Pontormo in Santa Felicita: in Florenz zwischen Ponte Vecchio und Palazzo Pitti gelegen, befindet sich linker Hand die Kirche Santa Felicita mit zwei großformatigen Hauptwerken von Jacopo di Carrucci da Pontormo (1494-1557). 1525 kauft der Bankier Ludovico Capponi die kleine, von Filippo Brunelleschi stammende Seitenkapelle rechts des Eingangs. 1526 erhält Pontormo den Auftrag für eine Verkündigung an Maria und eine Grabtragung Christi, beide vollendet 1528.

Zur Einstimmung ein sichtlich betroffener Leichenträger.

Wandmalerei: Verkündigung an Maria

Florenz, Santa Felicita, Pontormo, Verkündigung an Maria

Pontormo, Engel der Verkündigung, überlebensgroßes Fresko, Florenz, Santa Felicita, Cappella Capponi, Eingangswand rechts

In einer merkwürdig schwebenden Pose ist der Verkündigungsengel ohne die Marienfigur nicht ohne weiteres zu erkennen. Es gibt keine Blume, noch eine erhobene Rechte, stattdessen Hände, die die stoffreiche, vom Wind geblähte Kleidung halten. Eindrucksvoll ist der Reichtum zwischen Rot- und Gelbtönen in Licht und Schatten.

Florenz, Santa Felicita, Pontormo, Verkündigung an Maria

Pontormo in Santa Felicita: Verkündigungsmadonna, kein junges Mädchen wie bei Leonardo, sondern eine wache junge Frau, die dem Engel, im Weggehen sich umwendend, erwartungsvoll entgegenblickt. Zartes Orangerot, helles Blau und Violett sorgen für eine aparte, zurückhaltende Farbigkeit von erlesener Wirkung.

Allein diese großen Einzelfiguren lohnen schon den Besuch der kleinen, wenig besuchten Kirche. Wie erst die Altartafel der Kapelle!

Pontormo in Santa Felicita: das Meisterwerk der Grabtragung Christi

Florenz, Santa Felicita, Pontormo, Grabtragung Christi

Pontormo, Grabtragung Christi, 1526-1528, Tempera auf Holz, 313 x 192 cm, Florenz, Santa Felicita, Cappella Capponi

Obgleich oft als Kreuzabnahme bezeichnet, handelt es sich um eine Grabtragung. Ein Kreuz gibt es nicht, ebenso wenig starke Männer, die dort zugange sind. Auch existiert keine Andeutung eines Raumes. Es handelt sich vielmehr um eine lose, fast schwebend wirkende Anordnung von betroffenen und helfenden Menschen. In der Mitte eine Zone, in der sich Hände begegnen. Insgesamt geht es um Trösten, Trauern und Tragen. Maria und ihr toter Sohn sind durch ihre besondere Größe etwas hervorgehoben.

Die ungewohnte Farbigkeit ist von Michelangelo beeinflusst. Gedämpfte Blautöne, umgeben und kontrastierend mit changierenden Buntfarben: besonders überraschend Farben, Kleidung und Haltung unten bei dem Leichenträger. Auch die Rottöne bei der Rückenfigur rechts sind außer jeder Norm oder der aparte Komplementärkontrast oben rechts, weiter einzelne Lilatöne. Alle Menschen sind jung und tief betroffen. Gezeichnet ist auch Pontormo in seinem Selbstbildnis rechts am Rand.

Michelangelos Einfluss in Farbe und Form

Florenz, Santa Felicita, Pontormo, Grabtragung Christi

Man kann sich kaum sattsehen an dieser Kunst der Malerei, der plastisch genauen Formen, der delikaten Farbigkeit. Mit seinem Altersgenossen Rosso Fiorentino ist Pontormo allein schon mit diesem Meisterwerk Hauptrepräsentant des Florentinischen Manierismus.

Die Haltung Christi ist ein Echo auf Michelangelos frühe Pietà in Rom.

Nach der Bekleidung ist die Gestalt in Rotgrün oben halbrechts keine Frau, sondern der jugendliche Lieblingsjünger Johannes. Zu den insgesamt fünf Frauen und Männern, die leicht auszumachen sind, gesellt sich eine sechste Frau. Ihr verhüllter Kopf hier links wie derjenige der blonden jungen Frau rechts ist nur von hinten zu sehen, weil beide sich Maria zuwenden. 

Pontormo in Santa Felicita: Selbstbildnis

Florenz, Santa Felicita, Pontormo, Grabtragung Christi mit Selbstbildnis

Pontormo in Santa Felicita: Selbstbildnis des eigenbrötlerischen Künstlers rechts im Hintergrund – auch eine Art von Signatur.

Trösten – Trauern – Tragen

Einmalig und eindrucksvoll ist das Spiel der Hände im Raum zwischen totem Christus und seiner zurücksinkenden Mutter.

Nochmals ein Blick auf Pontormos vielleicht faszinierendste Gestalt des Gemäldes: den jungen, rotblond gelockten Leichenträger in heiklem Gleichgewicht. Sein hautartiges Hemd in Rosa changiert am Bauch in einen hellen Blauton. Fast unglaublich bei einem vor 500 Jahren gemalten Bild.