Toulouse-Lautrec – eigentlich Henri Marie Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa (Albi 1864-1901 Schloss Malromé, Gironde) – entstammt dem uralten Adelsgeschlecht der Grafen von Toulouse. Verwandtschaftsehen seiner Vorfahren und Eltern begründen wohl seine Erbkrankheit und kleinen Wuchs (1,52 cm).

Während langer Liegekuren als Jugendlicher begann er zu zeichnen. Mit 17 entschied er sich für den Künstlerberuf. Er zog an den Montmartre, wurde Chronist der Bohème, von Zirkus, Kabarett und Halbwelt, tauchte in all diese Milieus ein und lebte darin akzeptiert als einer der ihren. Dünkel seines Standes war ihm fremd.

Weiblicher Akt, 1884, Wuppertal, Von der Heydt Museum

Die umfangreiche Ausstellung „Toulouse-Lautrec, résolument moderne“ (= „TL, entschieden modern“) startet mit diesem frühen Hauptwerk. Es zeigt Suzanne Valadon (1865-1938), die spätere erfolgreiche Malerin, die in ihrer Jugend vielfach als Modell tätig war. TL zeigt seine Geliebte ohne Beschönigung, ohne Verklärung, fast brutal nüchtern. Masken deuten auf erstes Interesse an japanischer Kunst.

Vincent van Gogh, 1887, Amsterdam, Van Gogh Museum

TL lernte van Gogh (1853-98) über den gemeinsamen, wenig bedeutenden Lehrer Fernand Cormon (1845-1924) kennen. Er hält den älteren Freund mit seinem markanten Profil in einer Kneipe fest, vor einem Absinthglas, nicht lange vor dessen Aufbruch nach Arles.

Die Kunstreiterin im Zirkus Fernando, 1887-88, The Art Institute of Chicago

Ein packendes Gemälde, das TL als sein bestes ansah. Es lässt den großen künftigen Plakatkünstler vorausahnen. Ein rücksichtsloser Dresseur peitscht einen kräftigen Hengst durch die Manege, auf dem sich die rothaarige Reiterin angespannt hält. Auch ein schwankender Clown bringt das spärliche Publikum nicht zum Applaus. Glanzvoll die Darstellung, glanzlos die Stimmung.

Gueule du bois (Katerstimmung, auch: Trinkerin), 1887-88, Albi, Musée Toulouse-Lautrec 

Als Modell diente Suzanne Valadon. Ein Werk aus dem Museum von Albi mit dem größten Bestand von Werken TLs. Dieser geht auf seine Mutter, Gräfin Adèle Tapié de Céleyran, zurück, die den Sohn um 29 Jahre überlebte. 

Ähnlich mitgenommene Gestalten sollte der junge Picasso darstellen.

Boulevard extérieur (À Montrouge – Rosa La Rouge), 1889, Paris, Privatbesitz

Trostlosigkeit des Straßenstrichs beim Warten auf Freier – in der Tat, wie der Untertitel der Ausstellung sagt: résolument moderne = entschieden modern. Das Modell ist die von TL in vielen Rollen dargestellte Carmen Gaudin, berühmt wegen ihrer flammend roten Haare.

Rousse  (La Toilette), 1889, Paris, Musée d‘Orsay

TLs Vorliebe für Rothaarige und seine Bewunderung von Degas‘ Szenen sich waschender Frauen zeigt sich deutlich. Er gestaltet eine Ateliersituation von ungewohnter Tiefenräumlichkeit mit halb zeichnerischer, halb malerischer Verve. Wieder ist die schlanke Carmen Gaudin sein Modell.

Moulin Rouge. La Goulue et Valentin le Désossé, 1891, Albi, Musée Toulouse-Lautrec

Großer und großartiger Entwurf für das berühmte Plakat. Dargestellt sind vorne Valentin der Knochenlose = Étienne Renaudin (1843-1907) fast wie ein Schattenriss und inmitten eines Kreises schattenhafter Bewunderer die hinreißende Cancan-Tänzerin Louise Weber (1866-1929), weltbekannt als La Goulue = die Gefräßige, eine der Glanzfiguren des Moulin Rouge, Königin der Quadrille. Beim provokanten Wirbel ihrer Bewegungen ließ sie sich reichlich unter die Röcke schauen und konnte auch mit einer grazilen Fußbewegung den Hut eines Kavaliers erobern. TL sagt über sie: Sie hat eine Aufrichtigkeit, die man bei keiner anderen findet; mal fröhlich, mal schüchtern, mal kühn oder katzenhaft graziös, geschmeidig wie ein Handschuh.

