Michelangelo, Medici-Kapelle, eigentlich Neue Sakristei der Kirche San Lorenzo. Obgleich unvollendet, ist der Raum mit seinen Skulpturen eines der Hauptwerke der italienischen Renaissance und der europäischen Kunst. Weltweit werden seine Bildwerke bewundert.

Kardinal Giulio de‘ Medici (1478-1534), Cousin vom Medici-Papst Leo X. (1475-1521) und ab 1523 selbst Papst mit Namen Clemens VII., erteilt 1519 Michelangelo den Auftrag für die Neue Sakristei. Sie soll eine Grablege des ausgestorbenen Zweiges der Medici in der Nähe ihres Palastes werden. Auch wenn Michelangelo hier erstmals als Architekt eine völlig neue Wandgestaltung entwickelt, beschränke ich mich auf seine bildhauerischen Arbeiten.

Although unfinished, the room with its sculptures, also known as the Medici Chapel, is one of the major works of the Italian Renaissance and of European art. Its works are admired the world over.

Michelangelo, Medici-Kapelle: der nachdenkliche Heerführer

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei: Grabmal Lorenzo de' Medici

Michelangelo, Grabmal des Lorenzo di Piero de‘ Medici, Herzog von Urbino (1492-1519).

Den Raum gestaltet Michelangelo in Anlehnung an Brunelleschis großartige Alte Sakristei von San Lorenzo. Mit Unterbrechungen, wie dem Sacco di Roma von 1527, werden bis 1534 zwei Seitenwände weitgehend fertig. Damals geht er nach Rom, um das Jüngste Gericht in der Sixtinischen Kapelle zu malen. Nach Florenz kehrt er nicht mehr zurück.

Vom Eingang kommend, handelt sich um die linke Wand. Dem Herzog von Urbino sind die Tageszeiten Abend und Morgen beigefügt. Nicht ganz vollendet, werden sie vom Boden der Kapelle erst 1546 in Abwesenheit ihres Schöpfers auf dem Sarkophag platziert.

Der tatendurstige Heerführer

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei: Grabmal Giuliano de' Medici

Gegenüber an der rechten Kapellenwand befindet sich das Grabmal des Giuliano di Lorenzo de‘ Medici, Herzog von Nemours (1579-1516), Bruder von Papst Leo X. Ihn begleiten die Tageszeiten Nacht und Tag.

Beide Feldherren wenden sich der Eingangswand zu, an der die Grabmale von Leos und Giulianos Vater Lorenzo il Magnifico und seinem 1475 ermordeten Bruder Giuliano di Piero de‘ Medici ihren Platz finden sollten. Davon ist nicht viel gediehen. Nur eine Madonna mit Kind stammt von Michelangelos eigener Hand.

Michelangelo, Medici-Kapelle: die Hauptfigur

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei: Madonna mit Kind

Michelangelo, Madonna Medici, Marmor, 226 cm hoch, Hauptfigur an der Stirnwand der Kapelle für ein geplantes, aber nie ausgeführtes Doppelgrab. Hier ruhen Lorenzo il Magnifico (1449-1492), Vater des Herzogs von Nemours, und sein Bruder Giuliano (1453-1478). Nach Michelangelos Entwurf entstehen 1533-34 die seitlichen Medici-Heiligen: die Ärztezwillinge Cosmas und Damian, ausgeführt von seinen Schülern Giovanni Angelo Montorsoli und Raffaello da Montelupo.

Bei diesem Dreierensemble vor kahler Wand beschränke ich mich auf die inhaltliche Hauptfigur der Kapelle. Ihr als Fürsprecherin, flankiert von den Familienheiligen, gilt die Orientierung der beiden früh verstorbenen und einzigen Heerführer der Medici.

Reich und komplex ist die Bewegung und Gewandung der Madonna Medici. Auf ihren übereinander geschlagenen Beinen sitzt rittlings das Kind und wendet sich zurück, um gestillt zu werden. Auch aus der Bewegung des rückseitig sich stützenden Armes Marias und ihrer linken, den Sohn haltenden Hand entsteht ein Drehmoment. Man spricht hier deshalb auch von einer figura serpentinata, einer schlangenmäßig bewegten Gestalt. Sie wird in ihrer Neuartigkeit vom Ausdruck des tiefernsten, zur Seite gesenkten Gesichts bestimmt. Es wirkt so, als ahne sie das Schicksal ihres Kindes voraus.

Michelangelo, Medici-Kapelle: Lorenzo de‘ Medici, Herzog von Urbino

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei: Lorenzo de'Medici

Michelangelo, Lorenzo de‘ Medici, Herzog von Urbino, Marmor, 178 cm hoch

Der Herzog in römischer Kriegsgewandung blickt zur Madonna an der Eingangswand. Sein Gesicht ist verschattet durch einen mächtigen Helm, seine Haltung instabil. Auf dem linken Oberschenkel befindet sich ein merkwürdiger kleiner Marmorblock mit rätselhafter Maske. Ohne ihn wäre die Körperhaltung stark gekrümmt. Mit ihm hat der linke Ellbogen eine erhöhte Stütze. Das rechte Bein steht so schräg vor dem linken, dass dieser Feldherr sich nicht erheben könnte, ohne zu taumeln. Dazu passt das halbe Abrutschen seiner abgewinkelten Rechten vom Oberschenkel.

