Blick über das Loisach-Kochelsee-Moor nach Süden gegen Herzogstand und Heimgarten. 

20 Jahre nach meiner Ausstellung „Franz Marc – Pferde“ in der Staatsgalerie Stuttgart kommt es zu einem Wiedersehen im Blauen Land. Dieser Name für die großartige Region nördlich von Kochel am See stammt von dem Maler Franz Marc (1880-1916).

Marc siedelt 1909 endgültig aus München nach Sindelsdorf um. Der winzige Ort liegt nordwestlich von Kochel am Rand des heute unter Naturschutz stehenden Niedermoors. Marc wohnt im Haus eines Schreiners, malt auch auf den Weiden. Hier findet er seinenkünstlerischen Weg. Es gelingen ihm weltbekannt gewordene Bilder von Pferden, von blauen, roten, gelben oder grünen, z. B. die Kleinen blauen Pferde von 1911, Sammlung und Foto Staatsgalerie Stuttgart. Im Austausch mit dem Freund Wassily Kandinsky (1866-1944), der im benachbarten Murnau lebt, entsteht im Blauen Land auch der Blaue Reiter.

Nach mühsamen Anfängen findet Marc wachsende Anerkennung. Die Verhältnisse in Sindelsdorf sind nicht mehr befriedigend. Im Tausch gegen sein Elternhaus in Pasing erwirbt er im April 1914 dieses Haus am Rand von Ried, einem Örtchen südlich von Benediktbeuern. Das Glück scheint vollkommen. Doch meldet sich Marc wie zahllose Zeitgenossen bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs Anfang August 1914 sofort als Freiwilliger. Sein Freund August Macke (1887-1914) fällt bereits am 26. September. Marc stirbt bei einem Erkundungsritt am 4. März 1916 in der Nähe von Verdun.

Marcs Haus, in dem er nur gut ein Vierteljahr lebt und das er nach Kriegsbeginn lediglich wenige Mal besuchen kann, wird 2009 von den Erben seiner Witwe an eine Familie verkauft, auf deren Hof wir früher Ferien verbrachten. Gastlich ist die Aufnahme bei unserem Überraschungsbesuch, traurig aber in Erinnerung an Franz Marc.

Franz Marcs Blick in Richtung Süden auf Jochberg und Herzogstand. Unwillkürlich stellt sich die Frage: was hätte wohl ein längeres Leben Marcs für die Entwicklung der Kunst des 20. Jahrhunderts bedeutet?! Ein Frage, die auch andere Frühverstorbene wie Masaccio, Raffael, Mozart, Kleist auslösen. Oder: was wäre, wenn Goethe im Alter von Marc in Italien den Todgefunden hätte? – Wir wüssten nichts von Faust I und II, nichts von Wilhelm Meister, derFreundschaft mit Schiller, den Wahlverwandtschaften, dem West-östlichen Divan usw.

Früher Abend im Blauen Land: Kinder blicken über das Moor auf Herzogstand und Heimgarten jenseits des Kochelsees.

Ein morgendlicher Moment um 5:30 Uhr. Kein Wunder, dass Marc als Freund klarer Farben sich hier wohl fühlt.

Fast zwangsläufig stellt sich in dieser Landschaft nicht nur Kinder-, sondern Familienglück ein: hier auf dem Walchensee bei Gegenwind und der mühsamen Rückkehr im Tretboot nach Urfeld, wo das faszinierende Spätwerk von Lovis Corinth (1858-1925) entsteht.

Abschied vom Blauen Land am letzten Abend mit Blick über das Moorgebiet gegen Westen.