24. November 2018

 

#lippiandme und #pinaflorenz

 

Domenico Ghirlandaio (1449-1494), Geburt Mariae (Vorzeichnung für das Fresko in S. Maria Novella), um 1486-1490, London, British Museum

Im Herbst 1485 erhielt Domenico Ghirlandaio als hochangesehener Altar- und Freskomaler den Auftrag für die Ausmalung der größten Kapelle von Florenz. Der Kaufmann und Bankier Giovanni Tornabuoni hatte das Recht erworben, die Cappella Maggiore der Dominikanerkirche S. Maria Novella auszugestalten. Ghirlandaio begann die Arbeit in der Kirche mit seiner großen Werkstatt im Frühjahr 1486 und vollendete sie Ende 1490. Themen waren an den seitlichen Kapellenwänden das Leben Marias und Johannes des Täufers, aber auch ein reiches, auf die Dominikaner bezogenes Heiligenprogramm an der Stirnfront der Kapelle mitsamt ihrer Fenster.

Sehr genau legte Tornabuoni die Arbeitsschritte mit dem Künstler fest, korrigierte auch manchen seiner Vorschläge. Dies ist eine erste, herrlich temperamentvolle Skizze der noch nicht ganz festliegenden Kompositionsidee. Oben auf dem Treppenabsatz die Umarmung des greisen Paares Joachim und Anna. Sie wird durch einen Kuss schwanger und damit zur Mutter Marias. Die Treppe führt hinab in einen prächtigen Palastraum und zur Hauptszene 9 Monate später: Anna ruht erhöht im Bett, eine Amme und Helferinnen kümmern sich um das gerade geborene Mädchen. Vornehme Florentinerinnen kommen zu Besuch, an ihrer Spitze Tornabuonis Tochter Ludovica.

Die Lichtflecken rühren von der Deckenbeleuchtung her.

 

Domenico Ghirlandaio (1449–14494), Verkündigung an Zacharias, um 1486-1490, Wien, Albertina

Im Gegensatz zum vorangehenden “primo pensiero“, dem ersten Bildgedanken, ist dies ein “modello“, eine genaue Ausführungsstudie, wie sie sich Tornabuoni zur Genehmigung vorlegen ließ. Thema ist die Verkündigung an Zacharias und damit ein weiteres Wunder von Schwangerschaft und Geburt in hohem Alter. Der Engel überrascht den weißhaarigen Priester beim Tempeldienst mit der Nachricht, dass er und seine alte, zuvor unfruchtbare Frau Elisabeth noch einen Sohn bekommen werden. Zacharias solle ihn Johannes nennen.

Zeitgenossen sind Zeugen der himmlischen Erscheinung. Ghirlandaio gibt Namen auf der Zeichnung an. In der Ausführung wird es geradezu ein großer gemeinsamer und würdevoller Auftritt von Prominenten der Florentiner Gesellschaft. Mitglieder der Tornabuoni-Familie finden sich ein, aber auch Humanisten, denen die antikisierenden Reliefs auf der gemalten triumphbogenartigen Architektur wohl gefallen haben werden.

 

NICHT IN DER AUSSTELLUNG, NICHT IM KATALOG

PowerPoint erlaubt Visualisierungsspielchen:

Während die Wandmalereien und Fenster der Kapelle noch komplett erhalten sind, wurde der große, freistehende, doppelseitige Altar 1804 aufgelöst. Haupttafeln gelangten nach München und Berlin. Vor Jahrzehnten entdeckte ich eine grafische Darstellung des Altars aus dem Jahr 1705. Die inzwischen weiter verfeinerte und überzeugende Münchner Rekonstruktion habe ich hier einfach vor den neugotischen Altar gesetzt, um wenigsten annähernd richtig das ursprüngliche Zusammenwirken von Hauptaltar und Kapellenwänden zu veranschaulichen.

Selbst mit so bescheidenen Mitteln lässt sich erahnen, wie man einst die Altarkomposition mit ihren klaren Farben vom gesamten Kirchenschiff aus gut sehen und die hl. Gestalten klar erkennen konnte. Ein weiteres wichtiges Wirkungsmotiv war die Sichtbarkeit des Stifterpaares, die bis 1804 gegeben war. Giovanni Tornabuoni und seine Frau erscheinen betend seitlich an der Stirnfront der Kapelle. Erst der neugotische Altar verdeckt sie den Blicken von weitem. Ursprüngliche Absicht war es, sie ähnlich demonstrativ zu zeigen wie die Stifter im Trinitätsfresko von Masaccio im Kirchenschiff oder diejenigen in Ghirlandaios etwas älteren Sassetti-Kapelle in S. Trinita.

