8. Dezember 2018

#lippiandme und #pinaflorenz

NICHT IN DER AUSSTELLUNG:

Mehrfachbegabungen gab es unter den Künstlern in Florenz viele. Sie waren Maler und Bildhauer, Architekten und Bildhauer oder das alles in einem und zusätzlich immer auch große Zeichner. Beispiele dafür sind Brunelleschi, Leonardo oder Michelangelo. Andrea del Verrocchio war in erster Linie ein bedeutender Bildhauer, wenn er auch als Maler Schüler beschäftigte, unter ihnen Leonardo aus dem kleinen Ort Vinci.

Das weltberühmte Tafelbild durfte natürlich nicht reisen. Es dient hier der Einstimmung auf das Folgende. Die Gesamtanlage der Komposition stammt von Verrocchio, die Hauptfiguren sind von einer gewissen Härte und, wenn man so will, von fast skulpturaler Plastizität. Vorne knien zwei Engel. Der linke stammt von Leonardo, ist in Öl gemalt, geht in der Abstufung der Töne, im Schmelz der Ausführung, der zeichnerischen Feinheit und der Lebendigkeit der Faltengebung über seinen Kompagnon weit hinaus. Vasari berichtet, dass Verrocchio angesichts dieser Überlegenheit seines Schülers das Malen aufgegeben habe. Der geniale Anfänger wird fast zum Topos: man begegnet ihm in Gestalten wie Giotto, Masaccio, Michelangelo, Raffael, Mozart usw.

Andrea del Verrocchio (1435/36) und Werkstatt, Maria mit Kind und zwei Engeln, Ausschnitt, um 1467/69, London, The National Gallery

Zwei Engel bringen den Jesusknaben der melancholisch in sich gekehrten Mutter zum Stillen. Die zeichnerische und reliefhafte Präzision zeigt partienweise Schwächen in der Ausführung, weshalb eine Mitwirkung von Gehilfen anzunehmen und die frühere Zuweisung an den jungen Botticelli wohl auszuschließen ist. Besonders überraschend ist der fast zu groß wie in eine Lücke platzierte Kopf des Engels in der Bildmitte, der den Betrachter fixiert.

Leonardo da Vinci (1452-1519), Madonna mit der Nelke, Ausschnitt, ca. 1475, München, Alte Pinakothek

Mit seinem frühesten erhaltenen Madonnenbild scheint der junge, ehrgeizige Künstler eine Kostprobe seines Könnens vorlegen zu wollen. Raffinesse und Reichtum in den Details, in genauester Beobachtung und eine so zuvor nicht bekannte Feinheit der Ausführung von Händen und von Falten, die manchmal zu fließen, dann wieder zu lodern scheinen, in allem zeigt sich ein Streben nach verstärktem Ausdruck und  Eigenwilligkeit. In technischer Hinsicht gibt es aber Probleme. Die Ölmalerei ist Leonardo noch nicht so ganz vertraut, weshalb sich auch schrundige Oberflächenbereiche ergaben.

Die Aufmerksamkeit von Mutter und Kind gilt allein der Nelke, Zeichen der Passion und göttlicher Liebe. Sie blickt in stiller Nachdenklichkeit auf die Blume, die sie mit unvergleichlicher Grazie hält. Das Kind drängt der Nelke mit der Unbeholfenheit seines Alters entgegen, weiß sie aber noch nicht zu fassen. Geht Leonardo hier auch von Kompositionen Verrocchios und anderer aus, so verleiht er diesem Werk doch vollkommen seine Handschrift. Das beruht auch auf dem Hintergrund, der Vision einer verblauenden Gebirgsregion.

Lorenzo di Credi (1456/59–1537), Gewandstudie für eine sitzende Figur (nach Leonardo da Vinci), um 1480/90, London, British Museum, Department of Prints and Drawings

Um solche meisterhaften Studien ausführen zu können, gab es in den Künstlerwerkstätten Gliederpuppen, „manichini“, deren Stoffdrapierungen mit Wachs oder Gips gefestigt wurden. So konnten Licht- und Schatteneffekte in Ruhe beobachtet, dargestellt und auch direkte Vorlagen für Gemälde entwickelt werden. Lorenzo di Credi, ein Mitschüler Leonardos bei Verrocchio, war ein Profi in solchen Studienblättern.

Die weißen Punkte sind Spiegelungen der Deckenbeleuchtung auf der Verglasung.

Der umgängliche Mönch Fra Bartolommeo aus dem Kloster San Marco war einer der großen Maler des Übergangs von der Früh- zur Hochrenaissance. Er griff selbständig Anregungen von Leonardo auf und gab diese auch an Raffael weiter. Hier fasziniert nicht allein der so lebendig dargestellte Kopf des Kindes, auch der „niederländische“ Landschaftsausschnitt ist von bestechender Unmittelbarkeit. Er wurde natürlich nicht vom Künstler in der Umgebung von Florenz gefunden. Es handelt sich um eine freie Übernahme aus einem Altar von Hans Memling (heute in den Uffizien).

Fra Bartolommeo (1472-1517), Maria mit Kind und Johannesknaben, um 1497, New York, The Metropolitan Museum of Art

In der Gewandung und im Helldunkel ist deutlich der Einfluss von Leonardo zu spüren. Auch in der Komposition ist ein neuer Ausdrucks- und Kompositionswille zu empfinden. In einem loggienartigen Gebäudewinkel sitzen die Hauptfiguren. Das dralle Kind spielt gedankenverloren mit dem Finger der Mutter. Beider Aufmerksamkeit gilt dem ehrfürchtig herangetretenen, noch pausbäckigeren Johannesknaben, der den Segen seines Gespielen empfängt. Die lebensnahe Kindlichkeit erhält im Kreuz des Johannes ein ernsthaftes Zeichen, das auf die Zukunft hindeutet.

Leonardo da Vinci (1452-1519), Studie zu einer Anbetung der Hirten, um 1480, Hamburg, Kunsthalle, Kupferstichkabinett

Die atemberaubend schöne Skizze einiger Figuren zeigt Details einer Komposition, die Leonardo neben seinem großen, unfertig gebliebenen Jahrhundertwerk der Anbetung der Könige, heute in den Uffizien, beschäftigte. Schnell und leicht zugleich ist die Fixierung der Posen. Drei Lagemöglichkeiten des Kindes werden zeichnerisch erwogen. Sitzend, auf seinen Stock gestützt, wendet sich der bärtige Joseph zu zwei Hirten zurück. Zunächst völlig nackt skizziert, stehen diese in inniger körperlicher Nähe beieinander und bezeugen mit Kopfneigung und Gesichtsausdruck selbst in der flüchtigen Andeutung ihr Staunen über das göttliche Ereignis.

FORTSETZUNG UND ENDE  mit dem Beitrag VII.