6. November 2019

Blickt uns diese junge Frau nicht wie eine kritisch-aufmerksame, selbstbewusste Zeitgenossin an? Sie wurde aber bereits vor gut 520 Jahren gemalt und ist dennoch von einer unerhörten Präsenz. Wohl deshalb hat man sie als Titelmotiv für die Pariser Ausstellung gewählt.

Leonardo, geboren 1452 in dem Örtchen Vinci bei Florenz, gestorben 1519 in Amboise an der Loire, verbrachte von 1516 an seine letzten Jahre auf Einladung von König François I. in Frankreich. Dorthin nahm er auch drei Gemälde mit, darunter „Mona Lisa“, und viele Zeichnungen. Dieser Bestand gelangte in den Louvre, der damit die größte Sammlung seiner Werke hütet. Anlässlich von Leonardos 500. Todesjahr findet nun auch im Louvre seine bisher umfangreichste Ausstellung statt. 

Vorbereitet in zehn Jahren, bietet die Schau vor allem eine unerhörte Fülle sonst fast nie sichtbarer zeichnerischer Meisterwerke. Die Auswahl an Gemälden musste geringer sein, da viele Tafelbilder aus konservatorischen Gründen niemals transportiert werden dürfen. Von diesen sind Schlüsselwerke in originalgroßen Infrarotaufnahmen im Louvre zu sehen.

Meine Bildauswahl ist vielfach davon bestimmt, in wieweit es Spiegelungen vom Deckenlicht auf den Werken gibt. Falls das vereinzelt auf den Fotos festzustellen ist, wurde es nicht korrigiert. Denn Wiedergaben von Leonardo dürfen nicht durch Bildbearbeitung „verbessert“ werden. Mein kleines, für dieses Medium aber umfangreiches Werkensemble wird etwas erweitert durch Fotos, die ich jüngst in Florenz machen konnte. 

Liebe Betrachter, im vorliegenden Medium präsentiere ich eine Bilderfolge von unerhörtem Anspruch, obgleich das mehr als unüblich ist. Schöne Naturaufnahmen werden allseits geschätzt, Werke der Kunst tauchen daneben nur selten auf. Ich denke aber, warum sollte man nicht diesen Ort nutzen, um künstlerisch Außerordentliches vielen Menschen vor Augen zu stellen. Die Meisterwerke mögen Lust machen, sich auch verstärkt der Kunst zuzuwenden. 

Landschaft im Tal des Arno, 5. August 1473, Florenz, Gabinetto Disegni e Stampe degli Uffizi, Foto 2016, ohne Verglasung 

Es handelt sich um die erste freie Landschaftsdarstellung der europäischen Kunst, ausgeführt vom 21jährigen Leonardo wohl in der Nähe seines Geburtsortes Vinci. Landschaftsweite, Bergzüge und Felsen sowie die Wasserstürze werden lebenslang Elemente von Leonardos Kunst bleiben.

Detail vom Vorigen.

Der Linkshänder Leonardo schreibt rätselhafter Weise alles immer spiegelverkehrt. Dieses wohl auch für ihn ganz besondere Blatt datiert er genau (Spiegel zur Hand nehmen): „addj 5 daghossto 1473“.

Andrea del Verrocchio und Leonardo, Taufe Christi, um 1468-78, Florenz, Uffizien (nicht in Paris gezeigt), Foto 2017

Leonardo wurde in Florenz Schüler des hochangesehenen Bildhauers und Malers Andrea del Verrocchio (um 1435-88). An dessen „Taufe Christi“ ist er beteiligt. Mit dem rechten Engel malt Verrocchio in Tempera ein wunderbares Frührenaissance-Gesicht mit frommem Augenaufschlag. Der junge Leonardo aber überbietet mit seiner Ölmalerei den Meister sofort in Zeichnung, Farbe, Faltengebung und Ausdruck. Die Leichtigkeit des Anfängers deprimiert den Älteren. Ähnlich bitter ist es manchem Lehrer geworden, wenn junge Genies sie überflügelten. Bei diesen denke ich an Giotto, Masaccio, Michelangelo oder Raffael, die allesamt bereits in früher Jugend ihre Umwelt sprachlos machten.

