15. Dezember 2018

 

#lippiandme und #pinaflorenz

 

Ein Höhe- und der Endpunkt der Ausstellung ist Botticellis Beweinung Christi. Die Tafel erfährt durch die höhere Aufhängung, wie sie ihrem ursprünglichen Ort innerhalb eines Flügelaltars über der Altarmensa entspricht, eine verstärkte Fernwirkung. Auch erscheint der Blick hinein in die Grabeshöhle mit dem monumentalen Sarkophag erst aus der leichten Untersicht überzeugend.

 

Nach der Sicht aus großer Ferne auf Botticellis Meisterwerk nun der Blick aus nächster Nähe: so wie das ganze Gemälde nach jahrelanger Restaurierung seine ursprüngliche Farbenpracht und damit eine klarere Erkennbarkeit seiner Komposition zurückgewonnen hat, so sind nun auch Details von ungeahnter Aussagekraft. Hier zeigt sich wie in einem Brennpunkt die tränenreiche Trauer. Maria Magdalenas inniges Umarmen des schönen Toten zielt darauf, die Gläubigen zum Mitleiden anzuregen, zur „compassio“.

 

Sandro Botticelli (1444/45– 1510), Beweinung Christi, um 1495, München, Alte Pinakothek

Die große Altartafel erscheint nach Jahren der Abwesenheit in restauriertem Zustand wie in jugendlicher Frische. Das herausragende Tafelbild aus den mittleren 1490er Jahren entstand für den Hochaltar der Kirche S. Paolino in Florenz, in deren Nähe Botticelli seine Werkstatt besaß. Ausgehend von der Tradition nordalpiner Vesperbilder, bei der Maria ihren auf dem Schoß liegenden Sohn beweint, hat Botticelli dieses Figurenpaar um weitere Gestalten bereichert. Ungewöhnlich ist es, dass Maria in Ohnmacht fällt und Johannes Evangelist sie und den abrutschenden Leichnam hält. Diese durch unmittelbare körperliche Nähe geschaffene Intimität findet ein Echo im tränenreichen Verhalten der beiden seitlichen Marien. Wie als Zeugen für eine spätere Zeit erscheinen in zweiter Reihe links der Einsiedler Hieronymus sowie Paulus mit seinem Schwert, während rechts in besonders aufrechter Haltung Petrus als Fels der Kirche steht. Diese drei bärtigen Greise erfreuten sich als Mittler des Glaubens auch sonst in Florenz besonderer Beliebtheit.

 

Anbetung ist das Thema. Mutterhände, ein ernster Kinderkopf und der Kreuzstab identifizieren das Geschehen als Begegnung des kleinen Johannes mit dem Jesusknaben. Frühere Kenntnis und die jetzige Klarheit der Formen und Farben zeigen, dass das Bild jüngst gut restauriert worden ist.

 

Der gleiche Eindruck bei einem weiteren Bildausschnitt. Sehr schön in der Feinheit der Beobachtung und Ausführung ist die Gestalt des greisen Joseph, der im Sitzen plötzlich eingenickt ist.

 

Fra Bartolommeo (1472-1517), Anbetung des Kindes, um 1495, München, Alte Pinakothek

Der Tondo, das in Florenz so beliebte Rundbild, zeigt ein Geschehen in Verbindung mit der Flucht nach Ägypten. Dabei kommt es zur Begegnung der Hl. Familie mit dem kleinen Johannes. Während die Mutter ehrfurchtsvoll ihr göttliches Kind anbetet, hält ein wunderbar gemalter Engel mit schönem Profil den robusten Johannes hoch, damit er besser sehen kann.