Insgesamt eine Figur des ernsten Nachsinnens, der Melancholie, des bedächtigen Abwägens. Nur diese Skulptur und das Pendant auf der Seite gegenüber hat Michelangelo vollständig ausgeführt.

Tageszeiten des Übergangs

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei: der Abend

Dem grüblerischen Lorenzo sind die flüchtigen Tageszeiten des Übergangs zugeordnet: Crepuscolo, die Dämmerung des Abends, und rechts Aurora, die Morgenröte. Der von Tageslast Ermüdete lagert entspannt und stützt sich mit dem linken Unterarm auf. Das rechte Bein überkreuzt in scharfem Winkel das linke, wodurch sich eine Drehbewegung des Körpers ergibt. Die Rechte ruht auf dem Oberschenkel. Der unvollendete bärtige Kopf neigt sich zur Seite und übernimmt den Ausdruck des Verstorbenen.

Aurora oder Morgenröte

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei: Morgenröte

Die gleichfalls entspannt lagernde Morgenröte oder Aurora ist eine krafterfüllte, an Männermodellen sich orientierende Gestalt. Schlaftrunken, scheint sie sich noch aus der Welt der Nacht und ihrer Träume zu lösen. Auch sie hat die bedeutungsvolle Schwere des Nachsinnens. Weibliche Schönheit und fast männliche Kraft gehen ineinander auf.

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei: Morgenröte, Schrägansicht

Michelangelo, Medici-Kapelle: Grabmal des Lorenzo de‘ Medici, Seitenansicht von der Madonnenwand

Seitensicht von der Altarseite

Giuliano de’Medici, Herzog von Nemours

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei: Giuliano de'Medici

Michelangelo, Giuliano de‘ Medici, Herzog von Nemours, Marmor, 183 cm hoch

Dieses Grabmal ist als Verkörperung der „vita activa“, jenes gegenüber als das der „vita contemplativa“, gedeutet worden. In der Tat befindet sich Giuliano fast wie auf dem Sprung. Locker sitzt er da. Der Kopf auf langem Hals ist mit klarem Blick zur Muttergottes gewendet. Als Feldherr ist er angetan mit einem römischen Muskelpanzer aus Leder, der den Oberkörper wie eine zweite Haut einschließt. Der Feldherrnstab ruht auf dem Schoß, darauf entspannt die Rechte.

Dämonen

Der Tierprotome bei Lorenzo entspricht hier der zentrale Dämonenkopf an der Rüstung, den seitlich kleinere Grotesken an den Lederlaschen begleiten. Als Mittel der Wandgestaltung gibt es diese dämonische Fratzenwelt auch in langer Folge in den Friesen hinter den Grabmalen.

Michelangelo, Medici-Kapelle: Nacht und Tag

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei:: Nacht

Ermattet und wie von schweren Träumen in sich gekehrt, ist die Nacht eine Frauengestalt in reiferen Jahren. Sie erscheint in fast spiralförmiger Drehung, den linken Arm hinter dem Rücken verborgen, den rechten auf den hochgestellten Oberschenkel stützend. In kaum veränderter Weise führt Michelangelo das Motiv 1529 als Gemälde aus: als Leda, die sich mit dem Schwan vereint. Es ist entstanden für Alfonso d‘Este, Herzog von Ferrara, aber nur in Kopien bekannt. Der Nacht sind als einziger Tageszeit Symbole beigegeben: eine unheimliche männliche Maske, eine Eule sowie ein Sack mit Mohn, der für Fruchtbarkeit und Träume steht. Eine Mondsichel um einen Stern dient als Kopfschmuck.

Titanischer Tag

Florenz, Michelangelo, Neue Sakristei: Grabmal Giuliano di Lorenzo de' Medici, der Tag

Die komplexeste Haltung hat Michelangelo dem Tag zugewiesen. Wie bereits bei seinem ersten Werk, der Treppenmadonna, gibt es einen Arm hinter dem Rücken. Der rechte führt gegenläufig vor der Brust in die Tiefe. Gegenläufig auch die Haltung des linken Beines, das scheinbar leicht den rechten Oberschenkel überkreuzt. Über dieser herkulischen Gestalt von unbändiger Kraft geht von unten und hinten der unvollendete Kopf über der Schulter auf wie ein Gestirn – machtvoll und tatbegierig.

Die vier auf so unterschiedliche Weise ausdrucksstarken Zeitphasen begleiten die Menschen, die sie einmal bewusst wahrgenommen haben, wie Göttergestalten auf immer. In ihrer Gesamtheit verkörpern sie Tag für Tag, Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert und damit alles Werden und Vergehen menschlichen Lebens.

Vielansichtigkeit

Michelangelo, Medici-Kapelle: Grabmal des Giuliano de‘ Medici, Seitenansicht von der Madonnenwand

Von der Altarseite gesehen

Michelangelo, Medici-Kapelle: Tageszeiten wie Götterfiguren