13. November 2019

Was für ein Wiedersehen im Grand-Palais! Mit etwa 17 Jahren nahmen wir im Gymnasium Schiller durch. Zu Don Carlos präsentierte uns der Deutschlehrer die Novelle „El Greco malt den Großinquisitor“ von Stefan Andres (1903-70). Die beiden Werke und schlechte SW-Fotos waren die Basis für einen „Besinnungsaufsatz“. Wie mein Text war, erinnere ich nicht, aber mein Grübeln über das Bild. 

Damals wusste ich nichts von Verdis Don Carlos nach Schiller, den wir im letzten Jahr in der Opéra Bastille erlebten und vor wenigen Tagen in Stuttgart. Übertroffen werden diese Deutungen noch von Peter Steins Salzburger Inszenierung von 2013 im TV. Mit Verdis großartig schrecklichem Großinquisitor im Ohr, vor dem selbst König Philipp II. einbricht, hätte ich gewiss für dieses Gemälde in meinen Jugendtagen ein ganz anderes Verständnis gezeigt. 

Christus treibt die Händler aus dem Tempel, um 1575, Minneapolis Institute of Art

Domínikos Theotokópoulos, genannt El Greco (Kreta 1541-1614 Toledo), war Grieche, als Künstler weitergebildet ab 1567 in Venedig und 1570 in Rom. Seit 1576 lebte er in Toledo. Geprägt von verschiedenartigen Kulturen, entwickelt er in Spanien seinen einzigartigen Stil, der ihn zu einem späten Vollender der Renaissance und Repräsentanten des spanischen Manierismus macht. Bald vergessen, wird er in der Moderne wiederentdeckt. Besonders beim jungen Picasso und bei Francis Bacon hinterlässt das nachhaltige Spuren.

In diesem fulminanten Frühwerk, in Rom gemalt, sich an Tizian und Tintoretto orientierend, zollt Greco seinen Vorbildern Tribut. Unten rechts huldigt er Tizian, Michelangelo, Giulio Clovio und wohl Raffael. 

Christus treibt die Händler aus dem Tempel, um 1600, London, The National Gallery

In seiner Spätzeit greift Greco die römische Komposition nochmals auf und steigert ihre Wirkung enorm durch den Verzicht auf Randszenen.

Himmelfahrt Mariens, 1577-79, The Art Institute of Chicago

Da in Italien der gewünschte Erfolg sich nicht recht einstellte, ging Greco nach Spanien. Eines seiner ersten Hauptwerke in Toledo, der damals führenden Stadt, ist das riesige Altarbild von Santo Domingo de Antiguo. Damit präsentiert er sich als ein Meister in furioser Komposition und raffinierter Farbigkeit.

Ein Blick in die Ausstellung des Grand Palais zeigt die Dimension der „Himmelfahrt“.

Anbetung des Namens Jesu (auch: Traum Philipps II.), um 1578-79, Real Monasterio de San Lorenzo de El Escorial

Engelscharen auf den sich öffnenden Wolken umkreisen anbetend den Namen Jesu (in der üblichen Schreibweise: IHS). Die untere Bildhälfte ähnelt einem Jüngsten Gericht. Die Frommen beten bis in die Ferne den Namen an. Die Ungläubigen landen rechts im Höllenrachen oder in der Mitte im Blutstrom. Zwischen hohen Klerikern kniet König Philipp II. (1527-98), der unerbittliche Kämpfer für die katholische Kirche und Unterstützer der Gegenreformation. Ihm scheint das Bild nicht behagt zu haben. Greco erhielt noch einen einzigen Auftrag vom König und danach keinen mehr.

Hl. Veronica, um 1580, Toledo, Museo de Santa Cruz

Die Heilige präsentiert das Tuch, mit dem sie Christi Schweiß während der Kreuztragung abwischte. Darauf soll sich das Vera Icon, das wahre Bild Christi abgezeichnet haben. Greco veranschaulicht mit seiner Malkunst ein Wunder des Glaubens durch die Heilige, die ihren Namen danach erhielt.

Entkleidung Christi (El Expolio), um 1579-80, National Trust Collections, Upton House, The Bearsted Collection

Ein Beispiel für die häufige Wiederholung eigener Kompositionen, mit der Greco die Nachfrage nach seiner Kunst oftmals befriedigte. Vor dem Gedränge auf Golgatha steht Christus, leidensbereit, sein Gewand ein koloristisches Fanal. Neben ihm der römische Hauptmann, den das Erlebnis der Kreuzigung bekehren sollte – gewiss das Porträt eines Zeitgenossen, vielleicht der Auftraggeber. Vorne wird das Martyrium vorbereitet, was die Marien betreten betrachten.