Gewandstudie Saint-Morys, 1475-82, Paris, Louvre

Benannt nach einem Vorbesitzer, ist diese Studie ein berühmtes Beispiel für die Praxis in Verrocchios Werkstatt, Körperteile in Ton oder Wachs nachzubilden, um sie mit lehmgetränkten Tüchern zu verhüllen. Das erlaubte genaueste Drapierung und bleibende Form. Licht- und Schattenstudien waren in Ruhe möglich. Aber keiner erreichte dabei Leonardos Meisterschaft.

Verkündigung an Maria, um 1470-75, Florenz, Uffizien (nicht in Paris gezeigt), Foto 2017

Leonardos frühestes eigenständiges Gemälde zeigt wie meist einen Innenraum, vielmehr einen breit gestreckten „hortus conclusus“, einen geschlossenen Garten als Zeichen der marianischen Reinheit und eine weite Wasser- und Gebirgslandschaft dahinter. Vgl. den Faltenwurf des Mantels von Maria mit dem vorigen Blatt.

Madonna mit Kind, um 1478-80, Paris, Louvre

Auch „Madonna mit Früchten“ genannt, scheint das Kind der Mutter etwas davon in den Mund stecken zu wollen. Nach seinen Anfängen ein enormer Sprung in der Entwicklung der Vorstellungskraft und Darstellungsfähigkeit des noch jungen Künstlers.

Vorderseite: Studien für eine stillende Madonna mit Kind, Johannesknaben sowie menschliche und tierische Köpfe, um 1478-80, Windsor, The Royal Collection, Leihgabe Ihrer Majestät Königin Elisabeth II.

Allein 13 Profilköpfe sind auszumachen, die das Hauptmotiv umkreisen. Die am Boden kniende Madonna wendet sich zunächst dem Kind zu. Dann entscheidet sich Leonardo für eine en face-Darstellung in stärkerer Konturierung. Rechts oben ansteigendes Gelände, ein weiterer kleiner Johannes und ein nackter junger Mann.

Rückseite: Menschliche Köpfe, um 1478-80 

Detail aus vorigem Studienblatt

Nur wenige Künstler sonst, wie z. B. Picasso, haben eine solche Eleganz der Linienführung erreicht.

Bernardo Bandini de‘ Baroncelli, 1479/80, Bayonne, Musée Bonnat-Helleu

1478 wird Giuliano de‘ Medici im Florentiner Dom während der Ostermesse ermordet. Diesem Täter gelingt die Flucht. In Konstantinopel aufgegriffen, wird er für alle sichtbar am 29.12.1479 erhängt: außen am Bargello, dem Palast des Capitano del Popolo, dem heutigen Skulpturenmuseum. Dort bleibt er als Abschreckung für einige Zeit.

Madonna, dem Christuskind die Füße waschend, Detail, um 1478-80, Porto, Faculdade de Bellas Artes

Eine köstliche und im religiösen Kontext  absolut einmalige Szene. Sicher nie für ein Madonnenbild ins Auge gefasst, bezeugt die kleine Skizze Leonardos unkonventionellen Sinn und seine spontane Reaktion auf ein menschlich anrührendes Motiv.

Madonna mit Kind, genannt Madonna Benois, um 1480-82, Sankt Petersburg, Eremitage

In einem florentinischen Palast zeigt Maria ihrem noch kahlköpfigen Sohn Kreuzblüten, die er genau betrachtet – eine Anspielung auf den künftigen Kreuzestod. Ein kleines Andachtsbild, das dennoch von der Heiterkeit der Gottesmutter erfüllt ist.

Junge Frau mit Einhorn, um 1478-80, Oxford, Ashmolean Museum

Die Legende will, dass das wilde Einhorn nur im Schoss einer Jungfrau gefangen werden kann. Daher vermutlich im Zusammenhang mit einem Porträt entstanden. 

Studie für die Anbetung der Könige, um 1480-81, Florenz, Gabinetto Disegni e Stampe degli Uffizi

Perspektivischer Entwurf für die völlig neuartige „Anbetung der  Könige“ in den Uffizien

Anbetung der Könige, um 1480-81, Florenz, Uffizien (nicht in Paris), Foto 2018

Die große, für San Donato a Scopeto bestimmte Altartafel ließ Leonardo unvollendet, als er mit 30 Jahren an den Mailänder Hof wechselte. Eine solche Figurenanordnung, solche Architektur, solches Reiter- und Menschengetümmel bei einer „Anbetung“ hatte zuvor noch niemand gesehen. Und auch heute bleibt an der Komposition vieles rätselhaft.

