Cappella Brancacci in Florenz: die Seitenkapelle von Santa Maria del Carmine schmückt ein grandioser Freskenzyklus von drei Künstlern. Deshalb wurde sie auch als „Sixtinische Kapelle der Frührenaissance“ bezeichnet. Pietro Brancacci ist der Erbauer der Kapelle – daher die vielen Szenen mit seinem Namenspatron. Sein Neffe Felice Brancacci (geb. 1382) wird der Auftraggeber der Fresken.

1424 beginnt Masolino da Panicale (1383-nach 1447) mit den Wandmalereien. Ihm steht der junge Masaccio (1401-1428) zur Seite. Nach Masolinos Weggang nach Rom im Sommer 1425 arbeitet Masaccio alleine weiter. 1428 folgt Masaccio seinem viel älteren Kollegen, stirbt aber bereits mit 27 Jahren in Rom. Zwei Generationen später, in der 1. Hälfte der 1480er Jahre, vollendet Filippino Lippi (ca. 1457-1504)) die halbfertigen Fresken.

Masolino, Versuchung von Adam und Eva

Florenz – Cappella Brancacci: Masolino

Seitenwand, oben rechts: Masolino, Adam und Eva oder der Sündenfall. Mutig ist die totale Nacktheit. Die Haltungen bleiben aber etwas steif im Übergang von Gotik zur Renaissance. Eva umfasst analog zur Schlange den Baum. Die Verführerin mit Frauenkopf und blondem Haar erscheint in der Mitte über dem Paar, sodass beide gleich schuldig werden.

Masaccio, Vertreibung aus dem Paradies

Florenz – Cappella Brancacci: Massaccio

Ganz anders der geniale junge Masaccio an der Seitenwand gegenüber. Erstmals ein realitätsnahes Zeigen menschlicher Formen und Gefühle. Verzweiflung kommt zu glaubhafter Darstellung, als der Engel mit dem Schwert das Paar aus dem Paradies vertreibt. Die klagende Eva ähnelt einer Venus pudica. – Ein Entwicklungssprung: der junge Gehilfe überbietet den Meister. Vergleichbar dem Verhältnis von Leonardo zu Verrocchio oder Mozart zu seinem Vater.

Die Sixtinische Kapelle der Frührenaissance

Die später umgestaltete Kapelle ist noch immer ein Schatzhaus der Malerei der Frührenaissance. Ein Altar der Barockzeit an der Stirnwand wurde abgenommen. Die Deckenmalerei des 15. Jahrhunderts fiel barocken Fresken zum Opfer.

Rechte Seitenwand: oben überwiegend Masolino, unten Filippino Lippi

Faszination Florenz – Cappella Brancacci: rechte Seitenwand

Rechte Seitenwand oben: Masolino und Masaccio, Die Heilung des Gelähmten und die Erweckung der Tabitha. Die perspektivisch gesehene Architektur im Hintergrund und Petrus samt Begleiter dürften von Masaccio stammen, der Rest von Masolino. Noch gotisch elegant sind die beiden Passanten in der Mitte.

Filippino Lippi malt unten Petrus vor Nero und links die Kreuzigung Petri mit dem Kopf nach unten. Zahlreiche Porträts, darunter der Maler selbst und sein Lehrer Botticelli. Bei Filippino sind die Lichtverhältnisse und der Darstellungsmodus nuancierter als bei seinen Vorgängern. Dadurch sind sie aber von geringerer Fernwirkung und nicht so gut lesbar.

Die erste Auferweckung

Faszination Florenz – Cappella Brancacci: Erweckung der Tabitha

Petrus erweckt die verstorbene Christin Tabitha wieder zum Leben. Masaccio gibt dem Heiligen durch Haltung und eindrucksvolle Gewandung einen machtvollen Auftritt. Nichts wirkt mehr formelhaft.

Cappella Brancacci in Florenz: Stirnwand, oben Landschaftsszenen

Wirken und Wunder von Petrus, gemalt von Masaccio, mit Ausnahme der Szene links oben. Diese und ihr Pendant verbindet eine gemeinsame Gebirgslandschaft. Unten führt die Zentralperspektive der Straßenräume zu einem noch stärkeren Effekt.

Stirnwand, oben links: Masolino, Predigt des Petrus. Den Heiligen hat wohl Masaccio ausgeführt.

Florenz – Cappella Brancacci: Massaccio

Stirnwand, oben rechts: Masaccio, Taufe von neuen Gläubigen. Auch hier wieder große Realitätsnähe bei den kräftigen Männern, die knien, frieren oder sich entkleiden.

Cappella Brancacci in Florenz: Stirnwand, unten zentralperspektivische Straßenszenen

Florenz – Cappella Brancacci: Massaccio

Masaccio, Schattenheilung des Petrus. Entlang einer florentinischen Straßenfront geschehen Wunder. Noch kauert ein Gelähmter erwartungsvoll vorne am Boden, sein Nebenmann richtet sich bereits halb auf. Der dritte dahinter ist schon gänzlich geheilt und dankt mit einem Gebetsgestus.