 

Domenico Ghirlandaio (1449-1494) und Werkstatt, Tafeln des Hochaltars von S. Maria Novella in Florenz, um 1490/94, München, Alte Pinakothek

Die Präsentation in der Ausstellung orientiert sich erstmals an der mutmaßlich ursprünglichen Anordnung der Tafeln auf dem Hochaltar. Der Hl. Stephanus befindet sich heute in Budapest und konnte nicht ausgeliehen werden.

Domenico Ghirlandaio starb im Januar 1494. Der Künstlerbiograph Giorgio Vasari berichtet Mitte 16. Jh., dass seine Brüder und Gehilfen den Altar vollendet hätten. Wirken die Tafeln auch aus der Ferne wie aus einem Guss, so offenbart nähere Betrachtung doch eine ganze Reihe ausführender Hände. Von Domenico selbst könnte noch der besonders gut gemalte Stephanus stammen.

 

Domenico Ghirlandaio (1449-1494) und Werkstatt, Haupttafel des Hochaltars von S. Maria Novella in Florenz, um 1490/94, München, Alte Pinakothek

In einer großen Dreiecksanordnung erscheint oben Maria mit Kind in einer Flammengloriole. Vor der niederländisch angehauchten Landschaft erscheinen rechts von ihr (für den Betrachter links) der Erzengel Michael mit Schwert und Weltkugel, ein Hinweis auf das Jüngste Gericht, und kniend Dominikus, der Stifter des in S. Maria Novella ansässigen Ordens. Gegenüber Johannes der Täufer, wie Maria selbst ein Hauptheiliger von Florenz, und der oft dargestellte ungläubige Thomas.

Ohne die intensiven maltechnischen Untersuchungen zu kennen, sieht man auch schon mit bloßem Auge, dass in der großen Werkstattorganisation Ghirlandaios von verschiedenen Gehilfen, mal in Tempera-, mal in Öltechnik, einzelne Bereiche ausgeführt wurden. Die Benennung aber dieser Personen ist schwierig. Wegen der besonderen Feinheit der Ausführung könnte der Kopf des Täufers noch von Domenico selbst gemalt worden sein.

 

 

 

NICHT IN DER AUSSTELLUNG, NICHT IM KATALOG

Domenico Ghirlandaio verpflichtete sich, die unteren Bildfelder mit eigener Hand zu malen. Diese Vertragsklausel belegt schon, dass dies nicht selbstverständlich war. Mit zunehmender Höhe der Register mussten und durften wohl seine Brüder Davide und Benedetto sowie andere Werkstattmitglieder die Ausführung übernehmen. Eventuelle Unterschiede ganz weit oben konnten damalige Betrachter nicht wahrnehmen. Die Kapellen waren nicht ausgeleuchtet und Ferngläser gab es noch nicht.

Dies wird untermauert durch Beobachtungen, die ich vor Jahrzehnten während einer langen Restaurierung der Fresken machen konnte. Man erlaubte mir auf den Gerüsten herumzuklettern. Im obersten Bildfeld rechts tanzt Salome vor Herodes und seinen Gästen. Hinter der Tafel stehen viele junge Burschen, gewiss die „garzoni“, die Werkstattgehilfen und angehenden Maler, wiedergegeben von unterschiedlichen Händen. Deshalb kam ich zur Überzeugung, dass diese „garzoni“ sich in der großen Entfernung vom üblichen Kirchenbesucher wechselseitig darstellen durften.

Namen lassen sich mit den Gesichtern nicht in Verbindung bringen, mit einer Ausnahme. Der zweite junge Mann von rechts mit breiter Stirn und Geheimratsecken ist zweifellos Francesco Granacci, den man gealtert in Vasaris Lebensbericht von 1568 wiedererkennt. Es ist der sechs Jahre ältere Jugendfreund Michelangelos, der diesem entgegen dem väterlichen Willen den Weg zur Kunst ebnete und ihm auch später auf Dauer freundschaftlich verbunden blieb.

FORTSETZUNG mit den Beiträgen V bis VII.