Anbetung der Könige, Detail, um 1480-81, Florenz, Uffizien (nicht in Paris gezeigt), Foto 2016 während der Restaurierung

So großartig und dunkel in seiner Deutung das Werk auch ist, so bleibt doch das Bedauern, dass es Leonardo nicht vollenden konnte.

Detail aus Vorigem, oben links der Mitte, Foto 2016

Wie bei manchem anderen Motiv der „Anbetung“ kennt man auch hier den Sinn dieser Gruppe nicht genau.

Dame am Mailänder Hof, Detail, um 1490-97, Paris, Louvre

Die skeptisch-distanziert blickende junge Frau könnte Beatrice d‘Este (1475-97)  sein, seit 1491 Gemahlin des Herzogs Ludovico Sforza von Mailand, genannt il Moro. Gedacht wurde auch an Lucrezia Crivelli (1452-1508), die Geliebte  des Moro, was angesichts dieser Jugend aber wenig plausibel ist. Erörtert wurde ebenso Isabella d‘Aragón (1470-1524), Gemahlin des Herzogs Gian Galeazzo Sforza. Wer immer diese junge Frau auch ist, die Unmittelbarkeit der Kopfbewegung und ihr Blick sind unvergesslich. Leonardo schafft ein neues Frauenbild mit Selbstbewusstsein und kritischer Wachheit. 

Wenn schon nicht mit Mona Lisa, so würde ich mich doch gerne mit dieser Persönlichkeit unterhalten, um von ihr, ihrem spannungsreichen Hofleben und ihrer Zeit mehr zu erfahren. Daraus ließe sich gewiss ein spannender Roman machen. Es bleibt aber nur ein inneres Gespräch mit dem Bild wie mit allen Kunstwerken, die uns auch ohne Worte so unendlich viel zu sagen haben. Nicht wir reden mit ihnen, nein, sie sprechen uns vielmehr an. Es braucht nur ruhige Betrachtung dazu.

Händestudien, um 1485-92, Windsor, The Royal Collection, Leihgabe Ihrer Majestät Königin Elisabeth II.

Der schönen Dame folgen schöne Hände, wie sie schon ähnlich auf der gezeigten „Verkündigung an Maria“ zu sehen waren. Nur sind sie hier noch nuancierter und meisterhafter gestaltet.

Der vitruvianische Mensch, um 1489-90, Venedig, Galleria dell‘Accademia

Diese wohl weltweit berühmteste Zeichnung eines Menschen orientiert sich am antiken Architekten Vitruv. Zwei Proportionsstudien überlagern sich. Der homo quadratum steht mit horizontal und vertikal gestreckten Gliedmaßen im Quadrat, dessen Mitte im Schritt liegt. Der homo ad circulum erreicht durch hoch gestreckte Arme und gespreizte Beine den Umriss des Kreises, der seinen Mittelpunkt im Nabel hat. Das Grundmaß ist der Fuß, der 7fach die menschliche Körpergröße ergibt und seine Proportionen bestimmt. – Bei mehr Neugier, bitte eigenes Nachforschen!

Detail aus Vorigem

Dieses Paradebeispiel menschlichen Suchens und Forschens war dem Louvre lange zugesagt. In letzter Sekunde wollte die Organisation „Italia Nostra“ durch Gerichtsbeschluss die Leihgabe ins Ausland verhindern. Ein höheres Gericht hob das auf, Recht und europäisches Denken siegten und die glücklichen Ausstellungsbesucher können das ihnen gewiss allen aus den Medien vertraute Blatt endlich im Original für einige Wochen bewundern.

Groteske Figur, um 1500-06, Oxford, Christ Church

Die einzige der vielen Karikaturen Leonardos in der Ausstellung. Das große Blatt diente als Karton für eine uns unbekannte Malerei. Die Haare zeichnete Leonardo ähnlich wie seine Wasserstrudel.

Kopfstudie für einen Kämpfer um die Standarte, um 1504, Budapest, Szépmüvészeti Múzeum

Nach Florenz zurückgekehrt, erhielt Leonardo den Auftrag, im Palazzo della Signoria die „Schlacht von Anghiari“ als großes Fresko darzustellen. Er entschied sich für einen mörderischen Reiterkampf. Der jüngere Michelangelo übernahm die „Schlacht von Cascina“, wobei sich viele beim Bad überraschte Soldaten in großer Eile kampfbereit machen. Diese sehr unterschiedlichen Projekte haben nur in Kopien überlebt und in großartigen Einzelstudien.

