Michelangelo, Madonna an der Treppe, Florenz, Casa Buonarroti: mit dieser Arbeit eines etwa 15- bis 17jährigen startet eine ganze Reihe von Beiträgen zu Michelangelo.
Gegen den anfänglichen väterlichen Widerstand wird der dreizehnjährige Michelangelo dank seines älteren Freundes Francesco Granacci 1488 Gehilfe in der Werkstatt von Domenico Ghirlandaio. Bald fällt er dem kunstinteressierten Lorenzo il Magnifico auf. Dieser holt ihn 1489 in den Medici-Palast an der Via Larga, befördert seine Ausbildung als Bildhauer und überlässt ihm eine Arbeitsstätte in seinem Casino di San Marco.
Meisterwerk eines Halbwüchsigen

Michelangelo, Madonna an der Treppe, 1490/92, Marmor, 30,9 x 46,3 cm, Casa Buonarroti
Das Flachrelief ist die erste erhaltene Arbeit Michelangelos in Marmor. Monumental wirkt die Muttergottes, indem sie die gesamte Reliefhöhe sitzend beansprucht. Sie hat keinen Augenkontakt zu ihrem Kind. Mit unbestimmtem Blick scheint sie wie eine Seherin die Zukunft des Sohnes zu ahnen.

Auch der Jesusknabe besticht durch monumentale Präsenz. In absolut ungewöhnlicher Pose könnte er beim Stillen eingeschlafen sein. Er hat nicht den Körper eines kleinen Kindes. Fast herkulisch wirken Rücken und Arm. Eine derartige Körperspannung gibt es auch später bei Michelangelo: z. B. beim „Tag“ in der Cappella Medici.
Donatello, Madonna Pazzi – ein Vorbild beim rilievo schiacciato

Donatello, Madonna Pazzi, um 1420, Carrara-Marmor, 74,5 x 73 cm, Berlin, Bode-Museum
Ich füge hier ein berühmtes Werk von Donatello ein, aufgenommen Ende 2024. Das Flachrelief vermittelt trotz geringer Tiefe die Vorstellung von erheblicher räumlicher Weite. Donatellos Darstellungsstil von Nähe und reicher Bewegung der Oberfläche mittels einer Tiefenillusion muss Michelangelo wahrgenommen und bewundert haben. Forsch zeigt er, dass er das „rilievo schiacciato“ (= gequetschtes Relief) mit seinen jungen Jahren auch schon virtuos beherrscht. Vgl. auch die zeichnerische Auseinandersetzung mit Masaccio.
Michelangelo, Madonna an der Treppe: Zeichnen mit dem Meißel

Im Hintergrund rätselhaftes Treiben im Kontext einer Maria mit Kind. Neben der Treppe mit hohen Stufen stützt sich ein etwas älterer Junge von kräftigem Körperbau auf eine Brüstung, um ein Tuch im Rücken der Madonna zu halten. Weiter oben ein sich umarmendes oder balgendes Kinderpaar.
Bereits in jungen Jahren bearbeitet Michelangelo mit seinen Meißeln den harten Marmor mit so leichter Hand, als zeichne er.

Eine flüchtige Andeutung von Kopf, Stoff und Hand genügt, um ein Hintergrundgeschehen vor Augen zu rufen. In der Wiedergabe der dünnen und weichen Gewandung Marias scheint Michelangelo zeigen zu wollen, dass er in seinem halbwüchsigen Alter bereits die Fähigkeiten Donatellos überbieten kann. So ähnlich wie Leonardo mit Verrocchio. Oder Masaccio mit Masolino in der Cappella Brancacci.
Frappierend, was der noch sehr jugendliche Michelangelo schon mit dem Meisel konnte! Danke lieber Christian für Deine Hinführung.