3. November 2019

In Amboise kann man nicht sein, ohne sich mit Leonardo da Vinci (1452-1519) zu beschäftigen. Und hier tue ich es umso lieber, als wir gerade von der dem Künstler gewidmeten Jahrhundertausstellung im Louvre zurückkehrt sind (über die ich bald berichten werde).

Als ein für seine Zeit schon alter Mann ist Leonardo 1516 der Einladung von König Franz I. gefolgt und auf beschwerliche Art mit Hab und Gut nach Amboise gereist. Drei nicht ganz vollendete Gemälde und auch Skizzenbücher bringt er mit, die sich seit langem im Louvre befinden. Franz bezahlt ihn fürstlich und weist ihm einen Herrensitz Du Cloux/heute Clos Lucé zu. Es heißt, der damals 22jährige König habe möglichst täglich den Umgang mit dem greisen, aber produktiven Genie gesucht. Romantisch auch die Vorstellung, Leonardo sei 1519 in den Armen des Herrschers gestorben.

Ein heutiger Gedenkort an Leonardo ist die Hubertuskapelle mit einem Relief des späten 15. Jh., das die Hll. Antonius Abbas, Christophorus und Hubertus zeigt. Darüber aus dem 19. Jh. eine skulpturale Huldigung an das erste Erbauerpaar des Schlosses, an König Karl VIII. und Anne de Bretagne.

Leonardos Grabplatte in der Hubertuskapelle. Auf seinen Wunsch beerdigt man ihn 1519 in der Kirche Saint-Florentine inmitten des Schlossareals, die im 19. Jh. abgerissen wird. Ob die bei späteren Grabungen freigelegten und jetzt in der Kapelle ruhende Gebeine wirklich von Leonardo stammen, bleibt fraglich.

In Leonardos ehem. Wohnsitz, im 19. Jh. erweitert, jetzt museal und museumspädagogisch ausgestattet, herrscht in seinem 500. Todesjahr Gedränge. Die von ihm in Skizzen und Texten entwickelten technischen Meisterwerke sind in seinem Haus zu bewundern, vielfach nachgebaut in kleinen Modellen, oder auch vereinzelt in Originalgröße in dem schönen Park. Die Faszination der Zeichnungen und das Unerhörte der Imaginationskraft Leonardos kann ich ich in meinem Rahmen nicht vor Augen führen, aber die Pracht eines Pfaus. Er sieht mich an mit einer ruhigen Intensität, wie sie uns ähnlich zuvor zwischen den Bäumen des Parks begegnet ist.

Ein Detail der Mona Lisa, die man in diesem Jahr sogar auf Treppenstufen in Blois antreffen kann (vgl. Beitrag Nr. 55 vom 20. September), hängt in einer Größe von mehreren Quadratmetern – wie auch andere Ausschnitte von Werken Leonardos – als Riesenbanner zwischen Bäumen. Im Grunde ist es geschmacklos, das vom Künstler nach Amboise mitgeführte Werk so zu vergegenwärtigen. Und dennoch kann man sich selbst in dieser Form den bannenden Augen der rätselreichen Schönheit nicht ganz entziehen.

Danach fesselt mich aber auch der absolute Reiz des einzigen Pfaus im Park. Auch seinem unbewegten Blick halte ich stand. Der mythologische Begleiter der Juno scheint zu wissen, dass letztlich auch er wie Mona Lisa eine nicht erklärbare, divenartige Erscheinung ist. Eine wirkliche Diva unter den Vögeln ist er aber dennoch nicht, dafür aber, weil männlich: ein Divus – ein Göttlicher.

Der regenbedrohte Tag hat sich gegen Abend in einen nur wolkenreichen verwandelt. Was für eine Freude, sich mit einem solchen Blick von Amboise und der Loire verabschieden zu dürfen.