17. November 2018

 

#lippiandme und #pinaflorenz

Auf dem Infoscreen im Foyer der Alten Pinakothek hat der vor rund 540 Jahren gemalte, noch immer sehr lebendig und freundlich wirkende junge Mann die Sonnenbrille hochgeschoben und verlockt mit leichtem Lächeln zum Besuch der schönen Ausstellung.

 

Die besten ihres Faches – der Buchmaler Francesco Rosselli (1448– nach 1508/vor 1528) und der Kalligraph Antonio Sinibaldi (1443–1528) – haben diese Seiten des kleinen, prachtvollen Bandes gestaltet. Lorenzo de‘ Medici gen. il Magnifico schenkte ihn 1488 seiner Tochter zur Hochzeit. Biblische Hauptszenen sind auf den aufgeschlagenen Seiten vereint. Links sieht man die Verkündigung Mariae sowie darunter die kleineren Darstellungen der Anbetung der Hirten zwischen der Heimsuchung und Darbringung im Tempel. Die rechte Seite bietet innerhalb der Initiale „D“ eine Madonna mit Kind, darunter die Anbetung der Könige. Mit den beiden Seiten beginnt laut lateinischem Text oben rechts das Marienoffizium.

 

Von der kleinsten Verkündigungsdarstellung fällt der Blick auf die größte. Sie ist wie alle Altarbilder der Ausstellung höher gehängt als in Museen üblich. Meist gibt es dort eine mittlere Bildhöhe von ca. 150-160 cm, die sich an der Körpergröße heutiger Besucher orientiert. Hier aber werden die großen Altartafeln so präsentiert, wie sie von den Gläubigen in den Kirchen wahrgenommen wurden. Meist war der Altarraum um Stufen gegenüber dem Kirchenschiff erhöht und über der Altarmensa befand sich das Altarretabel.

 

Fra Filippo Lippi (um1406-1469), Verkündigung Mariae, um 1443/45, München, Alte Pinakothek

Durch die höhere Hängung wird sofort ein Hauptanliegen des Künstlers deutlich. Mit den Mitteln der noch jungen Zentralperspektive schafft er eine vielfach bildparallel gestaffelte Raumtiefe. Dies geschieht in Anspielung an den Hortus conclusus, an den geschlossenen Garten und damit die Jungfräulichkeit Marias, sowie auf die Lebensweise der Suore Murate, der eingemauert lebenden Benediktinerinnen, für die die Tafel bestimmt war. Die Bildarchitektur wird geprägt von hellgrauer Pietra serena, grünem Rasen und Gesimsen und gibt damit einen klar gegliederten Fond für das Hauptgeschehen ab. Vorne hat sich Maria gerade von ihrem Lesepult erhoben und nimmt mit demütiger Haltung die hohe Aufgabe des Engels an. Fast unnötig, dass in etwas altertümlicher Weise auch noch Gottvater oben links erscheint, um die Taube des Hl. Geistes herabzusenden. Ebenso überraschend, dass sich von links ein weiterer Engel in den Bildraum fast hereinquetscht.

 

Fra Angelico (um1395/1400–1455), Hochaltar von San Marco, um 1438/40, Florenz, Museo di San Marco

Wie hier gab es unter großen Altartafeln oft noch eine Sockelzone, die sog. Predella. Auf ihr wurden biblische Szenen oder Heiligenlegenden als Kontinuum dargestellt. Diese kleinformatigen Lebens- und Leidensstufen von Hauptgestalten des Altars befanden sich in etwa in Augenhöhe der Andächtigen (die im 15. Jh. entschieden kleiner waren als wir heute). Man sah also zu den Altartafeln hinauf und wie in der Münchner Ausstellung erschloss sich dadurch manche Bildkomposition entschieden besser.

 

Der große, ehemals frei im Chor von San Marco stehende Altar war ein sehr ehrenvoller Auftrag für den im Kloster lebenden Mönch. Auch war er eine indirekte Selbstdarstellung des Auftraggebers Cosimo de‘ Medici, des mächtigsten Mannes der Stadt, dessen Familie für Generationen die Geschicke von Florenz prägte. Vorne in dem prächtig gestalteten Bildraum knien Cosmas und Damian, die Namenspatrone Cosimos und seines verstorbenen Bruders Damian, die als Schutzheilige der Familie fungierten. Als „medici“, als Ärzte und Märtyrer, bot sich diese Rolle geradezu an. Cosmas in zeittypischer Arztkleidung wendet sich an die Gläubigen und fordert sie zur Verehrung der hl. Gestalten auf.

Die Altartafel aus Holz, eines der Meisterwerke Fra Angelicos, nach wie vor im Kloster San Marco, kann nicht reisen. Erstmals aber seit etwa 200 Jahren sind die Predellentafeln bis auf eine wieder vereint. In Augenhöhe wie ursprünglich präsentiert, kommt auch die Komposition der Haupttafel darüber zu entschieden besserer Wirkung als sonst.

Heute werden Gemälde vielfach zu tief gehängt, man fällt quasi in sie hinein – ein etwas merkwürdiger Versuch von anbiedernder, vermeintlicher Volksnähe. Zu großer Kunst darf man durchaus aufschauen. Nimmt sie uns doch manchmal den Atem, genauso wie es Musik, Dichtung und andere uns überwältigende Erlebnisse tun.

Dazu passt eine etwas flapsige Geschichte, die von dem großen Renaissanceforscher Jacob Burckhardt (1818-1897) erzählt wird. Eine Dame fragt ihn nach einer seiner vielbesuchten Vorlesungen: „Verehrter Herr Professor, wie soll ich mich der Kunst nähern ?“ Er darauf: „Auf den Knien, gnädige Frau, auf den Knien !“

 

NICHT IN DER AUSSTELLUNG:

Als künftigem Organspender kommt mir die Idee, dass die beiden Ärzte Cosmas und Damian gleichsam auch als Schutzpatrone der Transplantationsmedizin gesehen werden könnten.

 

Fra Angelico (um 1395/1400–1455), Traum des Diakons Justinian, Florenz, Museo di San Marco

Der Künstler zeigt auf zugleich nüchterne wie poetische Weise, wie sich das Wunder der Heilung vollzieht. Justinian schläft tief in seinem karg eingerichteten Kastenraum. Auf kleinen Wolken sind die hl. Ärzte herangeschwebt und fügen gerade das nun schwarze, dafür aber gesunde Bein an. Die kleine Tafel befand sich ursprünglich an der rechten Schmalseite der Predella.

FORTSETZUNG mit den Beiträgen IV bis VII.