Die Komposition ist nicht von Fra Bartolommeo direkt erfunden, selbst wenn die Ausführung gänzlich von seiner Hand stammt. Er stand wohl in engerer Verbindung mit dem älteren Lorenzo di Credi, denn ein Tondo von dessen Hand in New York zeigt die fast gleichen Figuren (ohne Joseph) – allerdings seitenverkehrt. Wie in der florentinischen Werkstattpraxis verbreitet, wurden die originalgroßen Kartons, die Vorstufen für die Ausführung, oft mehrmals verwendet und auch weitergegeben. Durch die mit Nadeln perforierten Aufzeichnung der Figuren wurde mit Stoffsäckchen Kohlestaub gedrückt, womit die Konturlinien übertragen und die Gestalten auch spiegelverkehrt – wie hier – erscheinen konnten. Fra Bartolommeo gelingt es aber dank seiner größeren künstlerischen Begabung, besonders auch als Landschaftsmaler und vor allem als herausragender Kolorist, sein Vorbild zu überbieten. Die Verbindung von Farbenpracht und meisterhaftem Helldunkel in diesem Jugendwerk macht seine spätere Nähe zu Raffael verständlich.

 

NICHT IN DER AUSSTELLUNG:

Da Hauptwerke des 15. Jh. in der Sonderausstellung zu sehen sind, wurden die entstandenen Lücken in der Ständigen Sammlung mit Beständen aus Eigenbesitz der Alten Pinakothek gefüllt. Sie sind von solcher Qualität, dass manches andere Museum glücklich wäre, diese „zweite Wahl“ als erste bei sich zeigen zu können. Es lohnt sich also in das Galeriegeschoss hinauf zu gehen. Dort geblieben sind zudem die Hauptwerke des frühen 16. Jahrhunderts.

Da Fra Bartolommeo auch ein Meister der Hochrenaissance und Förderer des jungen Raffael in Florenz war, beschließe ich meine Bilderreihe mit einem Glanzpunkt der Sammlung, mit Raffaels berühmter Hl. Familie aus dem Hause Canigiani, entstanden um 1505-06. Raffael stammt aus Urbino (was er selbst durch die Signatur am Saum des Ausschnitts betont), sein Stil wandelt sich in Florenz und das auch unter dem Einfluss von Fra Bartolommeo. Bereits beim jungen Urbinaten ist ein reicheres Beziehungsgeflecht der Gestalten als bei Fra Bartolommeo zu beobachten, auch eine gesteigerte Natürlichkeit und eine noch intensivere Wirkung der Farbe.

 

NICHT IN DER AUSSTELLUNG:

Raffael Sanzio (1483-1520), Hl. Familie aus dem Haus Canigiani, um 1505-06, München, Alte Pinakothek

Bei diesem Hauptwerk Raffaels, gemalt mit Anfang 20, sind die Gestalten in eine pyramidale Gesamtform eingebunden und vor einer reich gestalteten Landschaft zu sehen. Lange wirkte die Gruppe noch freier, denn im späten 18. Jh. waren die  Wolken mit den Engeln übermalt worden, was erst 1983 rückgängig gemacht wurde.

Der Jesusknabe wendet sich eindringlich an den kleinen Johannes, der ihn mit staunend offenem Mund anhört. Die einzelnen Buchstaben auf dem Spruchband lassen sich zu „ECCE AGNUS DEI“ ergänzen, den Hinweis auf Christus als das Lamm Gottes. Die beiden Mütter halten jeweils ihre Kinder. Während Maria, im Lesen unterbrochen, ruhig auf sie niederschaut, wendet sich Elisabeth sprechend hinauf zu Joseph, der wie ein guter Hirte die Gruppe nach oben beschließt.

Sagen ließe sich noch vieles, was aber nicht zur aktuellen Ausstellung gehört. Was bleibt ist die Präsenz dieses Bildes in der Alten Pinakothek. Das allein würde genügen, sie wieder und wieder zu besuchen. Hinzu kommt aber noch die Freude auf die übrigen in Florenz entstandenen Werke, die nach dem Ende der jetzigen Ausstellung den Glanz und Ruhm der Münchner Sammlung in den vertrauten Galerieräumen weiterhin vor Augen führen werden.

Siehe auch die Beiträge I bis VI.