Königin der Freude, 1892, Albi, Musée Toulouse-Lautrec

Das große Plakat zeigt auf fast satirische Weise, wie ein greiser, aus der Form gehender Freier von einer jungen Frau kokett auf die Nase geküsst wird, während ein blasierter Frackträger unbeteiligt daneben sitzt. Weniges genügt TL um das Milieu anzudeuten: eine noble Stuhllehne, eine Weinkaraffe, gutes Besteck, ein Teller mit Wappen, Fräcke. Dazwischen das Rot einer leichten Bekleidung, ein modisches Halsband und ein Löckchen auf der Stirn. 

Für Neugierige: die Lithographie erschien zu dem Buch des polnischen Autors Victor Joze, das den Untertitel trägt: Moeurs du Demi-Monde = Sitten der Halbwelt. Dargestellt ist die literarische Figur einer jungen Kurtisane, die gegen viel Geld in der Öffentlichkeit die Geliebte eines alten Bankers spielt, ohne das zu sein.

Im Bett, um 1892, Paris, Musée d‘Orsay

TL tauchte mehr und mehr in die Welt seiner Gestalten ein. Schließlich wohnte er monatelang in Bordellen und  hielt dort fest, was er sah. Seine Offenheit in jeder Richtung machte ihn zum einfühlsamen Zeugen allen Geschehens. Niemand scheute seinen Blick. So taucht auch das Thema von Homosexualität auf, hier am Beispiel zweier unausgeschlafener, in keiner Weise ansehnlicher Frauen. TL zeigt alltägliches, ungeschöntes Leben – verwandelt in meisterhafte Kunstwerke.

Ces Dames au réfectoire, 1893-95, Budapest, Szépmüvészeti Múzeum

Drei „Damen“ warten und stärken sich in einem kargen Pausenzimmer, dessen Spiegel noch eine vierte Frau zeigt: Alltag und Langeweile im Bordell. Um Sex geht es hier nicht, alle sind in halshohe Hausmäntel gehüllt. Schal wirkt das Leben dieser Liebesdienerinnen.

Au Salon de la rue des Moulins, 1894, Albi, Musée Toulouse-Lautrec

Etwas aufreizender als im Ruheraum präsentieren sich hier die „Damen“ in der etwas schäbigen Pracht des Salons eines Bordells. Jung und voller Elan sind sie nicht. Das Warten auf Freier ist dröge. Unglaublich, wie TL diese triste Situation und die Akteurinnen mit Würde erfüllt.

Frau, sich einen Strumpf anziehend, 1894, Albi, Musée Toulouse-Lautrec

Die intime Ölskizze einer Rothaarigen entstammt vermutlich dem Bordellmilieu.

Jane Avril Jardin de Paris, 1893, Chaumont, Le Signe, Centre National de Graphisme

Jane Avril (1868-1943), nach schwerer Kindheit und Zeiten in einer Nervenklinik, begann mit 16 zu tanzen. Sie wurde neben und nach der Goulue eine der großen Cancan-Berühmtheiten des Moulin Rouge. Genannt auch Mélenite (selbst entzündlicher Sprengstoff), liebte sie den Einzelauftritt, rothaarig, stets mit aufwendigen Hüten und starkfarbiger Kleidung. TL stellte sie in vielen Situationen dar. In diesem Plakat mit einer rahmenden Einfassung, die sich rankenartig aus dem Kontrabass entwickelt – eine Gestaltung, die dem Jugendstil den Weg ebnet.

Yvette Guilbert, 1894, Albi, Musée Toulouse-Lautrec

Plakatentwurf für die Chansonette und Schauspielerin (1865-1944), die TL seit 1890 aus dem Divan Japonais, einem Kabarett des Montmartre, kannte. Rothaarig, hager, mit spitziger Nase, nicht direkt schön, aber schön schräg, elegant gekleidet, tief dekolletiert, mit langen schwarzen Handschuhen, war Yvette Guilbert dank ihres lustigen und schlüpfrigen Sprechgesangs eine Glanzfigur der Pariser Bohème. So feierte sie auch TL.

Yvette Guilbert singt „Linger, Longer, Loo“, 1894, Moskau, Puschkin-Museum

In der wunderbaren Skizze ist die ganze Lebenslust und der Esprit der Belle Époque verkörpert, die Freude am Sehen und Gesehen werden.  Yvette Guilbert trägt einen populären Song des Jahres 1893 vor, Text von Willie Young, Musik von Sidney Jones.

À la Renaissance: Sarah Bernhardt dans „Phèdre“, Paris, 1893, Bibliothèque Nationale de France

Sarah Bernhardt (1844-1923), die bedeutendste Schauspielerin ihrer Epoche und ein Weltstar dank ihrer Tourneen, ist hier in ihrer triumphalen Interpretation der „Phädra“ von Jean Racine zu sehen. Es handelt sich wohl um eine Szene mit ihrer Amme, in der es um die Liebe zu ihrem Stiefsohn Hippolithus geht. Die augenrollende Bernhardt, bewundert wegen ihrer Stimme, ihres Temperaments, ihrer überschwänglichen Deklamation, scheint damit auch TL besonders beeindruckt zu haben. 

