15. Februar 2019

Rückblick auf Ende Juni 2018: Ab 9 Uhr auf dem Hügel Bourlémont für eine Stunde allein, dann wenige Besucher. Eine total andere Stimmung als abends zuvor. Alles klar, vielfach leuchtend, selbst die rau verputzten Wände.

Blick zur Südwestecke der Kirche. Der gerundete Kapellenraum am Fuß des 27 m hohen Hauptturms erhält seine Helligkeit von sog. „Sonnenfallen“, von vertikalen Lichtöffnungen in der glatten Wandfläche auf der Nordseite oben im Turm. Die Lichtfülle und Lichtpracht ist daher indirekter Art.

Sechs unterhalb der Kirche lebende Klarissen und der Kaplan halten hier um 11 Uhr einen Gottesdienst, für insgesamt 12 Personen. Die Nonnen tragen die Bänke vor den Altar und wieder zurück. Ein intimes Ereignis von hoher spiritueller Dichte bei schönster Akustik.

Im Nebeneinander von zurückgeneigter Hauptwand, gemäldeartiger Kirchentür und rätselhaft belichteter Kapellennische – alles rau und scheinbar roh mit Spritzbeton verputzt – offenbart sich Le Corbusiers Kraft und Freiheit der Gestaltung.

Blicke hinauf zu den „Sonnenfallen“ im östlichen Zwillingsturm und im Hauptturm auf der Südseite, der sein Licht von Norden empfängt. Die Lichtkontraste lassen die Wandfarben dunkler als in der Realität erscheinen.

Nur der östliche Zwillingsturm unterscheidet sich durch sein Rot von dem sonst weiß verputzten Kirchenraum. Man fühlt sich wie vor einem großformatigen Gemälde, hineingesogen in die Tiefe der Monochromie und den Reichtum der vom Zufall bestimmten, wogenden Oberflächenstruktur.

Ganz anders die Stimmung in der Nische um den Altar im hohen Turm, der Vorstellungen von frühchristlichen Riten in Katakomben heraufruft.

Fortsetzung mit „Ronchamp IV – Außenansichten am Morgen“ folgt am 1. März 2019.