10. November 2018

Mit dem „Ave Maria“ im Nimbus, dem „Gegrüßt seist du, Maria“, wendet sich vielleicht auch der Gläubige an diese Madonna dell‘Umiltà. Wiederum sitzt sie auf einem Kissen, blickt voller Liebe, aber mit einer Demutsgeste ihrer Rechten auf den Sohn. Fra Angelico, Mönch im Kloster von San Marco, präsentiert in der ihm eigenen leuchtenden Farbigkeit Maria als mädchenhafte Gestalt, die das Schicksal ihres Sohnes zu ahnen und zu akzeptieren scheint. Der Jesusknabe ist hier nicht ein Baby, sondern ein wissendes Kind, das keinerlei Beziehung zu seiner Mutter zeigt, sondern ganz auf den Betrachter ausgerichtet ist.

#lippiandme und #pinaflorenz

 

Vor dem klassischen Farbklang von Blau und Rot seiner Mutter erscheint dieser Jesusknabe weniger als kleines Kind denn als künftiger Erlöser der Menschheit. Darauf deutet das Spruchband mit dem lateinischen Text „Ich bin das Licht der Welt …“ Die Segensgeste seiner Rechten gilt allen, in erster Linie aber einst dem Auftraggeber dieses Bildes und seinen Angehörigen.

Solche Andachtsbilder standen in der „camera“, dem Schlaf- und auch Wohnzimmer der Florentiner Patrizier. Dieser Raum war in einem Ort von Geburt und Tod sowie der Repräsentation. Dieser Wohnbereich war mit hochrangiger Kunst, d.h. mit solch exquisiten Werken, geschmückt. Hinzu konnten Szenen aus dem Leben von Heiligen oder der antiken Mythologie kommen, die gerne auf querformatigen Tafeln dargestellt wurden. Letztere waren in Schulterhöhe aneinandergereiht – und hießen daher „spalliere“ (spalla = Schulter) – oder sie zierten große Cassoni (= Truhen), in denen Hab und Gut untergebracht waren.

 

Welch ein Unterschied zum vorangehenden Bild: ein kräftiges Baby, noch etwas stumpf in der Wahrnehmung der Welt, der Blick verhangen, ahnungslos, was es mit dem Buch soll, die Zehen hochgezogen. Der Maler, gleichfalls ein Mönch, Fra Filippo Lippi, ist auf Beobachtung der Wirklichkeit aus. Er hat in der Kompaktheit der Figur den epochalen neuen Ansatz des früh verstorbenen Masaccio aufgenommen, verleiht den Gestalten Körperlichkeit und Gewicht.

Sieht man dieses hinreißende Kind, so darf man sich an einen Bericht des Künstlerbiographen Giorgio Vasari erinnern. Er schildert 1550 und 1568, dass Fra Filippo sich in späteren Jahren beim Malen einer Madonna in sein Modell verliebte und mit ihm durchbrannte. Der Sohn kam 1457 auf die Welt und ist als „Philippchen“ seinerseits ein großer Maler geworden. Wir werden diesem Filippino Lippi noch begegnen.

 

Fra Filippo Lippi (um 1406–1469), Maria mit Kind und zwei Engeln, um 1435/40, New York, The Metropolitan Museum of Art, The Jules Bache Collection, 1949

Im Gegensatz zu Fra Angelico besitzen die Gestalten dieses entschieden größeren Tafelbildes eine fast robuste Plastizität, eine schlichtere Farbigkeit. Mehr Wirklichkeitsnähe ist angestrebt und das trotz einer aufwendigen buntmarmornen Thronarchitektur. Neben dem Realitätsbezug äußert sich im Gesicht von Maria und den Engeln eine Wendung nach innen, eine Anflug von Melancholie. Die Rose der Madonna ist als Symbol göttlicher Liebe und des künftigen Leidens Christi ein Hinweis zum Verständnis des Bildes.

 

Einige Jahre später malt Fra Filippo Lippi eine weitere Madonna mit Kind, nun nicht thronend, sondern stehend als Halbfigur vor einem Brokatvorhang und einer rahmenparallelen Nische. Der Jesusknabe sitzt nicht, sondern liegt in den Armen Marias und hält sich an ihrem Schleiertuch fest. Wiederum ein ganz unkonventioneller Blick auf das göttliche Kind: sehr menschlich spielt es mit seinem rechten Zeigefinger an Lippe und Mund. Mit kleinen Augen schaut es groß in die Welt, ist noch ganz in sich befangen.

 

Fra Filippo Lippi (um1406–1469), Maria mit Kind, um 1445/50, Mamiano di Traversetolo (Parma), Fondazione Magnani Rocca

Die junge, mädchenhafte Mutter mit schöner Haartracht und scheuem Gesichtsausdruck präsentiert uns ihr kräftiges Kind. In der Schlichtheit und Natürlichkeit dieser Handlung, nobilitiert durch den Goldstoff hinter ihr, liegt der Reiz der Darstellung und die Selbstverständlichkeit für die Anbetung der beiden Gestalten.

Weiße Flecken stammen von Deckenlichtern, die sich spiegeln.

 

Im Kontext der Ausstellung erstmals ein Andachtsbild mit freier Landschaft. Das kräftige Kind, in dessen ausgeprägten Zügen man bereits das Aussehen des erwachsenen Mannes ahnt (was keineswegs immer der Fall, aber manchmal nur kurz nach der Geburt möglich ist), mag nicht sitzen. Mit entschiedener Armbewegung will es sich aufrichten, strebt zum Gesicht der Mutter. Angetan ist es mit einem Hemdchen, das unter dem Arm mit geriffelten Bändern gehalten wird. Ein erneutes meisterhaftes Beispiel für die Beobachtungs- und Darstellungsgabe von Fra Filippo Lippi.