Sarah Bernhardt in „Phèdre“ au théâtre de la Renaissance, 1895, Paris, Musée d‘Orsay

Zwei Jahre später ist TL erneut im Renaissance-Theater, das Bernhardt selbst leitete, und hält dort mit leichten Federstrichen die Aura der großen Tragödin fest.

Tanz im Moulin Rouge (auch: La Goulue et Valentin le Désossé), 1895, Paris, Musée d‘Orsay

Die uns bereits bekannte Goulue kaufte 1895 auf dem Foire du Trône eine Jahrmarktsbude. TL malte ihr für die linke Eingangswand eine große Szene vergangener Tage. La Goulue ist im Begriff ihre Röcke in die Höhe zu werfen, ihr zur Seite der „knochenlose“ Partner. Hinter ihr die Tänzerin Jane Avril, rechts oben der beleibte Dirigent Louis Dufour. Man spürt geradezu die Dynamik der Bewegungen, die rauschartige Stimmung im hellen Licht zahlloser moderner Lampen.

La Danse mauresque, auch: Les Almées, 1895, Paris, Musée d‘Orsay

Auf der rechten Zugangsseite der Jahrmarktsbude zeigt TL die aktuelle Aktivität der Goulue: alte maurische Tänze im Stil der osmanischen Almäen. Die Tänzerin im Profil wirft ihr rechtes Bein hoch, hell beleuchtet, hinten links Albert Tinchant,  furioser Pianist des berühmten Kabaretts und Nachtclubs Le Chat Noir auf dem Montmartre, rechts ein orientalisches Musikerpaar. Rückenfiguren verfolgen das Geschehen: von links Gabriel Tapié de Céleyran, Arzt und schlaksiger Cousin von TL, daneben breit Oscar Wilde, in der Mitte Jane Avril, TL klein daneben und Félix Fénéon, der bekannte Anarchist, Kunstkritiker und Bewunderer TLs. Wie das Pendant eine spritzige Verbildlichung der pulsierenden Pariser Nachtwelt.

Frau im Profil (Madame Lucy), 1896, Paris, Musée d‘Orsay

Zur Zeit der Serie „Elles“, mit der TL die Facetten des ihm so vertrauten Dirnenlebens schilderte, entstand auch diese großartige Ölskizze. Nur das bleiche Gesicht ist ausgeführt. Das Übrige sind flackernde Pinselstriche. Großer Auftritt, pompöse Kleidung, eine Kopfbedeckung als Ereignis – alles passt zum glanzvollen Schein der Halbwelt am Montmartre, in der TL zwar ein zu kleiner Mann, zugleich aber ein ganz großer, von allen anerkannter Künstler war.

Conquête de passage, 1896, Toulouse, Musée des Augustins

20 Jahre nach Manets Skandalbild „Nana“ (Hamburger Kunsthalle) stellt TL ein entsprechendes Figurenpaar dar. Nun steht da aber nicht mehr eine bildschöne junge Frau, die den Betrachter keck anblickt, sondern eine halbentkleidete, stattliche Prostituierte ist von hinten zu sehen. Bei der „Conquête = Eroberung“ wartet der Freier auf weitere Entblößung. TL präsentiert in dieser Studie für ein Hauptblatt der weltberühmten Mappe „Elles“ das Prostituiertenleben mit nüchternem Blick, doch mit sicheren Strichen als Kunstwerk höchsten Ranges. Dabei durften sich die Dirnen von ihm verstanden und akzeptiert fühlen.

Romain Coolus, 1899, Albi, Musée Toulouse-Lautrec

Die Porträtskizze zeigt, welch ein Meister TL auch in diesem Genre war. Der Dargestellte ist René Max Weill (1868-1952), ein Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor, der obiges Pseudonym benutzte.

Messalina steigt die Treppe hinab (L‘Opéra „Messaline“ à Bordeaux), 1900-01, Los Angeles, County Museum of Art, LACMA

TLs letztes Gemälde in der Ausstellung hat eine um 1900 erfolgreiche Oper zum Thema: die spätantike, nymphomanische Kaiserin Messalina, durch die zwei Brüder den Tod finden, ist ein Werk von Isidore de Lara (eigentlich: Isidore Cohen, 1858-1935). In schreiendem Rot schreitet Messalina hoheitsvoll zu ihrem neuen Liebhaber hinab. Der Gladiator Hélion wird seinen Bruder erschlagen und sich dann den Löwen zum Fraß vorwerfen.

Henri de Toulouse-Lautrec endete weniger melodramatisch. Bereits 1899 gesundheitlich schwer angeschlagen, ausgezehrt von Alkohol, exzessiver Lebensweise und Syphilis, starb er 1901 auf dem Schloss seiner Mutter bei Albi. 

Grand Palais – großer Andrang bei „Toulouse-Lautrec, résolument moderne“ auch noch am späten Nachmittag