Faszination Florenz – Cappella Brancacci: Masaccio, Verteilung der Güter und Tod des Hananias

Stirnwand, unten rechts: Masaccio, Verteilung der gemeinschaftlichen Güter und Tod des Betrügers Hananias. Großartig neben dem Heiligen die Frau mit dem Kind auf dem Arm, der Einbeinige und der schräg geführte Blick zwischen den Gebäuden auf eine Gebirgslandschaft mit kleinem Kastell.

Der Zinsgroschen, ein Hauptwerk der italienischen Renaissance

Faszination Florenz – Cappella Brancacci: Masaccio, Zinsgroschen

Linke Seitenwand, oben: Masaccio, Der Zinsgroschen. Hauptszene mit der Rückenfigur des Zöllners, der Jesus nach dem Zinsgroschen fragt. Jesus beauftragt Petrus diesen aus dem Maul des Fisches zu nehmen. Rechts die Aushändigung des Groschens an den Zöllner.

Ein Meisterwerk des jungen Künstlers und Hauptwerk der italienischen Renaissance. Monumental der Eindruck der Jünger, die in einer fernsichtigen Landschaft mit Wolkenhimmel Jesus dicht umrunden. Alle Köpfe befinden sich in gleicher Höhe (Isokephalie). Würdige, antikische Gewänder, wenige deutliche Gesten und eine klare Farbigkeit verleihen der Szene einen hoheitsvollen Charakter.

Florenz – Cappella Brancacci: Massaccio

Detail des vorigen

Florenz – Cappella Brancacci: Massaccio

Masaccio, Übergabe des Zinsgroschens an den selbstbewussten Zöllner, Detail des vorigen

Cappella Brancacci in Florenz: Michelangelo nach Masaccio

Faszination Florenz – Cappella Brancacci: Michelangelo nach Masaccio

Michelangelo, Petrus (nach Masaccio), um 1492, Rötel und Feder, 31,7 x 19,7 cm, München, Staatliche Graphische Sammlung, Foto Museum

Gegen Ende des Jahrhunderts bewundern besonders junge Künstler das Werk Masaccios und zeichnen danach. So auch der etwa 17jährige Michelangelo. Er übertrifft alle übrigen. Den etwas älteren Bildhauer Pietro Torrigiani (1472-1528) ärgert das. Sein Faustschlag bricht die Nase Michelangelos, der daraufhin für immer wie ein Boxer etwas verunstaltet ist.

Cappella Brancacci in Florenz: Masaccio und Filippino Lippi je zur Hälfte

Hauptfeld der linken Wand unten: Masaccio und Filippino Lippi, Erweckung des Sohnes von Theophilus durch Petrus. Laut der Legenda Aurea wird Petrus aus dem Gefängnis befreit und gelangt nach Antiochien. Dort erweckt er den Sohn des Theophilus wieder zum Leben, unterstützt vom neben ihm knienden Paulus. Rechts Petrus auf dem Thron als Bischof. – Wenn ich nicht irre, stammen von Masaccio 23 Köpfe und einige mächtige Gewänder. Filippino Lippi hatte zwei Generationen später also noch eine Menge zu malen.

Florenz – Cappella Brancacci: Massaccio und Filippino Lippi

Detail des vorigen. Die Köpfe der sitzenden Begleiter des Theophilus und die stehenden Zeugen des Wunders bis zu dem halb verdeckten Kopf über dem Jungen stammen von Masaccio. Ebenso die drei Mönche zuseiten des Throns und Petrus.

Der junge Granacci als Modell

Detail des vorigen. Hier ist gut zu erkennen, wie weit Masaccios Arbeit gediehen war, als er Florenz verlässt. Von links sind alle Köpfe von ihm gemalt bis zum schmalen Gesicht hinter dem Bärtigen. Vom verkratzten Kopf an nach rechts ist Filippino Lippi verantwortlich.

Laut Giorgio Vasari dient der künftige Maler Francesco Granacci (1469-1543) als Modell für den Sohn des Theophilus. Granacci ist in seinen Jugendjahren ein Freund und Förderer von Michelangelo, der in seiner Nachbarschaft bei Santa Croce wohnt. Gegen den Willen von dessen Vater unterstützt er ihn mit Zeichnungen und holt ihn in die Werkstatt Ghirlandaios.

Vier florentinische Bürger und ein Vorfahre

Linke Seitenwand, Detail des vorigen: Masaccio und Filippino Lippi, Fünf Zeugen des Wunders. Vier stammen nach den Malweise von Filippino Lippi und sind vermutlich florentinische Mitbürger um 1480. Der zweite Kopf von rechts aber ist eindeutig aufgrund der Lichtkontraste von der Hand Masaccios.

Florenz – Cappella Brancacci: Filippino Lippi

Rechte Seitenwand vorne: Filippino Lippi, Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis

Florenz – Cappella Brancacci: Filippino Lippi

Detail des vorigen. Der Engel mit dichtem Lockenhaar ergreift den überraschten Petrus am Handgelenk und führt ihn in die Freiheit. Hochgewachsen, blickt er freundlich und fragend auf den alten Mann. Links ein weiteres ausdrucksstarkes Gesicht mit direktem Blick auf den Betrachter. Es ist der Vollender von Masolinos und Masaccios Wandmalereien: Filippino Lippi im Alter von ca. 27 Jahren.