20. September 2019

Wieder ein Regentag – macht nichts. Zunächst ein erneuter Besuch in Blois, wo es ein Maison de la Magie an der Place du Château gibt, das den Namen des Zauberers Robert Houdin (1805-71) trägt. Zu jeder halben Stunde blickt ein sechsköpfiger Drache aus sechs Fenstern dieses besonderen Hauses.

Was ist das ?! – Klar: ein unterer Treppenteil, vermutlich mit einer Hand.

Der Blick aus größerer Ferne löst das Rätsel. Es ist die rechte Hand der Mona Lisa und damit zugleich der Teil eines etwas abstrusen Unternehmens.

Blois liegt nicht weit von Amboise, wo Leonardo da Vinci von 1516-19 lebte. 500 Jahre nach seinem Tod ehrt die Stadt den großen Künstler auf einmalige Weise. Erdacht hat sich das der Zauberer Arnauld Dalain, derzeitiger Direktor der Maison de la Magie. Er erweckt die Illusion, als ob ein Teil der 120 Stufen weggenommen wäre und sich darunter die Mona Lisa befände, das bekannteste Gemälde Leonardos und der Welt. Der Blick leicht von oben auf die Treppe bietet ein erstaunlich perfektes Bild der schönen Florentinerin.

Mein Regenfoto zeigt wegen eines Treppenabsatzes einen Unstimmigkeit im Mundbereich. Ich müsste höher stehen.

Kurz vor Betreten der Treppe ergibt sich ein noch irritierenderes Bild. Die Frage ist: wie kommt es zur Wiedergabe des Gemäldes ohne solche Verzerrungen. Zunächst: man tritt nie die Mona Lisa mit Füßen, denn die Trittstufen und Treppenabsätze sind unverändert. Mit Bild- und scheinbaren Gesteinsstreifen sind nur die vertikalen Setzstufen verklebt. Und zwar in der Weise, dass aus einem gewissen Abstand und bei richtiger Blickhöhe das hier zu sehende Zurückfluchten der Figur aufgehoben wird.

Wie kann das klappen? Doch wohl nur so: dem Zurückgehen der Setzstufen muss eine entsprechende stufenweise Verbreiterung und minimale Vergrößerung der Bildstreifen entsprechen.

Aus der Nähe läßt sich das aber nicht festhalten, denn mein Foto führt bei wachsender Entfernung der Setzstufen entsprechend der perspektivischen Gesetze zu leichter Verschmälerung der Formen. Was dennoch bleibt, ist die ewige Schönheit und Jugend dieser Frau bei allen Spuren des Alterns der Bildoberfläche. Selbst bei Regen auf der Treppe ist das in Blois besser zu studieren sind als je im Gedränge des Louvre.

Im NO von Blois liegt das Dörfchen Talcy und mittendrin ein kleines Schloss mit seinem Donjon und seinem leicht wehrhaften Charakter. Bernardo Salviati läßt es errichten, Bankier aus Florenz und Verwandter der Medici im Dienst von König Franz I. Was Beatrice für Dante und Laura für Petrarca, das ist seine Tochter Cassandra (1531-1608) für den großen Renaissancedichter Pierre de Ronsard (1524-85). Er begegnet der 14jährigen am Hof von Blois. Sie inspiriert ihn zu hymnischen Gedichten „Les Amours“. Ronsard geht ein in die Geschichte als „Prince de poètes et poète des princes.“

Das äußerlich bescheidene, ländliche Anwesen enthält kultivierte und sehr wohnliche Innenräume des 18. und frühen 19. Jh. Dazu gehören auch ein seltener Taubenturm mit 1400 Nisthöhlen, eine Scheune mit einer mächtigen Weinkelter von 1640 sowie eine größere Gartenanlage, in der nach alten Techniken und Formen Spalierbäume gezogen werden.

Schön romantisch ist der Ziehbrunnen des 16. Jh. mit einer Rose, genauso wie diese Ode an Cassandra von Ronsard:

„Geliebte, lass uns sehen, ob im Garten / Die Rose, die heut früh nach langem Warten / Ihr Purpurkleid der Sonne hingereicht, / Noch nicht die morgenfrische Pracht verloren, / Nicht ihr Gewand aus Purpurglut geboren, / Und nicht den Schmelz, der deiner Wange gleicht. …“

Weiter geht’s am 27. September 2019 mit „Chenonceau“.