15. März 2019

Eine Etagenwohnung in einem Haus von 1890, drei Räume, zusammen ca. 90 qm, Raumhöhe 3,90 m – zu erwarten war nichts Ungewöhnliches.

Doch was für eine Überraschung: ein Sammlerehepaar mittleren Alters, beide berufstätig, total umgeben von Kunst um 1800 bis etwa 1850 !

Im Roten Zimmer, das überwiegend der Landschaftsmalerei gewidmet ist, wendet sich die Büste Goethes von Christian Daniel Rauch (1777-1857), entstanden 1820, Landschaftsstudien zu, u. a. von Carl Blechen (1798-1840), Johan Christian Clausen Dahl (1788-1857) oder Jean-Baptiste Camille Corot (1796-1875).

Im Grünen Zimmer mit Werken des Frühklassizismus ist inmitten einer Wand mit exquisiter Druckgraphik das Hauptwerk des jungen Johann Gottfried Schadow (1764-1850) zu finden: das Grabmal des Grafen Alexander von der Mark von 1790, Berlin, Alte Nationalgalerie, in der Wiedergabe des Mannheimers Heinrich Sintzenich (1752-1812) von 1793. Darunter ein Konsoltisch aus der Zeit von 1780/90 mit einem Herkules Farnese aus Serpentinmarmor sowie einem Werkstattgips der Büste Friedrich Nicolai von Schadow aus dem Jahr 1798.

Rechts von der Türachse schwebt vor dem Fenster Hebe, die Mundschenkin der griechischen Götter, das berühmte Werk von Antonio Canova (1757-1822) des Jahres 1796, Berlin, Alte Nationalgalerie, in einem russischen Eisenguss von 1817. Links vom Türflügel sieht man Prinz Friedrich Wilhelm von Braunschweig, einen Helden der Befreiungskriege gegen Napoleon, bekannt auch als „Schwarzer Herzog“, in dem erst vor kurzem aufgetauchten Originalgips des Stuttgarter Bildhauers Philipp Jakob Scheffauer (1756-1808) aus dem Jahr 1803.

Im Hauptraum, dem Blauen Zimmer, spiegelt sich partiell das zentrale Werk der Sammlung. An den Wänden zahlreiche kleinere Arbeiten, darunter nicht weit von der Tür zur Terrasse im Lichtstrahl das Reliefmedaillon Johann Heinrich Jung-Stilling von Johann Heinrich Dannecker (1758-1841) aus dem Jahr 1806. Wie auch in den anderen Zimmern sorgen Berliner Kronleuchter nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) mit Wachskerzen für festliche Atmosphäre. Zwei italienische Ruhesessel, datierbar um 1825, dienen der Betrachtung der Sammlung und speziell des Laokoon.

Das eigentlich Undenkbare: die Laokoongruppe inmitten einer Privatwohnung. Gehört hatte ich davon, es mir aber nicht recht vorstellen können. Ich dachte, das sprengt alles. Doch nichts dergleichen. Der Mut des Sammlerpaares hat sich gelohnt. Seit Jahren lebt es im Glück mit diesem grandiosen Werk, auch wenn es von Spuren der Zeit gezeichnet ist.

Blicke vom Blauen ins Grüne Zimmer mit Winckelmann und ins Rote mit den Landschaftsdarstellungen. Unter dem Deckengesims Jahreszeitenmedaillons von Bertel Thorvaldsen (1770-1840).

Nochmals ein Aufenthalt im Grünen Zimmer mit dem prachtvollen Bücherschrank. In der Mitte steht Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), die Schlüsselfigur für die Entdeckung der Antike und den sich daraus entwickelnden Klassizismus. Die posthume, von Jahrzehnten im Freien etwas mitgenommene Marmorbüste schuf der Gothaer Künstler Friedrich Wilhelm Eugen Döll (1750-1816) 1777 in Rom.

Ein Blick am Laokoon vorbei zur Straßenseite hin. Dort steht an der Fensterseite eine Sitzgruppe von Le Corbusier um einen kleinen Tisch. Einen Fernseher gibt es weder hier noch sonst in der Wohnung. Die kunstbezogene Lebensweise des Sammlerpaares ist von erstaunlicher Konsequenz, beflügelt vom fortwährend belebenden Umgang mit dem eigenen Kunstbesitz und dessen Erforschung. Man trifft auf eine Kennerschaft, die vielfach die von Fachleuten übertrifft.

Rechts von der Tür ein meisterliches Mixtum compositum: ein antiker Torso, von Caroline von Humboldt 1808 in Rom erworben, ergänzt von Christian Daniel Rauch zu einem elegischen Bacchanten. Das Original steht im Blauen Turmzimmer der Humboldts in Schloss Tegel, hier ein ca. 1848 angefertigter Zinkguss des Berliners Moritz Geiß (1805-1875). Über der Tür der Gipsabguss des Herbstmedaillons von Bertel Thorvaldsen aus dem Jahr 1823.

So reich neugierige Blicke in der Sammlung auch belohnt werden, immer kehren sie zu Laokoon zurück. Gegen Ende des Trojanischen Krieges entfernen sich die Griechen zum Schein von der umkämpften Stadt und bieten ihr als Weihgeschenk ein riesiges hölzernes Pferd an (mit Kriegern darin). Der Priester Laokoon ahnt die List, warnt seine Landsleute. Da taucht ein gottgesandtes Schlangenpaar aus dem Meer auf und tötet den Vater und seine Söhne. Das von Vergil in der Aeneis berichtete Geschehen fand in dieser Gruppe eine Gestaltung, die seit der Renaissance Künstler wie Kunsttheorie inspiriert und die Vorstellung von hellenistischer Antike geprägt hat.

1506 in Rom entdeckt und sogleich von Michelangelo begutachtet, befindet sich das Marmororiginal seitdem in den Vatikanischen Sammlungen – mit Ausnahme der Jahre 1798-1815, als es als Raubgut durch Napoleon nach Paris entführt war. Dort entstanden Gussformen, nach denen dieses Exemplar um 1820 hergestellt wurde. Das Sammlerpaar hat es in Stücken in der Nähe von Avignon aufgespürt und in Berlin wieder zusammenfügen lassen.

Die Gesamthaltung Laokoons, seine Kopfwendung, der Ausdruck seines Gesichts kurz vor dem Todesbiss der Schlange – kein Leiden eines Helden in heroischer Duldung ist je mehr bewundert und vielschichtiger gedeutet worden. Man denke nur an Winckelmann, Lessing, Schiller oder Goethe, von der Wissenschaft ganz zu schweigen.