26. Juli 2019

Einzigartig als Hauptwerk unter den Schlössern an der Loire, in ganz Frankreich und weltweit ist Chambord. Es liegt inmitten des wildreichen Waldgebiets der Sologne südlich der Loire – 15 km von Blois und 20 km von Cheverny entfernt. Schön ist die Fahrt mit dem Rad dorthin.

Der junge Franz I. (1494-1547), seit 1515 König, in Blois und Amboise residierend, aber meist mit seinem Hofstaat zu den Orten seiner Macht unterwegs, liebt Parforcejagden, aber auch Festlichkeiten und sonstige höfische Abenteuer. Sein neues Jagd- und Lustschloss lässt er ab 1519 in einem Gebiet von mehr als 5.500 Hektar errichten, einem Bereich etwa so groß wie das heutige Paris, welcher seit dem 17. Jh. mit einer 32 km langen Mauer eingefriedet ist. Der Öffentlichkeit sind davon derzeit etwa 800 Hektar über sechs Tore zugänglich. Der Rest ist weiterhin den Tieren und auch der Jagd vorbehalten als Staatsforst unter dem Patronat von Frankreichs Präsidenten.

Anders als Autofahrer können wir uns dem Schloss mit den Rädern von Osten langsam annähern. Vom Ende des großen Kanals aus wirkt Chambord aus der Ferne wie eine Art Juwel.

Mehr und mehr offenbart das Schloss beim Näherkommen seinen architektonischen Reichtum, seine inmitten der Waldregion gleißend weiße Erscheinung.

Die Eckansicht lässt die Struktur der Anlage noch nicht erkennen, aber den Anspruch auf vielfältigste bauliche Effekte und Überraschungen, die frühere und heutige Besucher nur mit Begeisterung quittieren können. Es verwundert nicht, dass Chambord bereits seit 1981 zum UNESCO-Welterbe zählt.

Eine willkommene Ergänzung meiner Aufnahmen: ein Stich um 1576 des Architekten Jaques Androuet du Cerceau (1510-84), Foto Wikimedia

Die Frontalansicht von SO offenbart die enormen Dimensionen. 156 x 117 m mißt die Anlage. Die Mitte nimmt der mehrgeschossige Wohnbau ein, der die noch dem Mittelalter entstammende Bezeichnung Donjon trägt. Diesen Kern des Schlosses umgibt ein querrechteckiger Hof, den niedrige Flügel mit Ecktürmen umschließen.

Der Besucherandrang verteilt sich zum Glück. Alles reizt hier zu Neugier und eigener Wahrnehmung: bei 440 Räumen, 84 Treppen, 282 Kaminen. Faszinierend besonders auch die Dachregion, die in der Dichte ihrer vertikalen Akzente von weitem fast wie eine Hochhauscity en miniature wirkt.

Der eigentliche Schlossbau, der Donjon, ist quadratisch und bietet pro Geschoss je vier flächengleiche Wohnbereiche unter Einbeziehung der mächtigen Ecktürme. Die scheinbare Maßlosigkeit entpuppt sich im Inneren als klares Konzept. Und dennoch vermittelt die Fülle der Raumkonstellationen dem Unvertrauten ein labyrinthisches Gefühl.

Ob Franz I. sich hier ausgekannt hat, ist fraglich, denn er soll in seinem Prachtprojekt Chambord nur etwa 40 Tage gewohnt haben. Bei seinem Tod unvollendet, wird das Schloss keineswegs laufend beansprucht. Über die Jahrhunderte sind hier zeitweilig Gaston von Orléans, Ludwig XIV., der uns von Nancy vertraute Stanislas Leszczyński, Moritz von Sachsen und Heinrich Graf von Chambord anwesend. Während der Französischen Revolution entgeht Chambord nur knapp der Zerstörung, wird aber ausgeraubt. Seit 1930 in Staatsbesitz, ist das Schloss heute auf museale Weise weitgehend wieder eingerichtet.

Großartige Blicke bietet das Schloss nach allen Seiten und von allen Ebenen. Hier aus dem 2. Geschoss nach O auf den Kanal, an dem wir entlang radelten.

Nach NO erstreckt sich eine scheinbar unendliche Achse, wie wir es bereits ähnlich bei Cheverny sahen. Der gestaltete Bereich vorne wird von Kanälen eingefasst.

Mittelpunkt und eine Art Kerngehäuse des ganzen Baus ist eine einzigartige, doppelläufige Wendeltreppe, durch die unabhängig und unbemerkt voneinander Menschen die einzelnen Wohnbereiche erreichen können -–eine erstaunliche Vorsorge im Hinblick auf Diskretion in diesem auch auf höfische Lustbarkeiten angelegten Bau.

Es wird vermutet, dass die Idee dieser Treppe auf Leonardo da Vinci (1452-1519) zurückgeht. 1516 war der alte Künstler der Einladung des jungen, kunstinteressierten Franz I. nach Amboise gefolgt, wo er 1519, im Jahr des Baubeginns von Chambord, auch stirbt.

Der Laternenturm über der Wendeltreppe auf der Ebene der Dachterrasse: ein Meisterwerk an kunstvoller Gestaltung, abgeschlossen von einer steinernen Königskrone und der Lilie Frankreichs. In den großen Medaillons der Voluten windet sich der gekrönte Feuersalamander, Emblem von Franz‘ I.

Das reiche Schauspiel der Dächer, Gauben, Giebel, Kamintürme, vielfach geschmückt mit dem Feuersalamander, bietet sich ringsum auf der Dachterrasse, im Wechsel mit schönen Fernsichten.

Ein Blick nach N auf einen Treppenturm: ein elegantes Meisterstück französischer Renaissance.

Die genauere Beobachtung des oberen Geschosses zeigt den originellen Übergang von Säulen in menschliche Formen, die in der Art von Karyatiden die Last der Kapitelle und des Gebälks tragen.

Chambord wird nie vollendet. Das zeigt der Blick auf die gegenüberliegende Hofseite.

Beim Herumgehen um das Schloss komme ich erneut an den Kanal, der sich nach O im Wald verliert. Ursprünglich ist die gesamte Schlossanlage von Wassergräben umgeben, doch wird im 18. Jh. wegen des Gestanks im Sommer Manches zugeschüttet.

Der Blick zurück nach Westen lässt gut die Verknüpfung von dem Donjon-Bereich mit der Schlossfront gegen NW erkennen.

Die Seite von W, die sich vom allgemeinen Eingang her bietet – auch erlesen.

Die Schlossfront von NW

Das mehr zu ahnende, als zu übersehende Areal macht den größten ummauerten Park Europas aus. Der Blick von der Dachterrasse über den Schlosseingang nach SO, linker Hand die Wirtschaftsgebäude und Stallungen.

Zum Abschied von diesem Ort der Superlative ein Bild von 2008, bei dem sich die Farben von Pferd und Hufschmied angleichen.

Am 2. August geht’s weiter mit Boas in Beauval.