Die Fabel, um 1585, 8th Earl of Harewood, Harewood House Trust

Wohl ein moralisierender Stoff: so wie das Wachs sich leicht entzündet, wäre das auch bei den Leidenschaften möglich. Noch liegt der Affe an der Kette, das Tierische könnte sich aber auch frei ausleben. Vermutlich ein Thema ganz im Sinne der Gegenreformation.

Saint Louis und sein Page, 1585-90, Paris, Louvre

Der tief religiöse König Ludwig IX. von Frankreich (1214-70), gestorben bei seinem 2. Kreuzzug in Karthago, wurde bereits 1297 heilig gesprochen. Besonders auch in Spanien verehrt als Sohn der Bianca von Kastilien, erscheint er hier als hoheitsvoller Herrscher in prachtvoller Renaissancerüstung, noch gesteigert in der Wirkung durch Säule und dramatischen Himmel. Seine individuellen Züge könnten die eines Zeitgenossen Grecos sein, der vielleicht Luis hieß.

Christus im Garten Gethsemane, um 1590, Toledo (Ohio), Toledo Museum of Art

In wild dramatischer Landschaft und Nacht bittet Christus, dass der Kelch, den ihm ein halb von hinten gesehener Engel bringt, an ihm vorrübergehen möge. Entgegen ihrer Zusage schlafen seine Jünger und in der Ferne führt Judas bereits die Schergen heran.

Hl. Petrus, um 1595-1600, Washington, The Philips Collection

Der im vorangehenden Bild Christus verratende Jünger erscheint hier wie oft als großer Büßender – wie ein Pendant zur Büßerin Maria Magdalena, die im Hintergrund mit ihrem Schminkgefäß (Sinnbild der Eitelkeit) skizziert ist. Ein Beispiel für Grecos beliebte Heiligendarstellungen und die spanische schuldbewusste Frömmigkeit, die die Gegenreformation schürte. 

Hl. Martin und der Bettler, 1597-1600, Washington, National Gallery of Art

Titelmotiv der Pariser Ausstellung. Das prachtvolle, große Bild zeigt Martin von Tour, der als römischer Soldat seinen Mantel mit einem Bettler teilt. In dem schlanken Hochformat ist dieser aber kein Elender wie üblich, sondern eine schöne Gestalt nach Grecos Gusto, ausgeraubt und mit verletztem Bein. Martin erscheint hoch zu Ross über der fernen Kulisse von Toledo als  gleichaltriger jugendlicher Höfling der Zeit Philipps II. 

Kardinal Ferdinando Nińo de Guevara, um 1600, New York, The Metropolitan Museum of Art

Der Kardinal (1541-1609), gleichalt mit Greco, zeigt sich als ein Mann von Macht. Ganzfigurig wie bei Papstbildnissen, wirkt  er jedoch in seiner prachtvollen Robe fast wie verborgen. Dünn scheint er zu sein, die  Hände sind hager, die Linke umkrallt die Armlehne. Der Blick ist nicht auf den Betrachter gerichtet, geht vielmehr hinter der damals neuartigen Bügelbrille etwas lauernd zur Seite. Kühle und Distanz umgibt die Figur. Die Unerbittlichkeit seines Tuns als Großinquisitor von 1599-1602 ist zu ahnen, ebenso Schrecken und eiserner Wille. Ein großes Meisterwerk im Schaffen Grecos und der europäischen Porträtkunst. 

Die Öffnung des 5. Siegels, auch: Vision des Hl. Johannes, 1610-14, New York, The Metropolitan Museum of Art

Die Szene aus der Apokalypse des Johannes, bei Grecos Tod unvollendet, war ursprünglich ca. 4 m hoch, wurde oben um 175 cm, links um 20 cm beschnitten. In diesem rätselhaften Spätwerk mit der großartigen deklamatorischen Gestik des Johannes erinnert sich Greco an seine römische Auseinandersetzung mit Michelangelos Nackten der Sixtinischen Decke. Hinterfangen von gelben und grünen Tüchern, könnten die zwei stehenden Paare und die drei Knienden in Beziehung zum Jüngsten Gericht stehen. Ein großartiges Fragment, das um 1900 ein starkes Echo in Paris auslöste, besonders in Picassos „Demoiselles d‘Avignon“ und in Delaunays „La Ville de Paris“.