19. Juli 2019

In Blois, auf halber Strecke zwischen Orléans und Tours, widmen wir uns bei leichtem Regen nur dem Königsschloss. Von dort aus wird zeitweilig ganz Frankreich regiert. Nach dem frühen Tod von Karl VIII. im Jahr 1498 steht seine Witwe, Königin Anne (de Bretagne, 1477-1514), ohne Erben da, weil die sechs gemeinsamen Kinder allesamt gestorben sind. Ludwig XII. (1462-1515) hat als Karls Nachfolger die junge Witwe zu heiraten.

Ludwig XII. und Königin Anne errichten bis 1503 den L-förmigen Neubau des Schlosses, dessen Front hier vom Place du Château zu sehen ist. An der dekorativ gestalteten Fassade sind italienische Bauleute beteiligt. Spätgotische Tradition und Renaissanceelemente mischen sich auf aparte Weise.

Rechts am Rand die Außenfront des Salle des États/Ständesaals aus dem frühen 13. Jh., der älteste Teil des Schlosses.

Schöner Kindertrubel vor dem Eintritt in die ehem. königlichen Räumlichkeiten. Da sie meist museal eingerichtet sind, werden sie hier nicht gezeigt.

Ein weißes und zwei schwarze Pferde begegnen sich – die einen sterblich, das andere scheinbar unsterblich. In den Giebelfeldern über den Dachgauben die Initialen des Herrscherpaares, hier links das L für Ludwig und rechts ein Ehewappen.

Ludwig XII. in stolzer Pose zu Pferd steht letztlich in der Tradition, die bis auf Marc Aurel in Rom zurückreicht und noch ein spätes Echo in König Wilhelm I. vor der Alten Staatsgalerie in Stuttgart findet. Das Original hat die Französische Revolution nicht überstanden; ersetzt 1857 durch diese leicht romantisierend veränderte Kopie.

Darunter, gleichfalls erneuert, ein Stachelschwein mit Königskrone, das schwer zu deutende Emblem Ludwigs zwischen den gekrönten Initialen des Ehepaares. Auf der linken, heraldisch rechten und daher vorrangigen Seite ist das L, umgeben von französischen Lilien; rechts um das A die Felle des Hermelins, Symbol der Bretagne und der Reinheit ihrer vormaligen Herzogin.

Betritt man den Innenhof, steht man dem großartigen Flügel gegenüber, den Herzog Gaston d’Orléans (1608-66), Bruder von Ludwig XIII. (1601-43), als zeitweiliger Aspirant auf den Königsthron 1635-38 vom berühmten Architekten François Mansard (1598-1666) errichten lässt. Nach der Geburt des späteren Ludwig XIV. (1638-1715) kommt das Projekt zum Stillstand und ist dennoch ein Meisterwerk des französischen Barock-Klassizismus. – Rechts der Treppenturm von Franz I.

Vom Treppenturm aus der Blick auf die Hoffront des Baus von Ludwig XII.: der italianisierende Arkadengang vermittelt den Eindruck von Wohnlichkeit.

Ganz anders die Architektursprache von Franz I. (1494-1547). Wie seine beiden Vorgänger führt er zeitweilig in Italien Krieg. Das Echo der Begegnung mit dortiger Baukunst ist jedoch von ganz anderer Intensität. Zwischen 1515 und 1520, nur wenige Jahre nach dem Eingangstrakt, entstanden, bietet der Schlossflügel als erster großer Auftritt des jungen, selbstbewußten Königs eine neue Verarbeitung italienischer Einflüsse, eine Verbindung französischer Traditionen mit italienischen Gestaltungselementen. Reiche Gesimse, Pilaster, Gebälke, Gauben mit Figurenschmuck und die ornamentale Verteilung gekrönter Feuersalamander – das Emblem von Franz I. – zeigen die Sprache der französischen Renaissance, die bald danach in Chambord noch vielfältiger auftreten wird.

Glanzstück der Hoffront ist der berühmte Treppenturm, reich geschmückt von Figuren und Feuersalamandern und begeistert beschrieben von Balzac in seinem Roman über Katharina von Medici, die 1589 hier stirbt. Ihr werden wir noch in Chenonceau und Chaumont begegnen.

Am 26. Juli geht’s weiter mit Chambord, einem der ungewöhnlichsten Bauten weltweit.