Rückblick auf Juni 2011: Damals überraschte mich die Darstellung so, dass ich sie im Foto festhielt (wenn auch nicht mit so guter Kamera wie heute). Am 16. Mai 2020 präsentierte ich sie mit Fragezeichen bei Facebook – ein Kommentar erkannte die Restaurierungssituation.

Das Thema ist kein MeToo-Problem. Vielmehr formt laut Ovids Metamorphosen (X, 243-321) der zyprische Bildhauer Pygmalion eine wunderschöne Gestalt „wie keine Frau auf Erden sie haben kann, und verliebt sich in sein eigenes Geschöpf.“ Und zwar so sehr, dass er sie liebkost, küsst und als seine Gemahlin ansieht. Venus erhört an ihrem Festtag das Flehen Pygmalions und schenkt seiner Skulptur Leben. Neun Monate später gebiert sie Paphos.

Der Ort der Malerei: das kleine Schloss Bussy-Rabutin in Burgund. Der gebildete und unverfrorene Schlossherr Roger de Bussy-Rabutin (1618-1693) ist erfolgreich am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV.. Das endet 1665 mit seiner Schrift „Histoire amoureuse des Gaules“, die skandalöse Liebesaffären bei Hofe aufdeckt. Er macht sich damit so unbeliebt, dass er für 17 Jahre auf seinen burgundischen Landsitz verbannt wird.

Bussy-Rabutin, kein Kind von Traurigkeit, ist nicht untätig während der Verbannung. Die vermisste Welt des Hofes holt er sich mit 300 Porträts zeitgenössischer Persönlichkeiten in sein Schlösschen. Zugleich lässt er sich Geschichten aller Art malen, die er, wie auch die Bildnisse an den Wänden, vielfach kommentiert. Bei unserem Ausgangsmotiv beginnt das mit: TOUT LE MONDE EN AMOUR …

Hier sieht man an den Türen eines Wandschranks von den zahlreichen mythologischen Szenen einen Kentaurenkampf und Herkules , der den nemeischen Löwen erwürgt.

Zwischen zwei Fenstern Hofdamen über Phaeton, einen Sohn Apolls, der nicht die wilden Pferde des Sonnenwagens zu lenken weiß und vom Himmel stürzt. – Übrigens kein sonderlich guter Gedanke, ein Auto nach diesem Unglücksraben zu benennen. Die Szene rechts zeigt Europa, die sich guter Dinge von einem weißen Stier, in den sich Jupiter verwandelt hat, übers Meer tragen lässt.

Wiederum hochrangige Hofdamen, links über der traurigen Geschichte von Cephalus und Prokris sowie rechts über  Pygmalion.

Der nicht sonderlich begabte Künstler hält sich genau an Ovid. Er malt den Bildhauer, der seine Skulptur mit der Rechten an der Schulter fasst und mit der Linken ihre Brust berührt. Ovid: „Oft legt er prüfend die Hände an das Geschöpf, ob es Fleisch und Blut sei oder Elfenbein … Er redet mit dem Bild, er hält es im Arm …“

Diese Textnähe erscheint  einer prüden späteren Besitzerin des Schlösschen unpassend und manches der Szene wird übermalt. Nach begonnener Restaurierung nun das Dilemma: was soll gelten? Die Erstfassung oder die auch schon jahrhundertalte Übermalung, die Pygmalion nur Erstaunen, nicht aber Berührung zubilligt. – Das Zwiespältige des derzeitigen Bildzustands spiegelt gewissermaßen auch unsere Zeit, die zwischen Freizügigkeit und prüder Correctness schwankt.

PS: Die Erzählung Ovids bleibt so im Bewußtsein, dass Goethe in seiner Italienischen Reise am 1. November 1786 nach der belebenden ersten Begegnung mit Rom, das ihm bis dato nur aus bildlichen und schriftlichen Darstellungen bekannt war, schreibt:

„Da Pygmalions Elise, die er sich ganz nach seinen Wünschen geformt und ihr so viel Wahrheit und Dasein gegeben hatte, als der Künstler vermag, endlich auf ihn zukam und sagte: Ich bin‘s ! Wie anders war die Lebendige als der gebildete Stein.“