1. Dezember 2018

 

 

#lippiandme und #pinaflorenz

 

Botticelli malt eine Szene andächtiger Stille: ein alter und vornehmer Herr beugt sich ehrfurchtsvoll vor einem ganz kleinen Kind, das seine Rechte andeutend zu einer Segensgeste erhebt. Hoch aufgerichtet, schlank und nachdenklich erscheinen die Eltern in ihrem steinernen Umfeld. Von oben fällt ein himmlischer Lichtstrahl auf das Kind.

 

Auf der rechten Seite des Bildes eine Reihe eindrucksvoller Köpfe, einige davon Porträts florentinischer Patrizier. Zwei blicken direkt auf den Betrachter. Der Ältere mit dem Zeigegestus ist Guasparre di Zanobi del Lama, ein reich gewordener Wechselmakler und Auftraggeber des Bildes. Der Jüngere, der etwa 30jährige Botticelli, setzt sich fast provozierend mit hoch gezogenen Brauen in Szene, um seiner Stadt zu zeigen, wie toll er malen kann. Und das zu Recht.

 

Sandro Botticelli (1444/45–1510), Anbetung der Hl. Drei Könige, um 1475, Florenz, Galleria degli Uffizi

Betrachtet man dann das Bild im Ganzen, staunt man nur über den Reichtum an Haltungen, geschickter Anordnung und erlesener Farbigkeit, mit der Botticelli dieses frühe Hauptwerk gestaltet. Bestimmt war es für die Stirnwand am Eingang von S. Maria Novella. Und es könnte auch ein Ansporn für Ghirlandaio gewesen sein, auf seine großformatige Weise in der Hauptkapelle mit dieser Malerei in Wettstreit zu treten. Fast unerhört ist es, dass der bereits verstorbene Cosimo il Vecchio de‘ Medici und seine zwei ebenfalls verschiedenen Söhne Piero und Giovanni als die drei Könige auftreten. Man stelle sich vor, frühere Mitglieder der Familie Porsche ließen sich mit solchem Anspruch darstellen. Unter Botticellis lebenden Zeitgenossen ragt rechts der schwarzhaarige Lorenzo il Magnifico heraus, während links sein jüngerer Bruder Giuliano die dortige Gruppe anführt. Die Kühnheit einer solchen Bildauffassung und Selbstdarstellung von Eliten verdeutlicht man sich am besten, wenn man sich Gestalten wie vielleicht Mario Draghi oder Dieter Zetsche u. ä. in einem solchen Rollenspiel vorstellt.

Ein großes Kompliment an die Veranstalter der Ausstellung, dass sie es geschafft haben, ein solches Meisterstück der Uffizien nach München auszuleihen.

 

Sandro Botticelli (1444/45–1510), Mutmaßliches Bildnis Smeralda Brandini, um 1470-1475, London, Victoria and Albert Museum

So als habe sie gerade ein Fenster im oberen Loggiengeschoss ihres Palastes geöffnet, steht die Dargestellte mit direktem Blick auf den Betrachter da, mit hohen Brauen und markanten Zügen. Die zurückfluchtende Brüstung der Loggia und der Fensterladen schaffen Tiefenräumlichkeit. Darin erscheint dank der erlesenen Farbigkeit der Kleidung, der Haltung der Hände und des Rotblonds der Haare diese wohl schwangeren Frau als markante Persönlichkeit von besonderer Präsenz. Sie spricht uns über Jahrhunderte hin unmittelbar an. Botticelli erweist sich hier als ein sehr eigenständiger Porträtmaler, der Intimes und Repräsentatives miteinander zu verquicken versteht.

 

Domenico Ghirlandaio (1449-1494), Judith und ihre Magd, 1489, Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie

In Florenz genossen zwei Gestalten des Alten Testaments ein besonderes Ansehen: David und Judith.

Der jugendliche David, der den Riesen Goliath besiegt, ist nicht erst seit der Aufstellung von Michelangelos Marmorstatue vor dem Palazzo della Signoria im Jahr 1504 ein Sinnbild der Wehrhaftigkeit des Stadtstaats gegen mächtige Feinde und zugleich ein Symbol patriotischer Gesinnung. Auf weiblicher Seite übte Judith eine verwandte Faszination aus. So steht ihre um 1460 entstandene Bronzedarstellung von Donatello bereits seit 1495 vor dem Palazzo Vecchio.

Ghirlandaios kleines Tafelbild von herausragender Qualität zeigt die Heldin in einem palastartigen Ambiente mit Schlachtreliefs all’antica und einer fernen Meeresküste. Die schlanken jungen Frauen kehren nach erfolgreicher grausamer Tat zurück. Judith hat Holofernes, den Feldherrn der Assyrer, überlistet, dann mit seinem Schwert enthauptet und damit die Israeliten gerettet. Fast tänzerisch kommen die beiden daher, Judith mit dem Schwert als Trophäe, die beschwingte Magd mit dem Haupt des Holofernes in einem Korb auf dem Kopf, als trage sie eine Kleinigkeit.

 

Die lange als Werkstattarbeiten eingestuften Porträts werden inzwischen wieder als eigenhändige Arbeiten Domenico Ghirlandaios angesehen. Es handelt sich wohl um eine Darstellung junger Eheleute: er in freier Natur vor weiter Meeresküste als dem ausgreifenden Bereich seiner Aktivitäten, sie eingeschränkt im Bewegungsraum durch eine Loggia und damit auf den häuslichen Rahmen verwiesen. Die konventionelle reine Profilansicht der Frau steht in älterer Tradition. Korallenkette und klares Wasser deuten auf Tugend hin, das Buch auf wohl geistliche Lektüre, der Schmuck auf Hochzeitsgeschenke. Die Darstellungsart von Fürstenporträts erreicht hier eine bürgerlich selbstbewusste Ebene.

 

 

 

 

Ein Werk, bei dem die Wissenschaft lange zwischen Botticelli und Filippino Lippi schwankte. Für Filippino, der mit 13 Jahren in Botticellis Werkstatt eintrat, spricht vor allem die Nähe zu Gestalten, die er in der ersten Hälfte der 1480er Jahre bei der Vollendung der halbfertigen Fresken Masaccios  in S. Maria del Carmine malte. Auch dort findet sich diese Schönheit des jugendlich männlichen Gesichts, diese Offenheit und ungemein direkte Kontaktnahme zum Betrachter, obgleich eine gewisse Reserviertheit spürbar bleibt. Ein besseres Motiv als unmittelbar ansprechendes Werbemittel hätte für die Münchner Ausstellung nicht gefunden werden können.

 

Filippino Lippi (1457-1504), Bildnis eines jungen Mannes, um 1480/85, Washington, National Gallery of Art, Andrew W. Mellon Collection

Es ist erstaunlich, wie das Hochformat des ganzen Bildes den jungen Mann dank der wie gepolstert wirkenden Brustpartie etwas entrückt und ihn fast hoheitsvoll und distanziert erscheinen lässt.

FORTSETZUNG mit den Beiträgen VI und VII.