27. September 2019

Chenonceau ist mit rund 1 Mio. Besuchern das nach Versailles beliebteste Schloss Frankreichs. Seine überschaubare Größe und Wohnlichkeit, die einzigartige Lage über dem Fluss Cher sowie die besonderen Frauen, die hier gelebt haben, machen es zu einem äußerst interessanten, die Phantasie beflügelnden Ort.

Man erreicht das Schloss über eine 300 m lange Allee zwischen Wassergräben. Bei einem von der Königinwitwe Katharina von Medici (1519-89) 1563 veranstalteten Triumphzug für ihren Sohn Karl (1550-74, seit 1560 König Karl IX.) entsteigen dem seitlichen Wasser singende Sirenen, dem Wald Nymphen; Satire versuchen sie zu rauben, Ritter verteidigen sie … usw. Uns empfangen wenigstens zwei steinerne Sphingen als Hüterinnen des Parkbereichs.

Das kleine Gebäude auf quadratischem Grundriss wird um 1520 über den Fundamenten einer Mühle im Fluss Cher errichtet. Thomas Bohier, Obersteuereinnehmer von König Karl VIII., hatte den Vorgängerbau erworben und davon nur den Wohnturm, den Donjon aus der Mitte des 15. Jh., stehen lassen. Während langer Jahre in Italien ist Bohiers Frau Catherine Briçonnet die eigentliche Bauherrin. Von ihrem verschuldeten Sohn geht Chenonceau an König Franz I..

Dieser verheiratet seinen 14jährigen Sohn Heinrich (1519-59) aus politischen Gründen 1533 mit der gleichaltrigen Prinzessin Katharina von Medici. Steinreich, gebildet, intelligent, sportlich, aber unattraktiv, auch noch verunglimpft als „Krämerstochter“, steht ein Unstern über Katharina und dieser Ehe. Die Florentinerin wird schließlich auch noch als unfruchtbar dargestellt, während der junge Prinz sich durch eine uneheliche Tochter „auszeichnet“. Die Liebe lernt er durch eine andere Frau kennen.

17jährig entflammt Heinrich für die 20 Jahre ältere, verwitwete Diane de Poitier (1499-1566). Schön, intelligent, nicht alternd, wie Zeitgenossen berichten, wird sie seine Maitresse, seine nie in Frage gestellte Favoritin. Als König (1547-59) macht Heinrich ihr 1547 Chenonceau zum Geschenk, das damals so wie auf diesem Foto aussieht.

Nach fast 10jähriger Kinderlosigkeit, drohender Auflösung der Ehe und damit eigenem Machtverlust fordert ausgerechnet Diane ihren Liebhaber zu regelmäßigem Geschlechtsverkehr mit seiner Frau auf. Als Krone der Erniedrigung Katharinas ist Diane sogar 1543 bei deren erster Niederkunft dabei. Schließlich gebiert Katharina 12 Kinder, von denen sechs überleben, darunter drei Könige: Franz II. (1544-60), Karl IX. (1550-74) und Heinrich III. (1551-89).

Als Heinrich II. 1559 bei einem Turnier durch einen Speerstoß ins Auge zu Tode kommt, kann Katharina ihrer Rivalin, inzwischen 60, endlich die Klauen zeigen. Als 40jährige Königinwitwe und Regentin ihrer minderjährigen Söhne nun voll eigener Macht, beansprucht sie Chenonceau für sich, weist Diane de Poitier das größere, aber unbehagliche Schloss Chaumont an der Loire zu.

Auch plant Katharina in Chenonceau die größte Schlossanlage Frankreichs. Davon wird aber nur um 1580 der doppelgeschossige Galerieflügel auf der von Diane errichteten Brücke über den Cher realisiert.

Von der reichen Wohnausstattung des Renaissancebaus mit Erinnerungen an fünf hier wohnende Königinnen nur Weniges. Auf dem prachtvollen Kamin von Thomas Bohier steht seine Devise: „S’il vient à point, me souviendra / Wenn es vollendet ist, wird es an mich erinnern“ – was sich hiermit bestätigt. Oben ist der Kamin geschmückt mit dem Feuersalamander von König Franz I. und dem Hermelin von Anne de Bretagne.

Das Porträt von Ludwig XIV. von Hyacinth Rigaud ist ein Geschenk zur Erinnerung an den Besuch des Sonnenkönigs im Jahr 1650.

Die „italienische“ Renaissancetreppe mit zwei geraden, damals neuartigen Läufen

Aus dem Schloss bieten sich überallhin wunderbare Blicke nicht nur auf Wald und Fluss. Hier das von Diane de Poitier angelegte, 12.000 qm große Gartenparterre mit moderner Bepflanzung, das durch Mauern vor Überflutung geschützt ist.

Der kleinere Garten Katharinas von Medici hinter dem Donjon des 15. Jh., von dem aus sich auch vielfältige Blicke auf das Brückenschloss bieten.

Katharinas 60m langer Galeriebau diente für Festlichkeiten jeder Art, für Bälle, Diners usw. Im 1. Weltkrieg aber – seit 1913 ist Cheneceau im Besitz der Schokoladendynastie Menier – richtet dort die eingeheiratete Simonne Menier (1881-1972) als Oberschwester einen Krankensaal ein. Über 2000 Verletzte werden darin bis 1918 versorgt.

Im 2. Weltkrieg, in dem Simonne zur aktiven Widerstandskämpferin gegen die Deutschen wird, zeichnet etwas Anderes Chenonceau aus. Der Cher trennt den von Deutschen besetzten Teil Frankreichs von der „Freien Zone“ des Landes.

Der Galerieflügel Katharinas von Medici dient als Fluchtweg. Wem es gelingt, den Renaisancebau zu besuchen, gelangt auf der anderen Seite des Cher in Freiheit.

Weiter geht’s am 4. Oktober 2019 mit „Chaumont“.