Kopfstudie eines Kämpfers um die Standarte, um 1504. Wie Voriges

Könnten der ältere und dieser junge Mann – obgleich vor über 500 Jahren festgehalten – nicht auch Verkörperungen unserer derzeitigen Formen von Hass und brutaler Bedrohung sein ?

Kopf der Leda, um 1505-06, Windsor Castle, The Royal Collection, Leihgabe Ihrer Majestät Königin Elisabeth II.

Kleine Studie zu Leda, die mit mütterlicher Freude auf ihre mit dem Schwan (= Zeus) gezeugten Kinder blickt. Sie schlüpfen gerade aus den Eierschalen. Leonardos eigenhändiges Gemälde ist nicht erhalten, aber eine Reihe von Skizzen dazu.

Frauenkopf, genannt La Scapiliata oder L‘Échevellée (die Zerzauste oder Strubbelige), um 1500-10, Parma, Galleria Nazionale

Die Bestimmung dieses Gesicht in absoluter Ruhe ist nicht eindeutig. Obgleich es die Studie eines Madonnenkopfes sein könnte, wurde auch schon an eine Leda gedacht. Zusammen mit dem vorangehenden Blatt zeigt es den größtmöglichen Gegensatz zur Brutalität der Männerköpfe in der Anghiari-Schlacht.

Studie für Anna Selbdritt, um 1500-01, Venedig, Accademia dell‘Accademia

Der kleine, äußerst lebendig gezeichnete Kompositionsentwurf zeigt Anna (in zwei Varianten), die ihre Tochter und diese das Christuskind auf dem Schoss hält. Die Aufmerksamkeit aller gilt dem Lamm.

Anna Selbdritt, um 1500, London, The National Gallery

Der berühmte, gemäldegroße Karton ist die unmittelbare Vorstufe für die Gemäldeausführung. Die Gruppe ist zum Betrachter gedreht. Anstelle des Lammes erscheint der ehrfurchtsvolle Johannesknabe. Er wird mit einer Segensgeste begrüßt. Anna weist als Quelle für die voraus zu ahnenden Geschehnisse mit dem Finger zum Himmel.

Sintflut, 1517-18, Windsor, The Royal Collection, Leihgabe Ihrer Majestät Königin Elisabeth II.

Das in Amboise entstandene und letzte Werk der Ausstellung zeigt Leonardo als erkenntnisreichen Hydrologen, der seine Erforschung von Wasserverläufen in einzigartigen Zeichnungen verdeutlichen kann. Visionär veranschaulicht er schlimmste Strudel und das Aufbäumen der Wogen. 

Vielleicht schon bald, mehr als 500 Jahre nach Leonardo, könnten sich nach fortdauernder Ausbeutung der Natur und weiterem Klimawandel noch mehr Tsunamis entwickeln und am Ende sogar als Folge von menschlichem Fehlverhalten eine Art „Sündflut“.

Lisa del Giocondo, genannt Mona Lisa, um 1503-19, Paris, Louvre

Zum Abschluss unserer Leonardo-Erlebnisse gehen wir noch hinauf in den Denon-Flügel zur Mona Lisa. Dort wird sie täglich von ca. 30.000 Menschen aufgesucht. Wäre sie in die Sonderausstellung integriert worden, hätte der Menschenandrang diese gesprengt.

Menschenmenge vor der Mona Lisa, gegen Abend. Keiner hat ein Auge für sonstige Spitzenwerke der europäischen Kunst in diesem Saal, z. B. für Tizian oder Veronese. Alle drängen zur schönen Florentinerin, verbringen aber meist nur kurze Zeit mit ihr. Oftmals genügt ein Selfie als Beweis dafür, hier gewesen zu sein. Endlich Auge in Auge mit Mona Lisa, wenden daher manche Betrachter ihr sogar schnell den Rücken zu. Abstrus.

Dabei ist Mona Lisa als berühmtestes Gemälde der Welt im übertragenen Sinne ein Werk zum Hinknien. Das tut eine Mutter. Sie hält die Hand ihrer Tochter und versucht offenbar, Rätsel und Reichtum dieses Bildes ein wenig zu erläutern. Sie schenkt dem aufmerksam blickenden Mädchen damit ein künstlerisches Erlebnis, das es zeitlebens nicht vergessen wird.

Blick beim Abschied durch die Pyramide auf den Seine-Flügel des Museums, das der junge Stuttgarter Maler Gottlieb Schick um 1800  täglich besuchte und es nur „mein liebes Louvre“ nannte.