3. November 2019

#lippiandme und #pinaflorenz

 

Anders als wissenschaftlich üblich, werde ich meistens zunächst einen Ausschnitt eines Werkes und dann erst die Gesamtaufnahme zeigen. Denn das legt ja eine solche Ausstellung nahe: man lässt sich fesseln von einem Detail, tritt dicht heran, verlockt von der Gestaltungsfähigkeit eines Künstlers.

Meine flüchtigen iPhone-Impressionen in der Ausstellung, vielfach bestimmt von den gedämpften Lichtverhältnissen, beginne ich mit einer glanzvollen Zeichnung von Fra Bartolommeo. Wie vor ihm Fra Angelico war er ein malender Mönch des Klosters San Marco.

 

Fra Bartolommeo (1472–1517), Kloster in einer Felslandschaft, um 1500, Wien, Albertina

In steiler Umgebung steht ein von Mauern umschlossenes Gebäude, links ein überdachter Brunnen. Wunderbar die temperamentvolle Führung der Feder in lebhaften sicheren Strichen und Schraffuren. Das Blatt ist auch ein Zeugnis für die verstärkte Hinwendung der florentinischen Künstler zur Landschaft, die durch das Vorbild niederländischer Maler mitgeprägt ist. Deren Bilder waren sehr beliebt bei Kaufleuten und Sammlern von Florenz, die mit den Flamen gute Geschäfte betrieben. Eine Initialzündung bedeutete die Ankunft des riesigen Portinari-Altars von Hugo van der Goes, der 1483 in Florenz eintraf (heute in den Uffizien).

Die hellen Flecken rühren von Leuchtkörpern her, die sich in der Verglasung spiegeln.

 

Bernardo Daddi (ca. 1290er Jahre–1348), Hl. Bischof mit einem Stieglitz, ca. 1335/40, München, Alte Pinakothek

Zu Beginn der Ausstellung gibt es sehr informative Angaben zu Malweisen, Bildentstehung und den Ergebnissen von jahrelangen bildtechnischen Untersuchungen. Mit geschärftem Blick begegnet man den Kunstwerken.

Hier das frühe Beispiel zur Erläuterung der Temperatechnik, die in Florenz bis weit ins 15. Jh. angewandt wurde. Der einen himmlischen Idealraum suggerierende Goldgrund wurde mit eingeritzten Linien genau von der Figur abgegrenzt und mit verschiedenen Techniken ornamental gestaltet. Bei der Figur war Ei das Bindemittel für das Anreiben der Farbpigmente. Das trocknete schnell und erforderte daher zügiges Arbeiten mit vielen feinen Strichlagen. Die Farbwirkung ist eher opak, die Robustheit groß.

Die aufkommende Ölmalerei, die ein längeres Nass-in-nass-Arbeiten und damit auch stufenlose Farbübergänge sowie Lasuren ermöglicht, wird auch veranschaulicht. Zudem geben Screenshots Aufschluss über Vorzeichnung, Übertragung der Komposition auf den Malgrund (was heute sichtbar gemacht werden kann), über Modifikationen und die Schritte zur endgültige Ausführung.

 

Ein Kind wurde geboren in einem Renaissancepalast, dessen Hof Säulenarkaden schmücken. Die Amme hält das Baby in den Armen, eine Magd trägt warmes Wasser herbei, um es zu waschen. Sechs elegante, modische gekleidete Männer bringen Geschenke.

 

Giovanni di Ser Giovanni Guidi, gen. Lo Scheggia (1406–1486), Geburtsszene, 1430–1440, Paris, Musée Jacquemart-André

Masaccios Bruder, der Scheggia (= Splitter) genannt wurde, malte das, was zwei der jungen Männer auf dem Kopf tragen: einen „desco da parto“, ein Geburtstablett. Darauf wurden Wöchnerinnen Geschenke – hier nur Veganes – dargebracht. Es handelt sich nicht um eine gewöhnliche, sondern christlich bedeutsame Geburt, denn die Taube des Hl. Geistes schwebt herab. Die Wöchnerin ist daher die hl. Elisabeth oder die hl. Anna. Beider Kinder, Johannes der Täufer bzw. Maria, wurden in Florenz besonders verehrt. Das Geschehen beobachtet eine Frau vom Balkon aus.

