12. Oktober 2018

Beaune ist ein ganz besonderes Reiseziel. Die überschaubare Stadt eignet sich auch gut für einen kurzen Zwischenstopp auf langer Fahrt. Nicht weit von Dijon im südlichen Burgund gelegen, ist sie mit rund 20.000 Einwohnern etwa so groß oder so klein wie Stuttgart zu Beginn des 19. Jh.

Wie in vielen Städten Frankreichs ist die alte Stadtstruktur eindrucksvoll erhalten. Es gibt zudem ein einzigartiges Gebäude: das „Hôtel-Dieu“. Das um 1450 entstandene Krankenhaus ist das älteste erhaltene weltweit. Bis 1971 hat es seine Funktion erfüllt. Seitdem ist es teils Altersheim, teils Museum.

 

Der eindrucksvolle, komplett erhaltene Innenhof fesselt durch klare Proportionen sowie den Reichtum der Farben und Formen der Dächer.

Gegründet wird dieser Baukomplex 1443 als Hospital für Arme von Nicolas Rolin (1376-1462) unter dem Einfluss seiner frommen 3. Ehefrau Guigone de Salins (1403-1470). Von Rolin mit einem stattlichen Grundkapital ausgestattet und reicher geworden durch weitere Stiftungen über Generationen, erfüllt das „Hôtel-Dieu“ als Krankenhaus über ein halbes Jahrtausend seine ursprünglichen Aufgaben: vom 1. Januar 1452 an bis zum Jahr 1971. – hier: Beaune, Bourgogne, France.

 

Hauptraum des Hôtel-Dieu ist der Große Armensaal mit einem mächtigen Tonnengewölbe: 46 m lang und 13 m breit. An den Seiten stehen je 15 Betten in einer Reihe, in denen zwei Personen lagen (mit dem Ziel sich wechselseitig zu wärmen). Die insgesamt 60 Kranken werden von rückseitigen schmalen Gängen betreut. Vorne am Bett gibt es je einen Stuhl und einen kleinen Tisch. Die Behandlung von Armen erfolgt umsonst, Reiche haben zu bezahlen.

Die Mittelachse des Saals wird durch besondere Kacheln betont – davon später mehr. Sie führen zu einem breiten Durchblick und einem Kapellenraum. Dort sahen die Kranken auf einen Altar, der wiederum einmalig ist als ein Meisterwerk der europäischen Malerei.
Nicolas Rolin vergibt den Auftrag für den Altar an Rogier van der Weyden (1399-1464), den bedeutendsten niederländischen Künstler seiner Zeit und einer der Großen der europäischen Kunst. Rogier führt den Auftrag zwischen 1445 und 1450 aus. – Wegen der Lichtempfindlichkeit sind die Altartafeln heute in einem abgedunkelten Nebenraum ausgestellt. Fotos sind nur aus freier Hand gestattet. Entsprechend sind die Resultate.

Die Kranken sehen an Werktagen so wie hier auf die geschlossenen Altarflügel. Nur an Sonn- und Feiertagen werden die Innenseiten des Altars sichtbar und damit das „Jüngste Gericht“.

Die Mitteltafeln zeigen hl. Personen in Form meisterlich gemalter steinerner Skulpturen. Die vier Bilder bieten nur Grautöne, weshalb man solche Malerei „Grisaille“ nennt. Oben gibt es in den Wandnischen die „Verkündigung an Maria“ in leichter Untersicht. Unten stehen größere Gestalten: der von Pfeilen durchbohrte „Hl. Sebastian“ und der bei Krankenheilung oft angesprochene „Hl. Antonius“, zu erkennen am Glöckchen, dem T-förmigen Krückstock und einem kleinen Schwein, das ihn stets begleitet..

Entscheidend aber für alle, die den Altar sehen, sind die breiteren seitlichen Tafeln. Dort werden in betender Pose die Stifterfiguren präsentiert: links (d. h. heraldisch gesehen rechts und damit auf der wichtigeren Seite) Nicolas de Rolin, damals knapp Mitte 70, und gegenüber seine Frau Guigone de Salins, etwa Mitte 40. Hinter beiden schweben Engel mit den jeweiligen Wappen.

Leider findet sich bei Wikimedia keine bessere Wiedergabe.

 

Der mittlere Teil des Altars lässt auch das Geschehen auf der Erde genauer erkennen. Fast kindlich wirkenden Engel blasen mächtig in ihre Posaunen. Die Gräber öffnen sich, die Toten steigen herauf, die Seelen erwarten ihr Urteil.

 

Mit ebenso so klarem wie unbestechlichem Blick sieht der Erzengel Michael auf jeden Betrachter. Prachtvoll ist seine Gewandung, exquisit die malerische Ausführung, raffiniert die Farbigkeit, vor allem der Reichtum der Rottöne, absolut meisterhaft auch die Faltendarstellung, insbesondere die der windbewegten Engelsgewänder. Michael, weder männlich noch weiblich, wägt mit zarten Händen zwei Seelen. Die beiden zu Gericht gerufenen Toten in den Waagschalen sehen unterschiedlicher Zukunft entgegen. Auf der Seite der Rechten Christi und des Engels – hier also links – erwartet der Verstorbene dank guter Lebensführung sein Heil in himmlischen Regionen. Die nackte Gestalt rechts, von Sünden belastet und daher schwerer in der Waage, wird den Weg in die Hölle gehen.

 

Mit unerhörter Deutlichkeit und Drastik, mit genauer Beobachtung von körperlichem und seelischem Verhalten schildert Rogier van der Weyden das Entsetzen der verdammten Seelen beim Gang in die Hölle. Die Hitze verfärbt den Himmel feuerrot.

 

Links dagegen karges Erdreich mit offenen Grablöchern und blauem Himmel: scheue, aber glückliche Menschen wenden sich dankbar zu Christus. Besonders eindrucksvoll die helfende Geste des Mannes hin zu der knienden Frau. In ihrem innigen Gebet verharrt sie wohl schon zu lange. Jetzt heißt es Aufstehen zum Gang in den Himmel.

Im Krankensaal haben die Armen beim aufgeklappten Altar die Folgen von guter und schlechter Lebensführung unmittelbar vor Augen. Das bedeutet angesichts eines oftmals nahenden Todes eine wohl sehr bittere Konfrontation mit der nachweltlichen Zukunft. Damalige mangelnde Hygiene und beschränktes medizinisches Können stellen nicht unbedingt noch eine Lebensspanne in Aussicht, die eine Chance zur Besserung und Himmelsgewissheit bieten könnte.

Nach der religiösen Dimension, deren meisterhafte Vergegenwärtigung kaum alle Kranken wahrgenommen haben dürften, wende ich mich einem weltlichen, ebenso einmaligen Aspekt in Beaune zu. Wir treffen auf eine Fülle von Liebesbekenntnissen wie nirgendwo sonst.

Siehe Teil II am nächsten Freitag.