1. März 2019

Rückblick auf Ende Juni 2019: Die Außenseiten werden gegen den Uhrzeigersinn betrachtet. Ich beginne mit dem häufigsten Blickwinkel von Südosten.

Rechter Hand die konkave Ostwand mit dem Altar für Gottesdienste im Freien. Während die Kirche nur etwa 200 Menschen aufnehmen kann, ist draußen Platz für ca. 1.200. Beide Gebäudeseiten tragen das mächtige, schwer lastende Dach. Das wirkt zwar massiv, doch Le Corbusier gestaltete es aus zwei gegenläufig gewölbten Schalen. Dazu inspirierte ihn der Körperbau von Taschenkrebsen.

Schon hier wird deutlich, dass Le Corbusier jeder Gebäudeseite einen vollkommen eigenen Charakter gibt. Er sprudelt geradezu vor lauter architektonischen Ideen. 

Im Gegensatz dazu und zur Südwand die leicht konvexe Nordfassade mit reichem Spiel von akzentuierenden Details und dem Doppelklang der Zwillingstürme, die einander den Rücken zukehren.

So wie beim Campanile in Florenz oder dem Turm von San Marco in Venedig gibt es eine gewisse Distanz zur Kirche. Die beiden größeren Glocken stammen aus ihrem Vorgängerbau, die kleinste ist neu und der Mutter sowie der Ehefrau von Le Corbusier gewidmet.

Von der Kirchenwand mit ihrer lebendigen Putzstruktur hebt sich das Grau der Skulpturenelemente ab, links die zweigeschossige Treppe vor der fernen Stufenpyramide.

Die Machart im Großen wie im Einzelnen dieser Brunnenanlage könnte kaum gröber sein. Damit steht sie in wirkungsvollem Kontrast zu dem Kirchenbau, dessen Flächen auf andere Weise gleichfalls rau und roh sind, aber doch auf eine viel homogenere Art.

Der religionsferne, sich selbst als Agnostiker bezeichnende Architekt präsentiert in dem abstrakten Ensemble von Zeichen, Formen und Farben auch zwei Motive in Rot und Blau, die an Bekanntes erinnern. Links ist es ein Relikt an die Segensgeste des Erzengels Gabriel. Die etwas tiefere blaue Hand rechts erinnert dagegen an die empfangende Geste Marias. Le Corbusier hat damit „Mariä Verkündigung“ auf die denkbar knappste Form verdichtet. Dem einzelnen Gläubigen bleibt die Vervollständigung zur ganzen biblischen Erzählung überlassen.

Fortsetzung und Ende 8. März 2019