeintlichen Unfruchtbarkeit. Ghirlandaio stellt den Tempel als eine schlanke Loggia dar. Wieder sind Zeitgenossen anwesend. Links modisch gekleidet im Stil der 1480er Jahre: Lorenzo Tornabuoni, Sohn des Auftraggebers, und Piero di Lorenzo de‘ Medici. – Rechts ein Detail des benachbarten Freskos: der Kuss von Joachim und Anna, der zu ihrer späten Schwangerschaft und zur Geburt Marias führt.

Ghirlandaio, Cappella Tornabuoni in Florenz – Detail des vorigen. Wie schon in der Cappella Sassetti blickt der Künstler in großer Pose selbstbewusst auf den Betrachter.
Danke lieber Christian für Deine ungemein gute, genaue und bestens informierte Einführung in die Ikonographie der Kunstwerke in Santa Maria Novella. Ganz großartig und faszinierend!