 

Fra Filippo Lippi (um 1406–1469), Maria mit Kind, um 1460/65, München, Alte Pinakothek

Immer wieder berührt mich die wunderbare Komposition diese Bildes, das mir seit Jahrzehnten vertraut ist. Es in der Ausstellung auf Zeit im Kontext anderer Werke des Künstlers und seiner Kollegen zu sehen, ist wie ein Geschenk, das eine vertiefte Wahrnehmung ermöglicht. Die felsige Landschaft, die die Figuren aus dem Idealräumen mit wertvollen Stoffen und Architekturen, gleichsam in oder vor freie Luft versetzt, verrät eine neue Auffassung des Themas sowie der Natur. Fast wirkt diese wie eine Art Vorahnung von Leonardos Landschaftsgründen. Wunderbar ist der jugendliche melancholische Gesichtsausdruck Marias, die in eleganter Kleidung ihre Zeitgenossen zum Mitempfinden ihres Schicksals und das ihres Sohnes animiert.

 

Eine erneute Steigerung der Empfindung, der emotionalen Ansprache der Gläubigen und Kunstfreunde: der Jesusknabe umschlingt mit seiner kleinen Kinderkraft den Hals der Mutter, schmiegt seine Pausbacke an ihr schmales Gesicht, blickt ruhig in Richtung des Betrachters, fühlt sich geborgen in den behütenden Händen der Madonna. Bekleidet nur mit einem halblangen Hemdchen, steigert dies das Intime des Bildes. Verschattet wird es dennoch trotz aller Kostbarkeit der mütterlichen Kleidung durch die Züge Marias, die von vorausgeahntem Leiden zeugen.

 

Fra Filippo Lippi (um 1406–1469), Maria mit Kind, um 1465, Florenz, Palazzo Medici Riccardi

Die Gesamtaufnahme der stattlichen Tafel zeigt, mit welch großem Schritt das Kind zur Mutter drängt. Die Beiden sind von einer Muschelnische aus Pietra serena, dem in Florenz so beliebten Sandstein, und Buntmarmor hinterfangen, wodurch die Lebendigkeit ihres Zusammenseins und ihrer Farben einen noblen Fond erhält.

Dieses Meisterwerk Fra Filippo Lippis schmückt heute den früheren Palast der Medici, ist neben Benozzo Gozzolis Kapelle und den barocken Deckenfresken von Pietro da Cortona der Hauptanlass sich in den ursprünglichen Lebensraum der führenden Familie in Florenz zu begeben.

 

NICHT IN DER AUSSTELLUNG:

Ich kann nicht der Versuchung widerstehen, diese Reihe von Madonnenbildern des 15.Jh. um einen Höhepunkt der Hochrenaissance zu bereichern. Und das umso mehr, als das Bild auf Dauer in der Alten Pinakothek zu sehen ist – nur ein Geschoss höher als die Ausstellung. Raffael, knapp Mitte 20, einige Zeit in Florenz und sicherlich vertraut mit den berühmten Deutungen des Themas vor ihm, befreit in diesem Ausschnitt Mutter und Kind von allem dekorativem Umfeld, stellt beide vor blauen Himmel. Noch intensiver als je zuvor wird ihr inniger Umgang das zentrale Thema. Ganz ähnlich wie bei Fra Filippo Lippi schmiegt das Jesuskind seine Wange an die der Mutter, stützt sich leicht mit angewinkeltem Arm an ihr auf, blickt mit unglaublicher Zartheit und freundlich-kindlichem Ernst zum Betrachter. Sie dagegen hat die Augen zu ihm hin geöffnet, ohne ihr Kind aus dieser Nähe sehen zu können, ist ganz beglückte mütterliche Empfindung mit Andeutung eines Lächelns. In dieser Gestalt gewordenen Mutterliebe und glücklichen Vertrautheit übertrifft Raffael alle Vorgänger, reizt zur emotionalen Anteilnahme, entzückt vor allem das 19. Jh. Große, reich geschmückte Nimben braucht er nicht mehr, um die Göttlichkeit dieser Gestalten zu vermitteln. Seine Kunst erhebt sie in der Steigerung des Menschlichen auf scheinbar leichte Weise in eine höhere Region.

 

NICHT IN DER AUSSTELLUNG:

Raffael Sanzio (1483–1520), Madonna Tempi, um 1507, München, Alte Pinakothek

20 Jahre hat König Ludwig I. von Bayern um dieses Werk gekämpft, bis die Familie Tempi im Jahr 1829 bereit war, es für einen stattlichen Betrag zu verkaufen. Es war das Lieblingsbild des romantisch gesinnten Königs, der es „mein Täubchen“ nannte.

Maria sitzt nicht, thront nicht, steht nicht. In ruhigem Gang scheint sie in einer weiten Landschaft unterwegs zu sein. Durch die Weite ihres gebauschten Umhangs kommt ihre schlanke, jugendliche Gestalt im schmalen Hochformat des Bildes besonders vorteilhaft zur Geltung. Ihr Kind präsentiert sie nicht wie eine sorgenerfüllte Madonna, sondern mit der Natürlichkeit einer glücklichen Mutter, deren ganze Aufmerksamkeit ihm allein gilt. Mit aller Natürlichkeit sitzt es auf ihrer linken Hand, mit der Rechten hält sie es zart und fest zugleich. Alles in allem: nicht nur ein Glanzstück der Münchner Sammlung, sondern eines der ausdruckvollsten Darstellungen innigster Vertrautheit von Mutter und Kind in der europäischen Kunst.

FORTSETZUNG mit den Beiträgen III bis VII.