19. Juli 2018

Weltweit erstmals erschien heute in Waiblingen ein Seepferdchen am Himmel. Doch ist es kein kleines, in der Natur allenfalls 35 cm großes Fischwesen. Vielmehr ist es ein riesiges Seepferdchen – ein Widerspruch in sich, eine contradictio in adiecto, so wie „wahrheitsliebender Trump“ oder „schwarzer Schimmel“. Dieses Seepferdchen ist auch nicht im Wasser zuhause, sondern schwimmt mit einem Mann auf dem Rücken auf der Rems.

Der Remsreiter wurde erdacht und realisiert von Stephan Balkenhol im Auftrag der Eva Mayr-Stihl Stiftung, die dieses jüngste Werk mit Namen „Mann auf Seepferdchen“ ihrer Stadt anlässlich des 10jährigen Bestehens der Galerie Stihl Waiblingen zum Geschenk macht.

Stephan Balkenhol, Mann auf Seepferdchen, 2018.
Bronze, 360 cm hoch, ca. 1 Tonne schwer, das Tier in glänzenden Farben bemalt, der Mann in stumpfem Weiß und Schwarz.

Das Stifterpaar Eva Mayr-Stihl und Robert Mayr mit dem Künstler Stephan Balkenhol bei der Enthüllung der Skulptur am 13. Juli 2018.

Die Vorigen mit dem Autor am 13. Juli.

Am 19. Juli erfolgte die Platzierung der Skulptur auf der Rems.

Man sieht hier Balkenhols „Mann auf Seepferdchen“ vor Ólafur Elíassons „Pavillon für Waiblingen“ von 2009 – ebenfalls ein Geschenk der Eva Mayr-Stihl Stiftung an ihre Stadt – und dahinter die Kunstschule Unteres Remstal.

Der auf ca. 60 m ausgefahrene 240-Tonnen-Lastkran transportiert die erste der beiden 10 Tonnen schweren Ankerplatten aus Beton in die Mitte der Rems.

Ulrich Wolff aus Karlsruhe, rechte Hand von Stephan Balkenhol, auch er ausgebildeter Bildhauer und verantwortlich für alle technischen Belange, hat alles minutiös vorbereitet. Mit seinem Kleinlaster brachte er auch ein Schlauchboot mit. Da die Haken sich nicht von selbst nach Absenkung der Betonplatte auf den Remsboden lösen, taucht er kurzerhand hinab und macht sie los.

Die Hauptsache beginnt: die Skulptur und der sie tragende zylindrische Unterbau aus Edelstahl (Durchmesser 4 m, Höhe 1,3 m, Gewicht 5,5 Tonnen) werden zum Transport vorbereitet. Unten an der Riesenboje werden die Ketten von den Ankerplatten angebracht werden.

In schwindelnder Höhe schwebt das nun klein wirkende Seepferdchen seinem Platz in der Rems entgegen.

Hinter hohem Schilf nähert sich das Werk seinem endgültigen Ort.

Die Tonnenlast wird gelenkt von Ulrich Wolff und seinem Assistenten, einem Studenten der Bildhauerei. Interessiert verfolgt ein SWR-Filmteam das Geschehen.

Erleichtert lässt Ulrich Wolff die Seile des Lastkrans los: der „Mann auf Seepferdchen“ schwimmt, schwankt nicht und steht gerade im Wasser.

Aus Freude hechtet Wolff in die Rems.

Der von heute an endgültige Blick auf Balkenhols jüngstes Werk von der Galerie Stihl aus.

Neue Perspektiven vom Haeckersteg aus, von wo man bei ruhiger Rems sogar zwei Reiter mit Seepferdchen durch Spiegelung wird sehen können.

Eine Detailaufnahme, die Balkenhols Oberflächengestaltung vor Augen führt.

Hippocampus ist nicht nur der wiss. Name des Seepferdchens. Es ist auch der Name jener Meeresrösser und Wasserwesen – vorne Pferd, hinten schlangenartig –, die in der antiken Mythologie den Meeresgott Neptun durch die Wogen mit ihren flossenbewehrten Hufen ziehen und gelegentlich auch Venus, die Göttin der Liebe und Schönheit, die aus Meerschaum Geborene.Diese Mischwesen sind besonders als Brunnenfiguren beliebt. Dafür ein paar Beispiele. In Ammanatis berühmtem Brunnen in Florenz ziehen die edlen Pferdewesen Neptuns Meereswagen.

Bartholdi, weltweit bekannt als Schöpfer der Freiheitsstatue auf Liberty Island, verkörpert mit diesen wilden Pferden die vier Hauptflüsse Frankreichs. Ursprünglich für Bordeaux geplant, dort aber als zu teuer angesehen, wurde der Brunnen von Lyon übernommen.

Mit dem Denkmal wird der Abgeordneten der Gironde, der Region um Bordeaux, gedacht, die 1792-94 während der Französischen Revolution ermordet wurden. Der „Triumph der Republik“ ist Thema einer Seite der Monuments, die andere feiert Bordeaux als allegorische Figur, gleichfalls mit stürmenden Pferden. Jeweils durchpflügen Meeresrösser, fast so wild wie in Lyon, die Wogen, Wasser spritzt überall, Wasserstaub sogar aus den Nüstern. Vorne stürzen „Laster“ ins Meer, die in der Republik keine Chance mehr haben.