19. Oktober 2018

Zunächst geht es um Bodenkacheln aus dem Mittelstreifen des Großen Krankensaals des Hôtel-Dieu in Beaune. Es handelt es sich um eine mehr als hundertfache, absolut einmalige Huldigung. Seit 570 Jahren wird jeder Besucher wieder und wieder mit dem Empfinden Nicolas Rolins für seine viel jüngere Ehefrau Guigone de Salins konfrontiert.

 

Jeweils vier Kacheln fügen sich zu dem Hauptmotiv zusammen. In der Ringform wiederholt sich vierfach eine Wort-Bild-Kombination. „Seule“ und ein Stern sind zu entschlüsseln als „Seule étoile“, als „einziger Stern“. Damit wendet sich Rolin ununterbrochen und unabsehbar lange an seine Frau. Reinhold Würth tut das in ähnlich huldigender Absicht heute bei seinem „Carmen Würth Forum“ in Künzelsau. Rolin platziert in der Mitte jedes Rings noch die Initialen von sich und Guigone. „N“ und „G“ sind durch einen Eichenzweig miteinander verbunden. Eichenlaub füllt auch die Eckzwickel. Die Eiche symbolisiert Stärke, langes Leben, ja Unsterblichkeit sowie Treue. Manches davon mag sich Rolin für seine Ehe gewünscht haben, manches auch der Kranke, der die Kacheln sah und betrat.

Ein langes Leben haben inzwischen zumindest diese Bodenkacheln. Seit nunmehr rund 570 Jahren bezeugen sie eine offenbar große Liebe.

 

Auch in der Kapelle bejubelt Rolin seine Frau in ähnlicher Art wie im Krankensaal. Hier erscheinen dutzendfach die nun direkt miteinander verschlungenen Initialen N und G. Sie stehen im Wechsel mit einer Vogeldarstellung, darunter wie gewohnt das Wort „Seulle“ und  der Stern.

 

Als wäre es mit diesem mehrhundertfachen Liebesbeweis noch nicht genug, findet er sich auch mehrere Dutzend Mal auf einem Wandbehang. In der Mitte wie bei Rogier van der Weyden der Hl. Antonius mit Glöckchen, Krücke und kleinem Schwein. Seitlich von ihm und oben in den Ecken erkennt man das Wappen von Guigone de Salins. Hier ist auch besser als bei der Wandmalerei zu erkennen, um welchen Vogel es sich handelt, der im Wechsel mit dem Initialenpaar auftritt. Es ist die Turteltaube, uraltes Symbol dauernder Liebe.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1462 zieht Guigone de Salins in das Hôtel-Dieu, das ihr noch heute Bewunderung zollt. Ein Burgunder von einem der Stiftung gehörenden Weinberg trägt derzeit ihren Namen.

 

Ein weiterer Raum des Hôtel-Dieu mit nur wenigen Betten ist für begüterte und daher zahlungspflichtige Patienten bestimmt, hier in seiner Neuausstattung des 17. Jh. In seiner Mitte, in der Gegenwart der Kranken, wird operiert. Kaum mag man sich die Schmerzensschreie vorstellen und die damalige Hygiene.