Caravaggio, Verführung und Grauen: wieder ein Maler von Weltrang, wieder zwei Gemälde, die Betrachter atemlos machen können.

Teil eines jugendlichen Gesichts, in der Wirkung halb männlich, halb weiblich. Die Schulter und der Hals zeugen von männlicher Kraft, das Auge hingegen und die Braue von mädchenhafter Natur, mehr aber noch der süße Mund. Weinlaub hängt herab. Doch vor der Anmut kommt das Grauen!

Faszination des Schrecklichen

Caravaggio, Verführung und Grauen: Schild mit Medusa

Detail des folgenden. Michelangelo Merisi, genannt nach dem elterlichen Herkunftsort Caravaggio (1571-1610), malt einen vom Körper abgetrennten Kopf des Horrors. Etwas mehr weiblich als männlich, zeigt er entsetzt aufgerissene Augen, den sterbenden Blick nach unten gerichtet, den Mund schreiend aufgerissen. Statt Haaren umschließt ihn ein ekeliges Gewimmel von Schlangen. Blut fließt in Strömen. Der Kundige weiß, das kann nur Medusa, eine der drei Gorgonen, sein, deren Anblick jegliches Leben erstarren lässt.

Caravaggio, Schild mit Medusa

Caravaggio, Verführung und Grauen: Medusa, Uffizien

Medusa, um 1598, Öl auf Leinwand, 60 x 55 cm, aufgezogen auf einen konvexen Holzschild, Florenz, Uffizien

Caravaggio ist ein aufbrausender Charakter, neigt zu Gewalttätigkeit, verschuldet einen Totschlag und ist mehrfach mit der Justiz im Hader. Als Freund und Darsteller großer Realitätsnähe malt er dieses Bild auf einen runden Schild. Medusas Blick verwandelt alles in Stein. Erst dem Halbgott Perseus gelingt es, sie zu bezwingen. Unterstützt von Athena, ausgestattet mit Tarnkappe und Spiegel, enthauptet er das Schreckenswesen. Caravaggio lässt uns ungeschützt den leidenden Monsterkopf als ein Meisterwerk seiner Hand bewundern.

Caravaggio, Verführung und Grauen: Bacchus

Caravaggio, Verführung und Grauen: Bacchus, Detail

Florenz, Caravaggio: Detail des folgenden. Nun das ganze Gesicht in jugendlicher Frische mit weichem Augenausdruck. Noch unausgeprägt in den Zügen, zeigt es einen Gott: den des Weines und süßer Trunkenheit. Vgl. Michelangelo im Bargello. Die schwarzen Haare sind geschmückt mit Trauben und Weinlaub. Ein Freund ausschweifenden Lebens wie der Künstler und sein Modell.

Caravaggio, Verführung und Grauen: Bacchus bietet Rotwein an

Caravaggio, Bacchus, um 1598, Öl auf Leinwand, 95 x 85 cm, Florenz, Uffizien

Nach dem Bild des Grauens eine Darstellung männlicher Süße. In Auftrag gegeben von Kardinal Francesco Maria Bourbon del Monte (1549-1627) in Rom. Im Palazzo Madama, dem Sitz dieses homoerotischen Kunstfreundes, lebt Caravaggio ab 1596 für 5 Jahre.

Ein junger Bursche mit kräftigem Arm und Körperbau sowie weichen Gesichtszügen posiert als Bacchus. Er ist Mittelpunkt eines Arrangements von Stillleben. Bereits sein Kopfschmuck ist eines, aber unübertroffen ist erst jenes vor ihm. Mit der Karaffe und der Weinschale in der zarten Linken des Jünglings ergibt es ein Gesamtbild sinnlicher Freuden. Dazu passt, dass dieser halb verhüllte junge Mann den Betrachter etwas anzüglich anblickt und vielleicht gerade im Begriff ist, sein schwarzes Gürtelband zu lösen.

Caravaggio ist in seiner homoerotischen Prägung diesem androgynen Typus so zugetan, dass er das Modell in verschiedenen Bildern und Rollen auftreten lässt. Es könnte sein junger Gehilfe Mario Minniti (1577-1640) gewesen sein.

Der Bildausschnitt zeigt unter der mädchenhaften Hand eine Schale mit Früchten von Sommer und Herbst. Die Reife führt partienweise schon zum Verderb. Braune Stellen und Blätter deuten hin auf Verfall und damit – wie oft bei Stillleben – auf das Vergehen aller irdischen Freuden.