 

Maria erscheint wie eine Himmelskönigin, auch ohne Krone und Thron, umstrahlt von raumlosem, gleichsam heiligem Goldglanz (unter dem die rote Untermalung etwas durchscheint). Nicht ihrem Kind, das mit Umarmung und zärtlichem Gesichtsausdruck die Nähe der Mutter sucht, gilt ihre Aufmerksamkeit, sondern dem Gläubigen, der sich vor dem kleinen, erlesenen Andachtsbild ihr zuwendet.

 

Lorenzo Monaco (1365/70–1423/24), Maria mit Kind, datiert 1407, Staatsgalerie Stuttgart

Lorenzo Monaco, ein malender Mönch, der den Übergang vom „Weichen Stil“ des ausklingenden 14. Jh. zur Frührenaissance markiert, zeigt in diesem Andachtsbild den Typus der Madonna dell‘ Umiltà: eine Madonna der Bescheidenheit oder Demut. Dementsprechend sitzt sie auf untergezogenem Bein nur auf einem Kissen am Boden. Exquisite Farbigkeit und die Pracht der fließenden, melodischen Faltenbewegungen geben dem kleinen Werk einen fast juwelenartigen Charakter.

 

NICHT IN DER AUSSTELLUNG:

Eine leidenschaftliche Federskizze, die einen Blick zwischen felsigen Hängen hinab auf ein Tal mit Flusslauf, Feldern und fernen Hügel zeigt. Es handelt sich um ein Detail der ersten uns bekannten reinen Landschaftszeichnung der europäischen Kunst. Geschaffen hat sie der 21jährige Leonardo da Vinci im Jahr 1473.

Die Aufnahme entstand im Juni 2016 bei einem privaten Besuch des Gabinetto dei Disegni der Uffizien. Einem Freundeskreis wurden Werke von Leonardo, Michelangelo, Raffael, Tizian, Dürer u. a. präsentiert. Außerdem ging es um die Restaurierung der Anbetung der Könige und andere Hauptwerke Leonardos, die genauso aus allernächster Nähe in Ruhe betrachtet und sogar fotografiert werden durften. Unvergessliche Kunsterlebnisse sind das.

 

NICHT IN DER AUSSTELLUNG:

Dieses weltberühmte Blatt des genialen und vielseitigsten Künstlers aller Zeiten hätte auch  in München „bella figura“ gemacht. Doch es darf nie verliehen werden. Deshalb präsentiere ich es hier.

Wer solche und viele andere nicht leicht zugänglichen Kunstwerke, Orte und Plätze in Florenz und Umgebung sowie ihre Erforschung kennenlernen möchte, findet den geeigneten Freundeskreis dazu im:

VEREIN ZUR FÖRDERUNG DES KUNSTHISTORISCHEN INSTITUTS IN FLORENZ (MAX-PLANCK-INSTITUT) e. V.

Das Institut wurde 1897 gegründet, im Jahr darauf der genannte Verein, der 2018 sein 120jähriges Bestehen feierte. An dem Institut verbrachte ich Ausbildungs- und erste Berufsjahre. Seit 1989 gehöre ich dem Vorstand des Vereins an.

Anlass für meinen Ausstellungsbesuch war die Mitgliederversammlung des Vereins in München. Dabei wurde ein neuer Vorsitzender gewählt und zwar Dr. Andreas Schumacher. Er ist der Veranstalter dieser famosen Schau und zugleich der jüngste Vorsitzende des Vereins im Verlauf von 120 Jahren. Wir hoffen durch diesen Generationswechsel auf viele neue Mitglieder. Diese erhalten für einen bescheidenen Jahresbeitrag (50 bzw. als Paar 65 €) nicht nur jährlich drei Forschungsbände im Umfang von gut 400 Seiten. Sie können auch an zwischen München und der Toskana wechselnden Veranstaltungen teilnehmen. Bei Rückfragen: bitte sich an Dr. Schumacher, Alte Pinakothek, oder mich wenden.

FORTSETZUNG mit den Beiträgen II bis VII.