11. Januar 2019

Ein Rückblick auf Ende Juni 2018:

Ronchamp – ein Ort und Name, der das Herz aller höher schlagen lässt, die an Architektur der Moderne Interesse haben. Die Kapelle Notre Dame du Haut ist so faszinierend, dass wir anders als geplant in Ronchamp über Nacht bleiben.

Die stattliche Zahl der in 5 Beiträgen präsentierten Aufnahmen erklärt sich dadurch, dass sich im Netz nicht allzu viele brauchbare Fotos finden.

 

Was für ein Wiedersehen nach 63 Jahren – vgl. den Kurzbericht auf FB vom 6. Juli 2018 und meine Website unter „Dies und Das“ ! Welch überwältigender Eindruck: Monumentalität nicht als Zeichen absoluter Größe, sondern als Ausdruck des Zusammenwirkens von Massen und Formen. Der Bau, den ich als mächtig und groß erinnere, erweist sich realiter als eher klein, aber von plastischer, fast bildhauerischer Wucht.

Man nähert sich der Wallfahrtskirche wie hier von unten kommend und zunächst ihrer Südseite, die von zahlreichen Wandöffnungen geprägt ist. Das dunkle, massige Dach erinnert an einen Fischleib.

 

Das Städtchen Ronchamp, nördlich von Belfort am Fuß der Vogesen gelegen, ist durch diesen Bau weltweit ein fester Begriff. Er erhebt sich auf dem Hügel Bourlémont etwa 120 m über dem Ort. In jeder Richtung bietet sich ein weiter Blick über das Land. Daher ist diese Waldlichtung wohl schon eine Kultstätte zu keltischer Zeit. Seit vielen Jahrhunderten ein marianischer Wallfahrtsort, wird ein älterer Kirchenbau im Zuge der Französischen Revolution als Stall und Scheune zweckentfremdet. 40 Familien aus Ronchamp schließen sich daraufhin zusammen und erwerben Kirche und umliegendes Gelände. Noch heute befindet sich alles in Privatbesitz. Eigentümerin ist inzwischen die „Association Oeuvre Notre Dame du Haut“ kurz: AONDH. Im 19. Jh. entsteht ein Neubau. Nach Blitzschlag abgebrannt, folgt in den 1920er Jahreneine „gotische“ Kirche. Der strategisch wichtige Hügel wird von Deutschen im 2. Weltkrieg besetzt, dann heiß umkämpft und im September 1944 befreit. Ca. 250 Tote und 700 Verletzte sind zu beklagen und auch die Zerstörung der Kirche.

Ein Neubau soll entstehen. Fortschrittliche wenden sich an Le Corbusier (1887-1965), den progressivsten Architekten der Zeit. Dieser reagiert anfänglich mit Unwillen, vielleicht auch aus seiner Haltung als Agnostiker. Nach einem Besuch aber im Jahr 1950 wandelt sich die Ablehnung in Begeisterung. Die Freiheit der Gestaltung, die phantastische Lage mit Sicht überall hin und Sichtbarkeit von überall her befeuern das Interesse. 1951 legt Le Corbusier den ersten Entwurf vor: Baubeginn 1953, Weihe am 25. Juni 1955. Heiß diskutiert, ist seither Ronchamp nicht nur ein Pilgerort für Gläubige, sondern ebenso für Architekturbegeisterte aus aller Welt. Die kleine Kirche wird bald als Meilenstein der Moderne erkannt, als ihr berühmtester Kirchenbau. Seit 2016 ist sie UNESCO-Welterbe.

 

Man muss um den Bau mit seiner asymmetrischen Grundfläche von ca. 30 x 40 m herumgehen, um ihn betreten zu können. Zwischen den Rückseiten der beiden Zwillingstürme auf der Nordseite befindet sich der Werktagseingang. Sonst werden Kirchen meist von Westen her betreten, gegenüber von Altar und Chor, die nach Osten orientiert sind.

 

Der erste Eindruck des Innenraums ist ein überwältigendes Erlebnis. Etwas höhlenartig ist die Stimmung, aber lichtdurchströmt. An der Altarwand ein Fenster, in dem eine Madonnenstatue im Gegenlicht steht, die deshalb vor lauter Helligkeit im Foto nicht zu sehen ist. Kleinste Wandöffnungen sind wie Sterne verteilt. Darunter ein schlichtes Holzkreuz ohne den Gekreuzigten.

Karg ist die gesamte Ausstattung. Nur rechts stehen auf niedrigem Betonsockel einige Sitzbänke, davor ein Weihwasserbecken und seitlich Lichteinfall, der den roh aufgetragenen Sichtbeton zu plastisch lebendiger Wirkung bringt – fast wie eine sich bewegende Meeresfläche.

 

Bauchig und schwer senkt sich die Decke dunkel herab beim Blick vom Altarraum in Richtung Westen. Rechts Lichteinfall vom Werktagseingang, hinten in die Wand eingelassen ein Beichtstuhlpaar.

 

Zur Erinnerung an die Opfer des Krieges und speziell an einige hier von Deutschen Ermordete hat Le Corbusier im Osten der Hügelfläche eine kleine Stufenpyramide errichtet und daneben ein Friedensdenkmal mit Taube.

 

Blick von der Stufenpyramide auf die Ostwand der Kirche, die einen eigenen, überdachten Altarbereich bietet für Gottesdienste im Freien.

Die Atmosphäre absoluter Stille und Ruhe löst den Wunsch aus, in Ronchamp zu übernachten und den Bau auch im Morgenlicht zu erleben.

Fortsetzung mit „Ronchamp II – Innenansichten am Morgen: Wände“ folgt am 18. Januar 2019.